„Veränderungen sind nur mit den Menschen zu schaffen“

Erzbischof Becker und Dr. Carsten Linnemann MdB sprechen bei Libori-Kundgebung des Landvolkes

Einzelne Gäste und Redner vor der Landvolk-Kundgebung (v.l.): Paderborns Bürgermeister Michael Dreier, Erzbischof Hans-Josef Becker, Dr. Carsten Linnemann MdB, Kornelia Wagner (Bezirksvorsitzende Westfälisch-Lippischer Landfrauenverband in OWL), Monsignore Uwe Wischkony (Direktor der Landvolkshochschule Hardehausen) und Landrat Friedhelm Spieker (Kreis Höxter).Foto: pdp/Maria Aßhauer Paderborn, 31. Juli 2018. „Um gute Entscheidungen treffen zu können, braucht es die Orientierung an gemeinsamen Werten. Werte wandeln sich nicht so schnell wie Inhalte, Werte sind Leitplanken unseres Handelns.“ Das sagte Erzbischof Hans-Josef Becker heute bei der Libori-Kundgebung des Landvolkes in der Paderborner Schützenhalle. „Immer schneller, immer kürzer, immer mehr – Politik in Zeiten zunehmender Beschleunigung und Unsicherheit“ lautete das Leitwort der Veranstaltung. Als Festredner sprach Dr. Carsten Linnemann, CDU-Bundestagsabgeordneter für den Wahlkreis Paderborn. „Die Digitalisierung hat dazu geführt, dass die Bindekraft unseres persönlichen Umfelds weggebrochen ist“, so der Politiker.  

Die Landvolk-Kundgebung ist eine „Institution“ beim Liborifest. Auch in diesem Jahr füllten Landwirte und Landfrauen die Paderborner Schützenhalle fast bis auf den letzten Platz, nachdem viele von ihnen bereits das Pontifikalamt für das Landvolk im Hohen Dom gefeiert hatten. Auch zahlreiche Vertreter aus Kirche, Politik und Verbänden kamen bei der Kundgebung zusammen. „Vielleicht sind heutzutage die nachdenklich Fragenden wichtiger als die schnellen Antwortgeber mit fertigen Rezepten“, gab Monsignore Uwe Wischkony, Direktor der vom Erzbistum Paderborn getragenen Katholischen Landvolkshochschule Hardehausen, in seiner Begrüßung einen Vorgeschmack auf die „Beschleunigung“ als Schwerpunkt der Kundgebung.  

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Dr. Carsten Linnemann stellte in seiner Festrede die These auf: „Durch die Digitalisierung hat die Bindekraft des persönlichen Umfelds nachgelassen.“Foto: pdp/Maria Aßhauer Die zunehmende Beschleunigung bringe die Gefahr mit sich, dass Menschen durch diese Entwicklung abgehängt würden, stellte Erzbischof Hans-Josef Becker in seinem Grußwort fest: „Damit meine ich nicht nur diejenigen, die täglich um ihre Existenz bangen müssen, sondern etwa auch unsere Alten, Kranken, Arbeitslosen oder Behinderten“, sagte er. Die christliche Soziallehre könne der Politik wichtige Entscheidungshilfen anbieten. So sei bei politischen Entscheidungen zu fragen, was der Würde des Menschen diene, was mehr Solidarität und Subsidiarität ermögliche und was mehr Nachhaltigkeit bringe. Christen könnten angesichts der beschleunigten Gesellschaft das Angebot der „Unterbrechung“ machen, so der Paderborner Oberhirte: „Religion ist Unterbrechung im Alltag. Wir brauchen Unterbrechung, um uns bewusst zu machen, welchen Sinn, welche Perspektiven unser Leben hat und warum wir tun, was wir tun“, fasste Erzbischof Becker zusammen.  

„Die Frage, ob es unseren eigenen Kindern einmal besser gehen wird als uns selbst, wurde früher mehrheitlich mit ‚Ja‘ beantwortet, heute hingegen oftmals mit ‚Nein‘“, brachte Festredner Dr. Carsten Linnemann die tief greifende Verunsicherung in Deutschland zu Beginn seines Vortrags auf den Punkt. Diese Sorge existiere, obwohl es Deutschland volkswirtschaftlich betrachtet gut gehe. Den Grund dafür machte er zum einen in der umfassenden Beschleunigung aus: Innerhalb der letzten Jahrhunderte habe sich die Gesellschaft in immer kürzeren Zeitintervallen von der Agrar- über die Industrie- bis hin zur digitalisierten Gesellschaft entwickelt. Auch die Kommunikation sei dadurch immer schneller geworden. „Neben positiven Folgen ist eine negative Begleiterscheinung, dass wir in ständiger Alarmbereitschaft leben. Diese Entwicklung hat gravierende Auswirkungen auf unseren Lebensstil: Reale Begegnungen nehmen ab. Brandherde auf der ganzen Welt, die verunsichernd wirken können, gab es im Grunde schon immer, aber unser ganz persönliches Umfeld ist uns nicht mehr so vertraut, was die tiefe  Verunsicherung bedingt“, erläuterte der CDU-Politiker.  

„Werte sind Leitplanken unseres Handelns“, sagte Erzbischof Hans-Josef Becker in seinem Grußwort.Foto: pdp/Maria Aßhauer Ein zweiter Grund für die sich ausbreitende Unsicherheit sei der Vertrauensverlust in Staat und Politik, fuhr das Bundestagsmitglied fort: „Die Bürger schätzen den freiheitlich demokratischen Rechtsstaat, aber sie wollen auch, dass er funktioniert. Wie soll man vermitteln, dass man als Bürger für Falschparken mit einem Knöllchen bestraft wird, während Staaten für gravierendes Fehlverhalten keinerlei Konsequenzen tragen?“, fragte der Festredner. Politiker müssten sich grundsätzlich bewusst machen, dass die Realität in ihren Wahlkreisen stattfinde. „Veränderung sind nur mit den Menschen, nah bei den Menschen zu schaffen“, so der 40-jährige Politiker.  

Die Politik selbst müsse sich in vielen Dingen hinterfragen und neu ausrichten: langfristiger denken, offensiver danach fragen, was auf europäischer Ebene geregelt werden müsse und was die einzelnen Staaten besser selber regeln könnten beispielsweise. Aber auch der einzelne Bürger hätte in dieser Gesellschaft viele Möglichkeiten, Verantwortung zu übernehmen. Der Politiker betonte die Rolle der Familien: „Die Familie ist der erste Ort, an dem ein Mensch lernt, was man tut und was nicht. Diese Verantwortung kann nicht bei den Schulen liegen!“. Zum Abschluss seiner von viel Zwischenapplaus begleiteten Rede warf Dr. Carsten Linnemann einen optimistischen Blick nach vorn: „Trotz aller Probleme, Sorgen und Verunsicherung haben wir in unserem Land die besten Voraussetzungen, um die Zukunft zu gewinnen.“