Molekularmedizin: Hoffnungsträger oder Schicksalsbote?

Medizin-ethische Fragestellung im Blickpunkt: 34. Ärztetag im Erzbistum Paderborn im Heinz Nixdorf MuseumsForum

Gastgeber, Verantwortliche und Referenten des Ärztetages (v.l.): Prälat Thomas Dornseifer, Prof. Dr. Katharina Klöcker, Dr. Werner Sosna, Erzbischof Hans-Josef Becker, Dr. Uli Polenz, Prof. Dr. Markus Nöthen und Prof. Dr. Hendrik Milting.pdp/Maria Aßhauer Paderborn, 10. November 2018. „Beim Blick in das Genom eines Menschen entfaltet die genetische Diagnostik ihr zentrales Können, aber auch ihre Ambivalenz.“ Mit diesen Worten brachte Erzbischof Hans-Josef Becker heute in seinem Grußwort beim 34. Ärztetag im Erzbistum Paderborn das ethische Dilemma der Molekularmedizin – und damit die Tagesthematik – auf den Punkt. Die rund 110 Teilnehmer im Paderborner Heinz Nixdorf MuseumsForum konnten dank Beiträgen von Experten aus Ethik und Medizin und im gemeinsamen Austausch einen differenzierten Blick auf die „Möglichkeiten, Grenzen und Risiken molekularer Medizin“ werfen.      

Das Thema „Molekularmedizin“ nannte Erzbischof Hans-Josef Becker in seinem Grußwort „auch politisch relevant“.pdp/Maria Aßhauer „Immer wieder hören wir von bahnbrechenden Fortschritten, die das Ziel einer ‚personalisierten Medizin‘ verfolgen. Dass also Therapien entwickelt werden können, die auf den Einzelfall bezogen höhere Heilungsaussichten versprechen“, sagte Erzbischof Hans-Josef Becker in seinem Grußwort. Der Wunsch, gesund zu sein und gesund zu bleiben, gehöre genauso zum Menschen wie seine permanente Verletzlichkeit. „Und es mag fast paradox klingen, dass wir nur deshalb ein unbeschwertes Leben führen können, weil wir um unsere genetische Anfälligkeit nicht wissen“, führte der Paderborner Oberhirte weiter aus. Die Molekularmedizin könne sowohl Hoffnungsträger als auch Schicksalsbote sein. „Denn mit der Erkenntnis der genetischen Disposition eines Menschen wird auch das Wissen um eine mögliche und erst im weiteren Verlauf des Lebens eintretende Erkrankung zugänglich. Wie gehe ich dann mit einer solchen Erkenntnis um?“, fragte Erzbischof Becker. Die durch die Molekularmedizin auftretenden Fragen seien nicht nur für die Beteiligten hochsensibel, vielmehr auch für die Gesellschaft politisch relevant.  

Erzbischof Becker begrüßte die Referenten des Tages, die in Fachvorträgen das Thema Molekularmedizin aus verschiedenen Perspektiven beleuchteten: Professor Dr. rer. nat. Hendrik Milting vom Herz- und Diabeteszentrum Bad Oeynhausen, Professor Dr. med. Markus Nöthen von der Universität Bonn und Professorin Dr. theol. Katharina Klöcker von der Universität Bochum. Gleichzeitig dankte der Paderborner Erzbischof Professor Dr. Eckhard Most und Prof. Dr. Heribert Reichelt, die lange Jahre in der Planungsgruppe des Ärztetages aktiv waren und nun aus diesem Gremium ausscheiden. Als neues Mitglied begrüßte Erzbischof Becker Professor Dr. Andreas Götte: Er leitet die Kardiologie und internistische Intensivmedizin am St. Vincenz-Krankenhaus in Paderborn.  

Prof. Dr. Hendrik Milting sprach über Chancen und Grenzen der Molekularmedizin bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen.pdp/Maria Aßhauer Prof. Dr. Hendrik Milting machte in der Riege der Referenten den Anfang und sprach zum Thema „Molekulare Genetik in der Herz-Kreislauf-Medizin – Chancen für die Patienten und Grenzen des Machbaren“. „Nicht nur ein Gen kann bei einer Krankheit entscheidend sein, sondern auch viele Gene gemeinsam. Das macht die Molekularmedizin hoch-komplex“, erklärte der Molekularbiologe. Die Fortschritte der Disziplin würden in ganz neue Dimensionen vorstoßen und natürlich auch neue Fragen aufwerfen. „Vorbelastungen in Familien können zu großer Unsicherheit führen und auch zur Frage: Testet man auch schon Kinder?“, fragte der Wissenschaftler. Gerade auch bei der Frage des Kinderwunsches von veranlagten Patienten müssten letztlich diese sich die Frage stellen, ob sie alles an Risiko im Vorfeld wissen wollen. „Als Wissenschaftler rüttelt man da an Grenzen“, brachte es Prof. Dr. Milting auf den Punkt.  

Anhand einer Kartierung der Gene, die an Volkskrankheiten beteiligt sind, erklärte Prof. Dr. Markus Nöthen die rasanten Fortschritte der Molekularmedizin: „Diese Karte war 2005 noch leer.“pdp/Maria Aßhauer Mit „Fortschritten bei der Diagnostik und Therapie erblicher Krankheiten“ knüpfte Professor Dr. med. Markus Nöthen von der Universität Bonn fast nahtlos an seinen Vorredner an. „Rund 80 Prozent der in Deutschland vorkommenden seltenen Erkrankungen haben eine genetische Ursache“, erläuterte der Humangenetiker. Wie auch Prof. Milting plädierte Prof. Nöthen für eine multidisziplinäre Betreuung des Patienten im Rahmen der Molekularmedizin. „Ich erlebe die Genetik bei der Diagnosefindung mehr als hilfreich und als eine enorme psychische Entlastung für Patienten, denn eine Diagnose ist ein Wert an sich.“ Keine Diagnose zu haben, sei unendlich belastend, so der Mediziner. „Der Blick ins menschliche Genom wird zur wichtigen Informationsquelle und er wird den beunruhigenden Charakter als Technologie genauso verlieren wie andere Technologien zuvor auch“, prognostizierte Prof. Dr. Nöthen  

Prof. Dr. Katharina Klöcker plädierte für die Kategorie der „Verletzlichkeit“. Erst sie befähige den Menschen zur Solidarität mit dem Nächsten.pdp/Maria Aßhauer Professorin Dr. theol. Katharina Klöcker von der Universität Bochum fragte in ihrem Vortrag schließlich „Vulnerabilität als Defizit? Theologisch-ethische Anmerkungen zur postnatalen Gendiagnostik“. Die Molekularmedizin führe dazu, dass es immer mehr „gesunde Kranke“ gebe. „Oft wird dabei nicht genügend reflektiert, dass es auch bei genetischen Tests letztlich nur um Wahrscheinlichkeiten geht“, machte die Theologin deutlich. Die Genetik könne einen Präventionszwang zur Folge haben. So entstehe die Gefahr, nur noch über Risikoreduktion und Selbstoptimierung nachzudenken. Dieser Einstellung setzte Prof. Dr. Klöcker die Haltung der „Vulnerabilität“, der Verletzlich- und Verwundbarkeit gegenüber: „Verletzlichkeit ist ein Kernthema des christlichen Glaubens. Im Christentum zeigt Gott sich in der höchsten Form der Verwundbarkeit: als Säugling und als Gekreuzigter.“ Dieses Bewusstsein der eigenen Verletzlichkeit wecke erst das Bewusstsein für die Zerbrechlichkeit des Nächsten und sei damit die Basis für Solidarität. „Die genetische Medizin sollte in meinen Augen wertschätzend betrachtet werden, jedoch sollte sie maßvoll und reflektiert eingesetzt werden“, forderte die Theologin abschließend.  

Die Diskussion der Referenten mit den Teilnehmenden machte die Relevanz eines Diskurses über Molekularmedizin deutlich.pdp/Maria Aßhauer Die anschließende Diskussion mit den Teilnehmern, die von Dr. Uli Polenz moderiert wurde, machte den ambivalenten Charakter der Molekularmedizin weiter erörtert – von der Feststellung, dass viele genetische Prädispositionen gar nicht so hoch seien, dass eine leichte Entscheidung zur Prävention nötig sei, bis hin zur Erkenntnis, dass ethische Entscheidungen immer auch von der Psyche eines Patienten abhängig seien. In einem waren sich alle drei Referenten  einig: Es braucht einen breiten gesellschaftlichen Diskurs über die Möglichkeiten und Herausforderungen der molekularen Medizin – der 34. Ärztetag im Erzbistum Paderborn war ein Beitrag dazu.