„Ein unbeteiligtes Stubenhockertum verbietet sich bei uns Christen“

Semesterauftakt: Theologische Fakultät Paderborn startet mit Gottesdienst und Akademischer Jahresfeier in das neue Studienjahr

Das Professorium an der Theologischen Fakultät Paderborn im neuen Studienjahr 2018/2019.Foto: ThF-PB Paderborn, 9. Oktober 2018. Erzbischof Hans-Josef Becker und die Angehörigen der Theologischen Fakultät Paderborn sind zu Beginn des Wintersemesters gestern traditionell mit einem festlichen Gottesdienst und der Akademischen Jahresfeier in das neue Studienjahr gestartet. Dabei sprach sich Erzbischof Becker als Magnus Cancellarius der traditionsreichen Hochschule entschieden für eine notwendige Offenheit für Veränderungen und Neuaufbrüche sowohl in der Kirche als auch in der Theologie aus. Zehn Stipendiaten erhielten ihre Urkunden als Angehörige des neu eingerichteten Graduiertenkollegs mit dem Titel „Kirche-Sein in Zeiten der Veränderung“.  

In den kommenden drei Jahren werden sich die Stipendiaten innerhalb der verschiedenen theologischen Disziplinen mit besonderen Zukunftsfragen beschäftigen. Erzbischof Becker wies nachdrücklich darauf hin, dass die vom Erzbistum Paderborn finanzierte Initiative des Graduiertenkollegs nicht nur eine „Stärkung des Forschungsstandorts“ sei, sondern „auch eine neue Zusammenarbeit zwischen den in Paderborn, Dortmund und Siegen vorhandenen theologischen Ausbildungsstätten mit ihren je eigenen Stärken und personellen Ressourcen mit ganz neuen Perspektiven“ ermögliche.  

„Wir müssen auf die Veränderungen in Gesellschaft und Kirche reagieren und – aus unserem Glauben und dem reichen theologischen Schatz – nach neuen Antworten auf die Lebensfragen der Menschen suchen“, sagte Erzbischof Becker vor zahlreichen Gästen im Auditorium Maximum der ältesten Hochschule Westfalens. Darum halte er es auch für einen richtigen und guten Schritt, nicht nur verstärkt auf andere Fachbereiche im akademischen Bereich, sondern auch auf die interessierte Öffentlichkeit zuzugehen. „Ich finde es wichtig, über Veränderungen ins Gespräch zu kommen und damit etwas aufzugreifen, das vielerorts in der Luft liegt.“  

Allerdings dürfe in der Kirche der Begriff „Veränderung“ nicht nur technisch verstanden werden. Veränderung sollte auch „theologisch vertieft und seelsorglich verantwortet“ geschehen, erklärte Erzbischof Becker. „Vieles verändert sich, vieles muss sich verändern. Und doch muss es auch das bleibend Verlässliche geben, Dinge, bei denen Menschen wissen: Darauf kann ich mich verlassen.“   Er sei froh und dankbar, dass es an der Theologischen Fakultät Paderborn dieses bleibend Verlässliche gebe, dass „Theologie vor Ort“ betrieben und „hier die Quellen unseres Glaubens erschlossen“ würden. So werde „kirchliche Identität gesichert“ und würden Menschen, Seelsorgerinnen und Seelsorger, Frauen und Männer der Kirche, aus- und fortgebildet. Für die Zukunft bedeute das aber auch, dass „die Lehre und die hier betriebene Forschung nichts Statisches oder nur auf sich Bezogenes“ sein dürfe, warnte Erzbischof Becker.  

Erzbischof Hans-Josef Becker bei seiner Rede als Magnus Cancellarius im Auditorium Maximum der Theologischen Fakultät Paderborn. |Foto: ThF-PB Schon in seiner Predigt bei der vorausgegangenen Messfeier in der Paderborner Universitäts- und Marktkirche machte Erzbischof Becker den Lehrenden, Studierenden und Mitarbeitenden der Theologischen Fakultät Paderborn seinen Standpunkt klar: „Der Gott, an den wir Christen glauben, der kann sich wirklich alles zunutze machen, um es im Letzten zum Guten zu wenden. Nichts und niemand ist jemals restlos verloren“, sagte Erzbischof Becker und verwies immer wieder auf die Wirkmächtigkeit des Heiligen Geistes.  

Gott schaffe „aus dem Nichts etwas Neues“. Darauf verweise auch das Evangelium. „Wo die Jünger nichts mehr wissen und nichts mehr zu hoffen wagen, da ist der Raum, den nur Jesus Christus füllen kann. Unerwartet tritt er ein, bringt den Frieden und schenkt den Geist des Lebens.“ Im Empfang des Heiligen Geistes entstehe das Neue, woraus sich „Auftrag und Sendung“ ergeben, als Anhänger Jesu „in alle Welt zu gehen“.  

Gleichzeitig sei die Gabe des Geistes auch „ein Geschenk gegen die Versuchung zur Resignation und zur Weltfremdheit“, betonte Erzbischof Becker. „Ein unbeteiligtes Stubenhockertum verbietet sich bei uns Christen von selbst. Gerade Theologinnen und Theologen sollten die ‚Lichtfunken‘, entdecken können, die das Wirken des Geistes überall in der Welt hinterlässt. Auch dort, wo wir sie selber vielleicht nicht vermuten. In der Malerei und Kunst, in der Musik, im philosophischen Denken und in der Literatur, in der Schönheit der Schöpfung, im gelungenen Gespräch miteinander, in einem guten Film oder Theaterstück, in der Begegnung mit Menschen.“ Diese Erfahrung wünsche er insbesondere den Lehrenden und Studierenden zum Beginn des neuen Studienjahres: „Möge der Geist Gottes uns inspirieren und sich in unser Denken und Glauben breit machen.“  

Im Anschluss an den Gottesdienst begrüßte der Rektor der Theologischen Fakultät Paderborn, Professor Dr. Wolfgang Thönissen, die anwesenden Gäste im Auditorium Maximum. Zu ihnen gehörten neben Weihbischof Matthias König und Weihbischof em. Manfred Grothe zahlreiche weitere Gäste aus Politik, Gesellschaft und Wissenschaft. In seiner Rede unterstrich Professor Thönissen den Hinweis von Erzbischof Becker, sich als wissenschaftliche Einrichtung nicht abzuschotten, sondern offen auf die Erfordernisse dieser Zeit zu reagieren und ein stabiles Netzwerk aufzubauen. „Das Bilden eines akademischen Netzwerkes scheint mir für die Zukunft gefordert. Und wenn ich es richtig sehe, dann sind wir dafür hier in Paderborn ganz hervorragend aufgestellt. Wir müssen das Zusammenspiel unserer Einrichtungen nur nutzen“, erklärte der Rektor.  

Festredner bei der Akademischen Jahresfeier war in diesem Jahr der neue Lehrstuhlinhaber für Systematische Philosophie an der Theologischen Fakultät Paderborn, Professor Dr. Dr. Andreas Koritensky. Er sprach zur „Krise kultureller Identität als Herausforderung für das Christentum“ und stellte dar, dass sich das Christentum nur dann voll entfalten könne, wenn es sich in einer konkreten Gestalt auspräge.  

Im Rahmen der Akademischen Jahresfeier erhielten insgesamt fünf Absolventen ihre Abschlussurkunden. Überreicht wurden zwei Magisterurkunden, zwei Lizentiatsurkunden und eine Promotionsurkunde. Außerdem wurden vom Rektor mit Handschlag neun neueingeschriebene Studierende an der Theologischen Fakultät Paderborn willkommen geheißen. Zurzeit studieren hier 96 Ersthörer und 954 Zweithörer.