Paderborner Dom ist Gotteshaus mit eigenem Ökosystem

Hoher Dom zu Paderborn bietet Bienen, Falken und Fledermäusen Heimat mitten in der Innenstadt

„Als Kirche tragen wir den biblischen Auftrag an den Menschen, die Schöpfung zu bewahren und zu behüten, weiter.“ Dompropst Monsignore Joachim Göbel (2.v.l.) und Björn Kastrup (r.) vom Bauamt des Erzbischöflichen Generalvikariats mit Imker Thomas Rikus (3.v.l.), der sich um die Bienenvölker am Dom kümmert, und dem Hobby-Ornithologen Thomas Benkel (l.), der schon seit einigen Jahren die Turmfalken am Domturm beobachtet.pdp / Thomas Throenle Paderborn, 12. Juni 2018. Wahrzeichen von Paderborn, Gotische Kathedrale, vor 950 Jahren geweiht, hat gerade zwei Glocken bekommen – werden Paderborner Bürger oder Besucher nach Attributen des Paderborner Doms gefragt, so fallen ihnen einige Dinge ein. Doch dass der Hohe Dom zu Paderborn ein Zuhause für so einige Tierarten bietet und als eigenes Ökosystem gilt, das ist wahrscheinlich nur den wenigsten bewusst. Bereits seit mehreren Jahren dient der markante Turm des Domes Falken als Niststätte, um ihren Nachwuchs groß zu ziehen, seit einiger Zeit leben fünf Bienen-Völker am Dom und sicherlich hat sich auch die eine oder andere Fledermaus den Dom als ihr Sommerquartier ausgesucht. Das Pressegespräch am Dienstag mit Dompropst Monsignore Joachim Göbel, Architekt Björn Kastrup (Erzbischöfliches Generalvikariat), Imker Thomas Rikus (Imkerverein Salzkotten) und Hobby-Ornithologe Thomas Benkel (Naturwissenschaftlicher Verein Paderborn), war eine Premiere, denn die erste Honig-Ernte des Paderborner Domhonigs konnte verkostet werden.

„Als wir bemerkt haben, dass Falken am Domturm nisten und vermehrt Bienen umherschwirrten, waren wir sehr glücklich darüber, dass sich Tiere unsere Bischofskirche als Heimat und Zuhause auserwählt haben. Bei den derzeitigen Baumaßnahmen achten wir nicht nur besonders darauf, dass wir die Tiere nicht stören, vielmehr planen wir bewusst Maßnahmen zum Wohl der Tiere mit ein. Denn was gibt es Schöneres als die Vielfalt von Gottes Schöpfung unmittelbar an einem Gotteshaus beobachten zu dürfen?“, freute sich Dompropst Monsignore Joachim Göbel beim Pressegespräch zu den „Tieren am Dom“. Der Dom biete Heimat nicht nur für Menschen, vielmehr auch für Tiere. Dies insbesondere im Jubiläumsjahr zum 950sten Domweihejubiläum mit dem Leitwort „behütet und bedacht“ in die Öffentlichkeit zu tragen, sei wertvoll. „Als Kirche tragen wir den biblischen Auftrag an den Menschen, die Schöpfung zu bewahren und zu behüten, weiter. Mit dem Paderborner Dom haben wir einen prominenten Standort, um das Thema „Bewahrung der Schöpfung“ anderen Menschen bewusst zu machen.“  

Schon lange bekannt ist, dass ein Turmfalken-Paar an der Südseite des Doms nistet. „Das Männchen beobachte ich schon seit 15 Jahren. Es kommt jedes Jahr zum Nisten an den Domturm, denn Falken sind sehr reviertreu“, weiß Thomas Benkel, der sich ehrenamtlich als Ornithologe engagiert. „Im vergangenen Jahr hat das Turmfalkenmännchen gemeinsam mit einem sehr jungen Weibchen erfolgreich seine Brut aufgezogen und es sind vier Jungfalken vom Domturm ausgeflogen.“ Die erfolgreiche Brut sei sehr erfreulich, denn Falken seien aufgrund von zunehmend ungünstigeren Umweltbedingungen wie Windrädern oder Strommasten gefährdet. Insbesondere die Jungvogelsterblichkeit sei hoch. Um daher den Falken beste Nistbedingungen am Dom zu ermöglichen, wird bei den derzeitigen Baumaßnahmen am Domturm besondere Rücksicht genommen.  

Die drei Hasen des 3-Hasen-Fensters und der Pfau des heiligen Liborius finden sich wieder in Gesellschaft mit lebendigen Tieren. Imker Thomas Rikus und Dompropst Monsignore Joachim Göbel freuen sich über die fünf Bienenvölker am Paderborner Dom.pdp / Thomas Throenle „Wir haben den Domturm zu Beginn der Baumaßnahmen über mehrere Wochen nur von drei Seiten eingerüstet, um die Nisttätigkeit der Tiere nicht zu stören. Da die Turmfalken an der Südseite nisten, stört sie auch der derzeitige Einbau der neuen Glocken keineswegs“, erläutert Björn Kastrup aus dem Bauamt des Erzbischöflichen Generalvikariats. Geplant sei zudem, dass die oberen Gesimse am Domturm nicht abgedeckt werden, denn diese Vorsprünge nutzen junge Wanderfalken für erste Sprungübungen, bevor sie das Nest endgültig verlassen und ausfliegen. Darüber hinaus soll ein Nistkasten eingebaut werden, der vom Inneren des Turmes zugänglich sei, um die Falken besser beobachten und den Kasten reinigen zu können und eventuell auch eine Beringung durchzuführen. Dompropst Göbel verriet, dass gegebenenfalls sogar eine Webcam eingebaut werde, um die Falken beobachten zu können.  

Falken fällt das Nisten in Städten zunehmend schwerer, denn viele Gebäude werden zur Abwehr von Tauben versiegelt und unzugänglich gemacht. Wanderfalken beispielsweise tragen jedoch zur natürlichen Eindämmung der Tauben-Population bei, denn Tauben stehen auf dem Speiseplan der Falken. „Ein Wanderfalke benötigt mindestens alle zwei Tage Beute in der Größe einer Straßentaube und das über das ganze Jahr hinweg. So verspeist oder verfüttert ein Wanderfalke durchaus bis zu 100 Tauben im Jahr“, rechnet Thomas Benkel hoch.

Nicht nur für die Turm- und Wanderfalken stellt der Domturm eine ideale „Aufzuchtstation“ dar, auch Fledermäuse, wie das Große Mausohr, die Breitflügel Fledermaus oder die Zwergfledermaus werden gerne als typische „Kirchenfledermäuse“ bezeichnet. Im Turm finden Fledermäuse ideale Bedingungen, denn sie benötigen einen unbelasteten Raum, in dem sie ihre Jungen gebären und aufziehen können. Die Fledermäuse müssen die „Kinderstube“ einfach anfliegen und wieder verlassen können. Zudem sollte der Ort unbeleuchtet sein und unbehandeltes Holz aufweisen, denn nicht nur die Weibchen, auch die Jungen krallen sich von Geburt an kopfüber in das Holz. All diese Voraussetzungen sind am Paderborner Dom gegeben, so dass davon auszugehen ist, dass auch Fledermäuse sich den Dom als neue Heimat auswählen.  

Im letzten Jahr haben Turmfalken im Domturm genistet und ihre Jungen aufgezogen. Kundige Beobachter können Turm- und Wanderfalken entdecken.pdp / Thomas Throenle Neben den Falken und Fledermäusen fühlen sich auch Bienen am und um den Paderborner Dom herum sehr wohl. Mittlerweile haben fünf Honigbienen-Völker am Dom ein Zuhause gefunden. Zwei Bienenstöcke stehen im Osten direkt unter der Treppe zur Domsakristei, zwei auf dem Kapitelsfriedhof und einer auf der Mauer der Domsingschule. „Langfristig ist es aber durchaus vorstellbar, dass wir bis zu 25 Bienen-Völker im Gebiet des Domes ansiedeln. Die Bienen fühlen sich sehr wohl, das Mikroklima am Dom ist sehr gut“, weiß Imker Thomas Rikus. Die Bienenstöcke stehen geschützt, die Bienen haben eine freie Flugbahn und haben bereits nach etwa drei Metern Flug eine so hohe Flugbahn erreicht, dass sie Niemand mehr bemerkt und sich durch die Bienen belästigt fühlen könnte. „Daher haben wahrscheinlich auch die wenigsten Paderborner bisher gemerkt, dass überhaupt Bienen am Dom beheimatet sind“, vermutet Rikus, der als Mitglied des „Bioland-Verbandes“ biozertifizierten Honig produziert.  

Um die Bedingungen für die Bienen und andere Insekten noch weiter zu verbessern, sind für die anstehenden landschaftsbaulichen Neugestaltungen rund um den Dom besondere gärtnerischen Maßnahmen vorgesehen, wie zum Beispiel die Bepflanzung mit insektenfreundlichen Blumen. „Früher gab es etwa 600 unterschiedliche Bienen-Arten, von denen einige nur ganz bestimmte Pflanzen anfliegen. Wir wollen nun mithelfen, die Artenvielfalt in Paderborn wieder anzureichern“, so Imker Rikus.  

„Bei solch einem historischen und architektonisch einmaligen Bauwerk wie dem Paderborner Dom ist es nicht leicht, die Balance zu halten: das Fernbleiben bestimmter Tiere wie Tauben sicher zu stellen und Nischen zu schaffen für Tiere, deren natürlicher Lebensraum bedroht ist“, verdeutlichte Dompropst Göbel die Herausforderung abschließend. „Doch wir tun alles uns mögliche dafür, den Dom als eigenes Ökosystem weiter herausstellen und die besten Voraussetzungen zu schaffen, um Gottes Schöpfung zu bewahren.“ Er macht auch darauf aufmerksam, dass das Metropolitankapitel mit dem Paderborner Domhonig keinen Handel betreiben wolle: „Der Domhonig wird gegen eine Spende abgegeben und diese wird einem caritativen Projekt zu Gute kommen.