„Typen mit Ausdruck“ – damals wie heute

Mimik und Ton-Arbeiten zur „Gotik“ im Workshop des Diözesanmuseums für Jugendliche

Mara stellte im Spiegel immer wieder Gesichtsausdrücke nach, um sie dann an der Ton-Figur umzusetzen.pdp / Ronald Pfaff Paderborn, 29. Oktober 2018. „Typen mit Ausdruck – grinsende Teufel, lächelnde Damen, zornige Wasserspeier“, lautete der vielversprechende Titel eines Workshops im Erzbischöflichen Diözesanmuseum, zu dem Kunsthistorikerin und Kunstpädagogin Claria Stiegemann in der zweiten Woche der Herbstferien interessierte Jugendliche eingeladen hatte. Die Mischung aus Mimik-Imitation und handwerklicher Tonkunst kam bei den jungen Teilnehmerinnen und Teilnehmern gut an.

Mimik und Körperhaltung prägen Figuren aus dem 13. Jahrhundert – einer Epoche, die in der großen Ausstellung „Gotik – Der Paderborner Dom und die Baukultur des 13. Jahrhunderts in Europa“ eindrucksvoll dargestellt wird. Steinmetze und Bildhauer gaben damals ihren Figuren Gefühle. Die Engel beginnen zu lächeln, die Teufel grinsen hämisch. Eine Bildsprache entstand, die es so zuvor nicht gegeben hatte.

Sie lächeln, sehen traurig aus, unberechenbar oder schadenfroh. Kunsthistorikerin und Kunstpädagogin Claria Stiegemann wollte die jungen Besucher im Diözesanmuseum auf diese Spur führen. Figuren aus dem Mittelalter könnten sich nicht durch Sprache mittteilen, doch gebe ihre Mimik Einblicke in die Gefühlswelt. „Streift mit mir durch die Ausstellung und schaut mal genau hin“, lud Claria Stiegemann die Mädchen und Jungen zum Rundgang ein: „Welche Gefühle lassen sich da erkennen?“

Der „Atlant mit Kämpfer“ – Elijah mimte Gesichtsausdruck und Haltung eindrucksvoll nach.pdp / Ronald Pfaff Die Beobachtungsgabe war bei der ersten Aufgabe gefragt und bei der Erkundungstour waren die gesuchten Figuren irgendwo in der gesamten Ausstellung zu finden. „Schreibe auf einen Zettel, was die Figur denkt, fühlt oder sagen könnte“, lautete die erste Übung. Der „Atlant mit Kämpfer“ (Abguss) – eine Leihgabe des Bischöflichen Dom- und Diözesanmuseums Mainz – war einer der eindrucksvollsten Hingucker für die jungen „Kunststudierenden“. Die Figur zeigt einen Mann, dessen gebeugte Körperhaltung die Mühsal des Lastentragens unterstreicht. Die herben Gesichtszüge mit den weit aufgerissen Augen, der gerunzelten Stirn und den wulstigen, leicht geöffneten Mund unterstreichen den Eindruck physischer Anstrengung – so die Erläuterung im Ausstellungskatalog. Workshop-Teilnehmer Elijah imitierte den Ausdruck dieser Figur mit großem Talent.

„Sie sieht sehr traurig aus“, war Emma von der Figur der Törichten Jungfrau vom Lettner des Hamburger Domes zum Beispiel tief beeindruckt. Ihre Mimik unterstützte Emma mit einem Tuch um die Tränen zu trocknen. Im Original, der Leihgabe aus Hamburg, spiegeln sich Trauer und Verzweiflung. Ihre Tränen trocknet die Figur hier mit dem Gewandzipfel.

Natürlich durfte der „Kopf mit der Binde“ – der ein wenig zu Marke der Ausstellung geworden ist - in der Betrachtung nicht fehlen. Die jungen Museumsbesucher hielten fest und versuchten die Mimik umzusetzen: „Sie wirkt ängstlich. Die Figur könnte denken: Sie haben schon andere umgebracht, als nächstes bin ich dran.“ Die Leihgabe stammt aus Mainz aus der Werkstatt des „Naumburger Meisters“. In der Literatur gibt es mehrere Interpretationsansätze, doch „entsetzt“, „visionär“, „leidhaft“ oder „prophetisch“ kommen in der inhaltlichen Bestimmung vor.

„Aus der Betrachtung lernen und dann ausprobieren, wie das eigene Gesicht oder die Körperhaltung aussehen müssen, wenn man fröhlich, stolz oder verzweifelt wirken will“, erklärte Claria Stiegemann, Kunstlehrerin an der St. Michael-Realschule Paderborn, die Aufgabenstellung.

Constantin legte auf viele Details – wie den Hut – großen Wert bei der Arbeit mit Ton.pdp / Ronald Pfaff Nach den „schauspielerischen Einlagen“ wurden im Museumsatelier eigene, ausdrucksstarke Figuren aus Ton selbst geformt. Den Eindrücken aus dem Diözesanmuseum nacheifernd oder eigene phantasievolle Köpfe kreieren, die Mädchen und Jungen hatten Freude und waren gar nicht mal Neueinsteiger. „Ich habe in der Schule ein Projekt in Tonarbeit mitgemacht und habe seitdem Spaß daran“, erklärte Mara, die auch von der Gotik-Ausstellung noch ganz begeistert war: „Ich fand die lachenden wie traurigen Figuren schön. Die Gesichter hatten ganz starke Konturen. Richtig schön.“

Auch Antonia und Emma haben schon öfters mit Ton gearbeitet. Kleine Figuren oder Herzformen gehörten bisher zu ihren Werken. Die Jungs waren aber nicht weniger eifrig. „Ich habe schon mehrere Kurse gemacht und auf Kinder-Geburtstagen damit gearbeitet. Außerdem gehe ich gern ins Museum. Diese Ausstellung war auch richtig gut“, ließ sich Constantin kaum davon ablenken, seinem „Kopf“ einen Hut aufzusetzen.

In den nächsten Tagen können sich die Mädchen und Jungen ihre eigenen „Typen mit Ausdruck“ mit nach Hause nehmen, wenn die Köpfe aus dem Brennofen fertig gestellt sind.