Wolfgang Thierse sieht Demokratie in Gefahr

Bundestagspräsident a. D. war Festredner beim Kommendefest

Kommendefest mit Preisverleihung (v.l.): Ute Hanswille (Vorsitzende der Freunde und Förderer der Kommende e.V.), Prälat Dr. Peter Klasvogt (Direktor der Kommende), Preisträgerin Dr. Anna Maria Riedl, Festredner Dr. h.c. Wolfgang Thierse, Preisträger Dr. Bernhard Preusche und Prälat Thomas Dornseifer (Stellvertretender Generalvikar).pdpDortmund, 26. November 2018. Wenn Wolfgang Thierse einen Vortrag hält, müssen schon mal zusätzliche Stühle in den Raum gebracht werden. So war auch in der Kommende Dortmund, dem Sozialinstitut des Erzbistums Paderborn, am Freitag das Interesse besonders groß, als der Bundestagspräsident a. D. beim Patronatsfest über Demokratie und Europa sprach.

Am Festtag des heiligen Clemens von Rom hatte das traditionelle Kommendefest mit einem Vespergottesdienst begonnen. Dem feierlichen Gottesdienst stand Prälat Thomas Dornseifer als Stellvertretender Generalvikar vor. Im Anschluss stellte Prälat Dr. Peter Klasvogt, Direktor der Kommende, die Frage: „Was macht es für uns aus, als Kirche in Europa zu leben?“

In seinem Vortrag wies der Festredner Dr. h.c. Wolfgang Thierse auf die Gefährdungen der Demokratie hin: „Demokratie ist nicht mehr selbstverständlich, sondern bedroht.“ Es gebe eine „Wiederkehr der alten Geister“ Nationalismus und Rassismus. Die sogenannten Sozialen Medien würden vermehrt zu „Echoräumen der eigenen Vorurteile“. Je komplexer die Probleme seien, umso größer werde der Ruf nach einfachen Antworten. Demokratie aber sei eine „diskursive Herrschaftsform“, in der es nicht um ein einfaches Ja oder Nein einer Mehrheit gehen könne. Gefragt seien Mäßigung und die Suche nach Kompromissen, Minderheitenschutz sowie eine Verständigungsbereitschaft über Fakten. Wolfgang Thierse forderte seine Zuhörer dazu auf, populistischen Strömungen entgegen zu treten: „Notwendig ist eine Bereitschaft zum Widerspruch.“ Es sei eine Bürgeraufgabe, Hass und Ausgrenzung zu widersprechen.

Um Solidarität und kulturelle Verständigung in einem geeinten Europa geht es auch in den beiden Projekten der Kommende, der Sozialakademie „Europa eine Seele geben“ und das „International Youth Meeting Budapest“. Zu deren neuesten Entwicklungen wurden zwei Filmbeiträge präsentiert.

Den Abschluss des Patronatsfestes bildete die Verleihung des Förderpreises „Christliche Sozialethik“ für das Jahr 2018. Dieser ging an Dr. Anna Maria Riedl (Münster) und Dr. Bernhard Preusche (Eriskirch). Mit dieser Auszeichnung, die jeweils mit einem Preisgeld in Höhe von 1.000 Euro verbunden ist, werden neben der hohen wissenschaftlichen Qualität die Aktualität der jeweiligen Forschungen und der innovative Beitrag zur Weiterentwicklung der Christlichen Sozialethik gewürdigt.

Dr. Anna Maria Riedl erhält die Auszeichnung für ihre Arbeit „Ethik an den Grenzen der Souveränität. Christliche Sozialethik im Dialog mit Judith Butler unter Berücksichtigung des Kindeswohlbegriffs“. Ausgangspunkt der Forschung zum Kindeswohl ist die Widersprüchlichkeit der aktuellen Debatte um das Kindeswohl und um Kinderrechte angesichts zunehmender Kinderarmut, familiärer Gewalt und Missbrauch.

Dr. Bernhard Preusche wird mit dem Förderpreis für seine Arbeit „Sozialstaat im Überlegungsgleichgewicht. Die Kohärenz von Sozialrecht, Gerechtigkeitsvorstellungen und katholischer Soziallehre zur Erarbeitung sozialstaatlicher Qualitätskriterien“ ausgezeichnet. Vor dem Hintergrund der Krisen und Gerechtigkeitslücken im gegenwärtigen deutschen Sozialstaat entwickelt er Kriterien zur Orientierung sozialpolitischer Reformen.

Der Förderpreis „Christliche Sozialethik“ wird vom Verein der Freunde und Förderer der Kommende e. V. alle zwei Jahre zur Förderung von Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern ausgeschrieben.