Ein Roboter ist ein Roboter – und kein Mensch

12. Caritas-Diskurs Ethik zeigt Herausforderungen der Digitalisierung auf

„Digitalisierung – soziale Arbeit im Wandel“ war das Thema des 12. Caritas-Diskurses Ethik in der Katholischen Akademie Schwerte (v. l.): Dr. Christian Stoffers (St. Marien-Gesellschaft Siegen), Ägidius Engel (Diözesan-Caritasverband), Steffen Pau (kath. Datenschutzzentrum Dortmund), Domkapitular Dr. Thomas Witt (Vorsitzender Diözesan-Caritasverband), Prof. Dr. Arne Manzeschke (Ev. Hochschule Nürnberg), Heike Perszewski, Aline Wybranietz (Sozialwerk St. Georg Niederrhein), Marius Menke (Diözesan-Ethikrat) und Prof. Dr. Hartmut Kopf (Hochschule Bonn-Rhein-Sieg).Foto: cpd/Sauer Schwerte/Paderborn, 28.11.18 (cpd). Kümmert sich bald auch der Online-Versandhändler um das passende Pflegeangebot für die Oma? Entfällt die nervige Suche nach dem Kita-Platz für die Jüngsten dank lokaler Betreuungs-Plattformen? Kann der demenzkranke Nachbar aufgrund intelligenter Haustechnik weiterhin allein in der eigenen Wohnung leben, ohne sich und andere zu gefährden  - und sogar die geliebten Waldspaziergänge genießen, weil er jederzeit per GPS-Sensor auffindbar ist?  Kein Zweifel: In Zeiten der Digitalisierung öffnen sich ungeahnte Horizonte. Gleichzeitig zeigt die Digitalisierung gerade für kirchliche Akteure in der Sozialwirtschaft neue Herausforderungen auf. Beim 12. Caritas-Diskurs Ethik des Diözesan-Caritasverbandes Paderborn gab es in der Katholischen Akademie Schwerte wichtige Erkenntnisse.

Wenn manche Kinder heute „Alexa“ für ein Familienmitglied halten und bei Tisch für sie einen zusätzlichen Teller hinstellen, mag man darüber lächeln. Für Dr. Hartmut Kopf, Honorarprofessor an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, zeigt dieses Beispiel, wie sehr uns die Digitalisierung noch verändern wird. Und dabei geht es längst nicht mehr um technische Tools, die das Leben erleichtern. Für Kopf ist Digitalisierung die neue „soziale Frage“ des 21. Jahrhunderts. „Digitale Teilhabe ist heute eine elementare Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe.“

Wie die großen kirchlichen Sozialreformer des 19. Jahrhunderts, die sich mit den Folgen der ersten industriellen Revolution konfrontiert sahen, stünden auch heute Caritas und Diakonie vor ähnlichen Herausforderungen. Von ihnen erhofft sich Kopf, dass sie den gesellschaftlichen Diskurs über die gewünschten und unerwünschten Auswirkungen der Digitalisierung mit anführen. Angesichts der Geschwindigkeit der technologischen Entwicklung sei dieser Diskurs dringend nötig. „Im Gegensatz zu den McDonald´s dieser Welt, die sich Positionen in diesem Diskurs erst noch erarbeiten müssen, sind Caritas und Diakonie hier sprachfähig.“ Gleichzeitig müsse die Digitalisierung „radikal“ genutzt werden, um Menschen in ihrem Bemühen um gesellschaftliche Teilhabe zu unterstützen. Dass die Sozialwirtschaft in Sachen Digitalisierung zehn Jahre hinter der Entwicklung zurück stehe, sei nicht dramatisch. „Kleine und mittelständische Unternehmen sind auch nicht weiter.“

Wie könnte eine gesellschaftlicher Diskurs in Sachen Digitalisierung befeuert werden? Dr. Arne Manzeschke, Professor für Anthropologie und Ethik für Gesundheitsberufe an der Evangelischen Hochschule Nürnberg, hatte in Schwerte mehrere Hinweise parat. Ganz simpel zum Beispiel die Frage, warum man Robotern, die nichts anderes tun, als Pflegebedürftige ins Bett oder ins Bad zu heben, ein humanoides Aussehen verleihen muss. Gewichtiger schon die Forderung nach sprachlicher Präzision: Denken, Fühlen, Wollen sind Begriffe, die, so Manzeschke, nur Menschen vorbehalten sein sollten. Die sprachliche Übertragung auf Maschinen sei unzulässig. Selbst der Begriff „künstliche Intelligenz“ sei irreführend. „Wir müssen neue Begriffe finden für das, was Maschinen tun.“

Wichtig ist für Manzeschke auch die Unterscheidung zwischen Hilfe und Assistenz. Gerade im kirchlichen Kontext gebe die biblische Erzählung vom Barmherzigen Samariter einen deutlichen Hinweis. Der Samariter war im Innersten berührt von der Notlage des Gewaltopfers, im griechischen Urtext heißt es: „in seinen Eingeweiden angerührt“. Hilfe sei also eine Tätigkeit, die nur von Mensch zu Mensch leistbar sei. „Die Assistenz ist nicht schlecht, hat aber einen anderen Status.“ So sei der Einsatz von Robotern etwa in der Betreuung von Demenzkranken grundsätzlich nicht unethisch. „Wenn es aber primär darum geht, diese Menschen ruhig zu stellen, geht so etwas nicht.“ Die Einrichtung müsse die Regeln und Ziele für den Einsatz von Robotern offen kommunizieren.

Digitalisierung wirft die Frage auf, was Menschsein ausmacht, was alles dazugehört. Warum noch vor die Tür gehen, wenn die Welt zu mir kommt? Warum Freunde treffen, wenn ich sie ständig virtuell im Smartphone dabei habe? Das Verlockende an der Digitalisierung ist für Manzeschke, dass Krisen und „Widerständigkeiten“ in den digitalen Welten ausgeschaltet werden. Es werde suggeriert, dass „unser Leben bis zum Ende sorgenfrei durchgeht“. Dass dies bei endlichen Wesen nicht funktioniert, liegt auf der Hand. Gesund für die menschliche Entwicklung sei es auch nicht.  „Wir brauchen als Menschen diese Widerständigkeiten, um daran zu reifen.“ Die Frage laute, wie Technik eingesetzt werden könne, dass sie den Menschen in seiner Leiblichkeit unterstützt, ohne ihn von sich und seiner Endlichkeit zu entfernen.

Eine mögliche Antwort hat das Sozialwerk St. Georg in seinen Demenz-Wohngemeinschaften gefunden. Heike Perszewski und Aline Wybranietz stellten Möglichkeiten vor, wie am Niederrhein gemeinsam mit Demenzkranken technische Hilfsmittel erprobt werden, die ihnen Sicherheit, Schutz und auch Lebensfreude ermöglichen. Vom einfachen Schlüssel-Auffinder, über die Erinnerungsuhr, das das „Essen auf Rädern“ ankündigt, bis hin zu Sensoren, die beispielsweise das Öffnen der Kühlschranktür überwachen oder Bewegungsprofile in der Wohnung erstellen, um damit Tag- und Nachrhythmen zu erfassen. „Es gibt unendlich viel, aber was sinnvoll und gut ist, entscheiden die Bewohner selbst“, so Aline Wybranietz.

Dr. Christian Stoffers, Kommunikations- und Marketingleiter der St. Marien-Gesellschaft Siegen, berichtete, welche Erkenntnisse der Einsatz von digitalen Instrumenten für das Marketing eines Krankenhauses haben kann. So habe das Marienkrankenhaus als eine der ersten Kliniken in Deutschland die Interaktion mit den Patienten über Social Media gefördert. Steffen Pau, Datenschutzbeauftragter der NRW-Diözesen und Leiter des katholischen Datenschutzzentrums Dortmund, plädierte abschließend dafür, „um das Schutzgut des Datenschutzes zu kämpfen“. Das Ziel des Datenschutzes sei immerhin die Sicherstellung von Persönlichkeitsrechten.