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Gespräch mit Pater Dr. Heinz-Meinolf Stamm OFM zum 60-jährigen Ordensjubiläum

Pater Dr. Heinz-Meinolf Stamm OFM feierte am Sonntag sein 60-jähriges Ordensjubiläum als Franziskaner. Eine Ikone des Gründers seines Ordens findet sich auf dem Schreibtisch im Erzbischöflichen Offizialats Paderborn.pdp / Thomas ThroenlePaderborn, 25. April 2018. Pater Heinz-Meinolf Stamm OFM (79) feierte vor wenigen Tagen sein 60-jähriges Ordensjubiläum. Er beging sein Jubiläum mit einem Festgottesdienst in der Paderborner Franziskanerkirche. Weihbischof Dr. Dominicus Meier OSB hielt die Festpredigt. Pater Heinz-Meinolf Stamm ist nicht nur Franziskaner, vielmehr auch Vizeoffizial des Erzbischöflichen Offizialates Paderborn, des kirchlichen Gerichtes im Erzbistum Paderborn. Im Interview richtet er seinen Blick auf seine lange Ordenszeit, seine vielfältigen Aufgaben in der Vergangenheit und seine Zukunftspläne. Das Gespräch mit Pater Heinz-Meinolf Stamm führte Thomas Throenle.      

pdp: Pater Heinz-Meinolf Stamm, Sie sind Franziskaner. Was hat Sie in die Gemeinschaft geführt, die auf den hl. Franziskus zurückgeht?      

Pater Heinz-Meinolf Stamm OFM: Als Junge war ich in Paderborn Messdiener bei den Schwestern der Christlichen Liebe und bei den Franziskanern. Wenn die Franziskanermissionare zum Heimaturlaub kamen und von ihren Erlebnissen in der großen, weiten Welt erzählten, war ich immer begeistert und meine Augen leuchteten. Das wollte ich auch einmal erleben. Als mich dann ein Pater eines Tages ansprach, ob ich vielleicht ins Franziskanerkolleg nach Holland gehen und später Franziskaner werden wolle, habe ich kurzentschlossen zugesagt. So wechselte ich mit 14 Jahren vom Reismann-Gymnasium ins Kolleg St. Ludwig bei Vlodrop in den Niederlanden, ein deutsches staatlich anerkanntes Gymnasium im Ausland.      

pdp: Wann traten Sie in den Orden ein, und wie erlebten Sie die Zeit des Noviziates?      

Das Studium von Akten gehört zur Tätigkeit von Pater Heinz-Meinolf Stamm OFM als Vizeoffizial des kirchlichen Gerichts des Erzbistums Paderborn. Der Franziskaner ist aber zudem Diplompaläograph und –archivist.pdp / Thomas ThroenlePater Heinz-Meinolf Stamm OFM: Vor 60 Jahren machten wir am 21. März 1958 im Kolleg St. Ludwig unter einem Schulrat des Kultusministeriums Düsseldorf das Abitur. Alle 16 Abiturienten bestanden. Einen Monat später, am 22. April, trat die halbe Abiturientia in Rietberg in den Franziskanerorden ein. Ich, 19 Jahre alt, auch. Das Noviziatsjahr führte uns ins Ordensleben ein. Jeden Tag hatten wir mehrere Vorträge über die franziskanische Geistigkeit und über die Liturgie. Es wurde uns eine gediegene geistige Grundlage geboten.      

pdp: Wie verlief der weitere Weg zum Priestertum?      

Pater Heinz-Meinolf Stamm OFM: Wir studierten Philosophie und Theologie an unserer Ordenshochschule: drei Jahre in Warendorf und drei Jahre in Paderborn. Das letzte Jahr war mit der Theologischen Fakultät Paderborn verbunden. Deshalb erhielt ich das Abschlussdokument von der Fakultät, unterschrieben vom damaligen Rektor Professor Dr. Gustav Ermecke. Am 22. Juli 1964 wurden wir von Erzbischof Dr. Lorenz Jäger im Dom zu Paderborn zu Priestern geweiht.      

pdp: Sie haben noch weitere Studien absolviert.      

Pater Heinz-Meinolf Stamm OFM: Die ersten drei Jahre nach der Priesterweihe war ich Kaplan in der Franziskanergemeinde Christkönig in Bochum. Danach studierte ich in Köln Bibliothekswissenschaften, in Rom an der Päpstlichen Universität Antonianum der Franziskaner Kirchenrecht und promovierte zum Dr. iur. can. mit einer Arbeit über das Thema „Luthers Stellung zum Ordensleben“. Anschließend studierte ich noch am Vatikanischen Geheimarchiv Paläographie, Urkundenlehre und Archivistik mit dem Abschluss als Diplompaläograph und –archivist. 1977 erhielt ich an der Päpstlichen Universität Antonianum und drei Jahre später auch an der Päpstlichen Lateranuniversität den Lehrstuhl für die Geschichte des Kirchenrechts. Meine Studenten waren ausschließlich Doktoranden. Bei mir promovierten beispielsweise der bisherige Ständige Vertreter des Heiligen Vaters in Buenos Aires und der bisherige Vertreter des Heiligen Stuhls in Moskau.      

Pater Heinz-Meinolf Stamm OFM wurde vom Paderborner Erzbischof Lorenz Kardinal Jaeger zum Priester geweiht.pdp / Thomas Throenlepdp: Welche Aufgaben haben Sie neben Ihren Lehrtätigkeiten sonst noch in Rom wahrgenommen?

Pater Heinz-Meinolf Stamm OFM: Von 1984 bis 1990 war ich Dekan und von 1990 bis 1996 Vizedekan der Kirchenrechtlichen Fakultät der Päpstlichen Universität Antonianum. In den letzten anderthalb Jahrzehnten meiner Tätigkeit in Rom habe ich in unterschiedlichen Stellen des Heiligen Stuhls mitgearbeitet, zunächst in der Sakramentenkongregation und dann jeweils ein Jahr später auch in der Glaubenskongregation und in der Kleruskongregation. Es ging um das kirchliche Recht, ich wurde berufen in die Sonderkommissionen für die päpstliche Dispens von der nichtvollzogenen Ehe, für die päpstliche Dispens von der nichtsakramentalen Ehe (Privilegium Petrinum) und für die Laisierung von Priestern. Auch der höchste Gerichtshof der Kirche, die Signatura Apostolica, teilte mir Rechtsfälle zu, außerdem das Offizialat Rom, in zweiter Instanz Ehenichtigkeitsfälle. Allein für die Glaubenskongregation bearbeitete ich im Laufe der Jahre über 1.400 Fälle aus der ganzen Welt in den Sprachen Latein, Italienisch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch, Deutsch und Englisch.      

pdp: Wann wurden Sie emeritiert?      

Pater Heinz-Meinolf Stamm OFM: 2008, mit Erreichen des 70. Lebensjahres, wurde ich als erster Professor überhaupt, mit Zustimmung der Kongregation für das Katholische Bildungswesen, von zwei Päpstlichen Universitäten zum Professor emeritus ernannt. In Rom ist die Emeritierung sehr kompliziert und selten, normalerweise scheidet man einfach aus. An der Päpstlichen Universität Antonianum habe ich aber noch ein weiteres Jahr doziert, da meine Nachfolgerin, eine Franziskanerin, die zugleich meine Studentin war, noch an ihrer Doktorarbeit saß.      

pdp: Seit 2009 sind Sie als Vizeoffizial am Erzbischöflichen Offizialat Paderborn tätig. Was ist Ihnen bei Ihrer Tätigkeit wichtig?      

Pater Heinz-Meinolf Stamm OFM: Meine Hauptaufgabe besteht darin, den Seligsprechungsprozess für den Diener Gottes Franz Stock als Promotor iustitiae sicher durch alle prozessrechtlichen Klippen zu führen. Außerdem arbeite ich im Moment an meinem 190. Ehenichtigkeitsfall hier in Paderborn. Vielen leidgeprüften Menschen kann auf diesem Wege geholfen werden. Ich bin aber auch noch in einem zweiten Seligsprechungsprozess als Promotor iustitiae, also als Kirchenanwalt tätig: für die Franziskanertertiarin Maria von Mörl aus Kaltern in der Diözese Bozen.      

Vizeoffizial und Offizial, Franziskaner und Benediktiner … eine enge Verbindung besteht zwischen Pater Dr. Heinz-Meinolf Stamm OFM und Weihbischof Dr. Dominicus Meier OSB schon über das kirchliche Gesetzbuch.pdp / Thomas Throenlepdp: Was haben Sie als Vizeoffizial an Besonderheiten erlebt?      

Pater Heinz-Meinolf Stamm OFM: Bei den Ehenichtigkeitsverfahren sind die Menschen immer erstaunt, dass mich die Zeit nach der Hochzeit überhaupt nicht interessiert, sondern nur die Zeit vor der Hochzeit. Aber es geht um die Ungültigkeit des Ja-Wortes am Hochzeitstag. Also kann uns nur helfen, was vor der Hochzeit war.      

pdp: Haben Sie auch in Ihrem Ordensleben Herausforderungen erlebt?      

Pater Heinz-Meinolf Stamm OFM: Ja, sehr. Von Anfang an hat mir das langsame Aufgeschlossenwerden der Kirche, der Orden, der Klöster sehr zu schaffen gemacht. Aber die Zeit bricht sich ihre Bahn, ob wir wollen oder nicht.      

pdp: Woran denken Sie am liebsten zurück?      

Pater Heinz-Meinolf Stamm OFM: Der Missionsgedanke als kleiner Junge hat mich nie losgelassen. Mehrmals konnte ich in Brasilien in den Armenvierteln bei Rio de Janeiro eine priesterlose Pfarrei mit 40.000 Katholiken jeweils für drei Monate betreuen: jeden Sonntag fünf Messen, nachmittags 50-60 Taufen, samstags ein gutes Dutzend Trauungen, werktags Besuch bei den Kranken und Vereinen. Ich habe dort gut Portugiesisch gelernt. Auch in Kanada konnte ich mehrmals in einer großen Pfarrei viel für die Immigranten tun und lernte gut Englisch.      

pdp: Was ist Ihnen als Franziskaner wichtig?      

Pater Heinz-Meinolf Stamm OFM: Für Franziskus von Assisi stand das franziskanisch-brüderliche Zusammenleben an erster Stelle, nicht die Armut. So denke auch ich.      

pdp: Gibt es ein Leitwort, einen Leitgedanken?      

Pater Heinz-Meinolf Stamm OFM: Franziskus von Assisi: „Der Herr hat mir Brüder gegeben.“ Auch ich sehe in den Mitbrüdern ein ganz persönliches Geschenk des Herrn. In Rom, im größten Franziskanerkonvent der Welt mit 180 Mitbrüdern aus 40 verschiedenen Nationen, war das brüderliche Zusammenleben nahezu perfekt. Kein böses Wort über einen Mitbruder. Davon zehre ich auch heute noch.      

pdp: Welchen Wunsch haben Sie für die Zukunft?      

Pater Heinz-Meinolf Stamm OFM: Im Vatikan wissen alle, auch der ehemalige Papst Benedikt XVI., der mich genau kennt, dass ich ein Fan von Martin Luther bin. Ich würde gern noch an der Rehabilitierung Luthers mitarbeiten und mithelfen, seine außerordentlich tiefe Gnadentheologie, eine Fortsetzung der Gnadentheologie des hl. Augustinus, für die heutige Theologie fruchtbar zu machen.      

Hier finden Sie unsere Meldung zum 60-jährigen Ordensjubiläum von Pater Dr. Heinz-Meinolf Stamm OFM.