Eine faszinierende Epoche

Diözesanmuseum zeigt ab 21. September die Ausstellung „Gotik. Der Paderborner Dom und die Baukultur des 13. Jahrhunderts in Europa“

Die Fuststraßen-Madonna - im Blick von Dr. Christiane Ruhmann, Dr. Petra Koch-Lütke Westhues, Prälat Thomas Dornseifer, Dombaumeister Björn Erik Kastrup und Professor Dr. Christoph Stiegemann.pdp / Ronald Pfaff Paderborn, 20. September 2018. Die Gotik sei eine ganz spannende Epoche, die von Umbruch geprägt worden sei, und zugleich als Jahrhundert des Kathedralbaus bezeichnet werden könne, sagte Professor Dr. Stiegemann, Direktor des Diösezanmuseums Paderborn. Am Freitag, 21. September, eröffnet die Ausstellung „Gotik. Der Paderborner Dom und die Baukultur des 13. Jahrhunderts in Europa“ und lässt viele Einblicke in die Zeit von damals zu.

Auf einer Pressekonferenz am heutigen Donnerstag stellten Professor Stiegeman, Prälat Thomas Dornseifer (stellv. Generalvikar), Dr. Petra Koch-Lütke Westhues (Projektleiterin und Kuratorin der Ausstellung) sowie Dipl. Ing. Björn Erik Kastrup (Dombaumeister Erzbistum Paderborn) Details vor.   Der Paderborner Dom ist wie viele Kathedralen des 13. Jahrhunderts gotisch geprägt und somit ein gutes Anschauungsobjekt für die Stilrichtung. Anhand hochkarätiger Exponate entwirft die Schau im Diözesanmuseum ein faszinierendes Panorama der Zeit und zeigt, wie sich die neuartigen Ideen beim Bau der großen Kathedralen flächendeckend bis in die Regionen hinein ausbreiteten – von Reims über Paderborn bis nach Riga.

 „In diesem Jahr steht der Hohe Dom zu Paderborn gleich zweifach im Mittelpunkt: Zum einen feiern wir die Weihe des hochromanischen Doms vor 950 Jahren, der unter Bischof Imad 1068 neu errichtet worden war; zum anderen steht der gotische Nachfolgebau des 13. Jahrhunderts, der in seinen Dimensionen den Imad-Dom zum Vorbild hat, im Zentrum der großen Gotik-Ausstellung im Diözesanmuseum. Sie bildet den Höhepunkt und Abschluss des Paderborner-Jubiläumsjahres. Noch heute geht von den großen gotischen Kathedralen Europas eine ungeheure Faszination und Anziehung aus. Sie sind steingewordene Zeugnisse des Glaubens, die im Zentrum unserer Städte der Stille und dem Gebet wohltuend Raum geben. Es ist ein heiliger Ort, vom ihm geht Faszination und Anziehung aus. Davon wird die Ausstellung hier in Paderborn erzählen“, so Prälat Thomas Dornseifer.

Architektur ohne Schwere mit himmelwärts strebenden Gewölben, lichtdurchflutete Maßwerkfenster und monumentale Figuren, die tiefe menschliche Gefühle zeigen, aber auch Mikroarchitektur kennzeichnen die faszinierende Epoche der Gotik. Seit dem zwölften Jahrhundert revolutionierten, ausgehend von Frankreich, ihre Ideen und Innovationen die Architektur und Kunst in ganz Europa. Im Jahr des Paderborner Domjubiläums und im „Europäischen Jahr des Kulturerbes 2018“ widmet das Diözesanmuseum Paderborn dieser faszinierenden Epoche die große kunst- und kulturhistorische Ausstellung „Gotik – Der Paderborner Dom und die Baukultur des 13. Jahrhunderts in Europa“ (21. September 2018 bis 13. Januar 2019).

"Der Kopf mit der Binde" aus der Werkstatt des Naumburger Meisters ist das Paradestück der Gotik-Ausstellung.pdp / Ronald Pfaff Bedeutende Leihgaben
Bedeutende Leihgaben aus Museen und Sammlungen in ganz Europa lassen die Zeit der Gotik mit ihren vielfältigen gesellschaftlichen und technischen Veränderungen für die Besucher lebendig werden. Zu den herausragenden Ausstellungsstücken zählen die sogenannten Reimser Palimpseste, die ältesten erhaltenen Architekturzeichnungen, der berühmte „Kopf mit der Binde“ des Naumburger Meisters, das einzigartige Heiliggrabreliquiar aus dem Schatz der Kathedrale von Pamplona, das bislang noch nie in Deutschland gezeigt wurde, die Originalfragmente des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Schreins der heiligen Gertrud von Nivelles sowie weitere Preziosen der Goldschmiedekunst, Buchmalerei, Elfenbeinschnitzerei und Skulptur, etwa aus dem Louvre und dem Musée Cluny in Paris. Eigens erstellte 3D-Modelle und interaktive Animationen geben ungewöhnliche Einblicke in die Konstruktionstechniken gotischer Gebäude. Sechs Ausstellungseinheiten nehmen die Ideen und Dynamiken in den Blick, die den internationalen Erfolg der gotischen Architektur- und Formensprache begründeten: vom Bauprozess über bahnbrechende technische Neuerungen bis zu Fragen des kulturellen Austauschs und Wandels.

Umfeld und Beziehungsgeflecht
Ausgehend von den Auftraggebern und Stiftern des 1215 begonnenen gotischen Neubaus des Paderborner Doms zeigt die Ausstellung zunächst das kulturelle Umfeld und das Beziehungsgeflecht auf, aus dem die Paderborner Bischöfe, allen voran die Oberhirten aus der einflussreichen Familie Bernhards II. zur Lippe, und die Bauhütte ihre Konzepte entwickelten und weiter vermittelten. Selbstbewusst werden regionale, spätromanische Traditionen mit neuen gotischen Einflüssen aus Nordfrankreich und dem Gebiet des Mittelrheins zu neuen Formschöpfungen verbunden. Dabei war der Abriss des 1068 von Bischof Imad geweihten Vorgängerbaus keinesfalls notwendig, sondern erfolgte aus dem bewusst gefassten Entschluss, eine größere und modernere Kathedrale zu errichten, die nach rund 60 Jahren Bauzeit schließlich vollendet wurde.

Reimser Palimpseste
Die unterschiedlichen Gewerke, die an den Großbaustellen der Kathedralen zusammenarbeiteten, erforderten neue durchrationalisierte Abläufe, die technologischen Fortschritt mit neuen Formen der Arbeitsorganisation verbanden. Das neue Medium der Architekturzeichnung, das in der Ausstellung durch die berühmten Reimser Palimpseste vertreten ist, revolutionierte innerhalb weniger Jahrzehnte sämtliche Planungs- und Bauverfahren. Dadurch wurde es möglich, komplexe geometrische Architekturformen zu konzipieren, der Größe nach zu skalieren und auch in andere Kunstgattungen en miniature zu übertragen. Die ausgestellten, kunstvoll gearbeiteten Goldschmiedearbeiten, Elfenbeinschnitzereien und Buchmalereien führen dem Besucher eindrucksvoll vor Augen, wie gotische Formen als Gestaltungsprinzip oder Dekor in verkleinertem Maßstab eingesetzt wurden.

Bedeutung des Portalschmucks 
An den neu errichteten Kathedralen, so auch am Paradiesportal des Paderborner Doms, wird die Architektur zum Bildträger. Der Portal- und Figurenschmuck an und in den Kirchen gewinnt immer größere Bedeutung für die Verkündigung des Evangeliums als Grundlage des Glaubens: Die gotische Skulptur erlangt monumentales Format, sie wird zum Gegenüber des Betrachters und zeichnet sich durch eine teils ausgeprägte Mimik und Gestik aus mit dem Ziel, Emotionen und Mitgefühl bei den Gläubigen zu erwecken. Damit reagierten Auftraggeber und Bildhauer auf neue Formen der Wirklichkeitsauffassung und Frömmigkeit.

Als irdisches Abbild des himmlischen Jerusalems war der Innenraum der gotischen Kathedrale besonders gegliedert. Mächtige Schranken wie der erstmals für die Ausstellung rekonstruierte gotische Lettner des Paderborner Doms trennten das Langhaus vom Chor und damit die Laien vom Klerus. Im Zusammenspiel von Architektur, Skulptur, Glasmalerei, liturgischer Ausstattung, aber auch mehrstimmiger Musik, wie sie in den französischen Kathedralen erstmals zu hören war, spiegelt sich die hochmittelalterliche Spiritualität der Zeit. Im Sehen, das einen bis dahin nicht gekannten Stellenwert einnahm, und in der persönlichen Andacht vollzog sich die ganz eigene Begegnung mit dem Heiligen. Dies zeigen unter anderem die eindrucksvollen Reliquiare wie das Heiliggrabreliquiar aus Pamplona.

Professor Christoph Stiegeman, Dombaumeister Björn Erik Kastrup, Prälat Thomas Dornseifer und Dr. Petra Koch-Lütke Westhues vor der "Thronenden Madonna".pdp / Ronald Pfaff „Steingewordenes Zeugnis“
„Stand der romanische Dombau unter Bischof Imad zunächst im Mittelpunkt des in diesem Jahr begangenen 950-jährigen Weihejubiläums, so rückt mit der Gotik-Ausstellung als Höhepunkt und Abschluss des Paderborner Jubiläumsjahres nun der Dombau des 13. Jahrhunderts und die Zeit seiner Entstehung in unser Blickfeld“, sagt Prälat Thomas Dornseifer, stellvertretender Generalvikar im Erzbistum Paderborn. „Es ist der gotische Dom, der als steingewordenes Zeugnis des Glaubens das Leben unserer Stadt bis heute prägt“, so Dornseifer weiter.

Mit der Ausstellung sei es gelungen, ausgehend von Paderborn, die faszinierende Epoche der Gotik als europäisches, medienübergreifendes Phänomen in den Blick zu nehmen, ergänzt Prof. Dr. Christoph Stiegemann, Direktor des Diözesanmuseums Paderborn. Stiegemann dankte den Museen und Sammlungen in ganz Europa für ihre großzügige Unterstützung, ohne die ein solch ambitioniertes Ausstellungsprojekt nicht möglich gewesen wäre.
Ergänzt wird die Gotik-Ausstellung durch ein umfangreiches Führungs- und Begleitprogramm für die ganze Familie.

Die Schirmherrschaft über die Ausstellung haben der Erzbischof von Paderborn, Hans-Josef Becker, sowie Isabel Pfeiffer-Poensgen, Ministerin für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen, übernommen.