Menschlichkeit über Grenzen hinweg

Zum 70. Todestag: Abbé Franz Stock im Porträt

Abbé Franz Stock – Symbolfigur der deutsch-französischen AussöhnungFoto: Franz-Stock-Komitee Paderborn/Neheim, 24. Februar 2018. Heute vor 70 Jahren starb der aus dem Erzbistum Paderborn stammende Priester Abbé Franz Stock. Der gebürtige Neheimer wurde im und nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer Symbolfigur der deutsch-französischen Aussöhnung. Das Seligsprechungsverfahren für Abbé Franz Stock läuft derzeit. Domkapitular Professor Dr. Rüdiger Althaus, Beauftragter für das Seligsprechungsverfahren im Erzbistum Paderborn, hat zum 70. Todestag von Abbé Franz Stock ein Porträt für die Wochenzeitung "Die Tagespost" verfasst. Am 25. Februar 2018 sendet das ZDF zum 70. Todestag von Abbé Franz Stock seinen Fernsehgottesdienst live ab 9.30 Uhr aus der Pfarrkirche St. Johannes Baptist in Arnsberg-Neheim. Erzbischof Hans-Josef Becker wird den Gottesdienst zelebrieren.    

Im Folgenden der Beitrag von Prof. Dr. Rüdiger Althaus:

 

Vor 70 Jahren starb der aus dem sauerländischen Arnsberg-Neheim stammende Priester Franz Stock in Frankreich. Hier wirkte er während der deutschen Besatzung von Paris im Zweiten Weltkrieg unter lebensgefährlichen Bedingungen als „Seelsorger in der Hölle“. Durch seinen selbstlosen Einsatz mit einer in jeder Hinsicht „grenzen-losen“ Menschlichkeit wurde er zu einer Symbolfigur der deutsch-französischen Aussöhnung. Der Wunsch nach einer Seligsprechung des aus dem Erzbistum Paderborn stammenden Priesters ist daher gut begründet.

„Ihr sollt eure Feinde lieben und Gutes tun, wo ihr nichts zurückerhoffen könnt. Dann wird euer Lohn groß sein.“ (Lk 6,35). Bei diesen Worten aus dem Lukas-Evangelium denkt der Leser vielleicht nicht automatisch an den deutschen Priester Franz Stock, der von vielen Staatsoberhäuptern als Wegbereiter der nachhaltigen Aussöhnung der alten „Erzfeinde“ Deutschland und Frankreich gewürdigt wurde, zuletzt Anfang diesen Jahres auch von Frankreichs derzeitigem Präsident Emmanuel Macron. Doch gerade im Jahr 2018, in dem sich der Todestag des Priesters zum 70. Mal jährt, könnte man den Lukas-Vers durchaus auf Franz Stock beziehen: 1904 in Neheim geboren und am 24. Februar 1948 in Paris gestorben, hat er sich sicherlich großen Lohn verdient – selbstlos bis an die Grenzen menschlicher Belastbarkeit.  

Frühes Bemühen um Völkerverständigung
In Arnsberg-Neheim im Sauerland steht die „Gedenk- und Begegnungsstätte Franz Stock“. Weitere Einrichtungen, Straße und Plätze sind Franz Stock gewidmet, in Deutschland und vor allem in Frankreich. Die Gedenkstätte in Neheim wurde jedoch nicht eigens gebaut, sondern in Franz Stocks Elternhaus eingerichtet. Ein passender Ort des Erinnerns: Ist es nicht das Elternhaus, in dem man seinen Weg ins Leben, aber auch den Glaubens-Weg findet? Dieser Weg führte Franz Stock, ältestes von neun Kindern einer Arbeiterfamilie, früh zu seiner Berufung: Schon mit zwölf Jahren äußerte er den Wunsch, Priester zu werden.  

Nach dem Abschluss des diözesanen Informativprozesses zur Seligsprechung von Abbè Franz Stock wurden die gesammelten Dokumente in Paderborn verpackt, um nach Rom ge-sandt zu werden. Erzbischof Hans-Josef Becker übergibt die versiegelte Transportkiste an den Postulator des Verfahrens, Dr. Andrea Ambrosi.Foto: pdp/Thomas Throenle Seine Kindheit und Jugend waren stark durch die Eindrücke des Ersten Weltkriegs und dessen Folgen geprägt. Es war ihm – auch auf der Grundlage der Friedensenzyklika von Papst Benedikt XV. von 1920 – schon in der Jugend ein Anliegen, sich für die Völkerverständigung zu engagieren, vor allem zwischen deutschen und französischen Jugendlichen. Durch sein Engagement im so genannten Quickborn, einer katholischen Jugendbewegung, erlebte er 1926 ein Friedenstreffen mit 10.000 jungen Europäern in Frankreich – ein zutiefst prägendes Erlebnis für den jungen Franz Stock.  

Erstes Wirken als Gemeindeseelsorger
1926 begann er sein Studium der Theologie, zunächst in Paderborn, dann in Paris am Institut Catholique. Am 12. März 1932 wurde er in Paderborn zum Priester geweiht. Nach ersten Seelsorge-Stationen im Erzbistum trat er seinen ersten „Auslands-Einsatz“ an: 1934 wurde ein neuer Leiter für die deutsche katholische Gemeinde in Paris gesucht. Potenzielle Bewerber sollten über gute französische Sprachkenntnisse verfügen und die französische Mentalität kennen – und nicht zuletzt das Vertrauen des damaligen Pariser Erzbischofs Verdier genießen. All das konnte Franz Stock vorweisen. So wechselte als Rektor der Gemeinde nach Paris. Dort standen viele soziale Aufgaben an, unter anderem Hilfe für Deutsche, die unter der NS-Herrschaft ihre Heimat aus politischen oder rassistischen Gründen verlassen mussten. Die damaligen Gemeindemitglieder attestierten Franz Stock ein segensreiches Wirken als Seelsorger. Doch wenige Tage vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges musste Franz Stock Frankreich verlassen.  

Hoffnungssymbol für Gefangene und Todeskandidaten
Ein knappes Jahr später kehrte er zurück – diesmal mit einer Aufgabe, die dem Priester alles abverlangte: Neben seiner Tätigkeit als Rektor der katholischen Gemeinde betreute er Häftlinge in den Pariser Wehrmachtsgefängnissen und war im umfassenden Sinne Seelsorger, der allen Inhaftierten unabhängig von ihrer religiöser oder politischer Einstellung seine Hilfe anbot – als Priester oder einfach als Mensch. Oft war er für die Gefangenen der einzige Kontakt zur eigenen Familie. Er überbrachte Dinge des alltäglichen Bedarfs, aber zum Teil auch überlebenswichtige Nachrichten. Zudem war er Begleiter der zum Tode Verurteilten. Bis zur letzten Minute bei ihrer Erschießung auf dem östlich der Stadt gelegenen Mont Valérien blieb er bei ihnen. In dieser Zeit stand er etwa 2.000 französischen Widerstandskämpfern und Geiseln, darunter Juden und Kommunisten, auf ihrem Weg in den Tod zur Seite – und erhielt so die Bezeichnung „Seelsorger in der Hölle“. Der Paderborner Erzbischof Hans-Josef Becker sagte bei der Eröffnung des Seligsprechungsverfahrens für Franz Stock: „Franz Stock war ein lichtvolles Symbol der Hoffnung und des Trostes für Hunderte von Todgeweihten und deren Angehörige in den dunkelsten Stunden ihres Lebens.“ Diese Menschlichkeit über Grenzen hinweg, die Franz Stock bewiesen hat, hat vielfache Spuren hinterlassen: Der Platz vor dem „Mémorial de la France Combattante“, das in unmittelbarer Nähe dieser Erschießungsstätte an den französischen Widerstand gegen die deutschen Besatzer erinnert, ist nach Franz Stock benannt. Eine französische Kriegsgedenkstätte und ein Platz, der den Namen eines Deutschen trägt – ein starkes Symbol der Aussöhnung!  

Regens im Stacheldrahtseminar
Nach seinem Einsatz als Gefängnisseelsorger geriet Franz Stock in amerikanische Kriegsge-fangenschaft, gesundheitlich schon stark gezeichnet. In dieser Situation fand ihn seine zweite große Berufung in Frankreich: Er wurde Leiter des „Priesterseminars hinter Stacheldraht“ in Chartres, das von 1945 bis 1947 Priesteramtskandidaten aus Deutschland und Österreich ermöglichte, in französischer Kriegsgefangenschaft ihr Theologiestudium aufzunehmen und fortzusetzen. Es handelt sich dabei vermutlich um das bis heute größte katholische Priesterseminar: Insgesamt fast 1.000 Seminaristen, Dozenten und Ordensbrüder lebten in den zwei Jahren des Bestehens im Seminar, rund 600 von ihnen wurden Priester. Auch hier setzte Abbé Franz Stock sein ganzes Herzblut ein. Der damalige Apostolische Nuntius in Frankreich, Angelo Roncalli, der spätere Papst Johannes XXIII., besuchte mehrmals das Seminar.  

Letzte Ruhestätte in Chartres
Nicht lange nach Auflösung des Seminars am 5. Juni 1947 starb Abbé Franz Stock am 24. Februar 1948 in Paris an einem Herzleiden – keine 44 Jahre alt. Er wurde zunächst in Paris beerdigt – ohne seine Familie, die nach dem Krieg noch nicht einreisen konnte. Doch 1949 fand eine öffentliche Gedenkfeier im Invalidendom in Paris statt. Nachdem 1960/61 ehemalige Seminaristen Altar und Tabernakel für eine neue Kirche in Rechèvres bei Chartres gespendet hatten und ihre Namen in den Altar eingelassen worden waren, kam sehr bald der Gedanke: Der Regens muss zu seinen Seminaristen! 1963 wurde Franz Stocks Leichnam daher exhumiert und in der neu erbauten Kirche Saint-Jean-Baptiste beigesetzt. Am Tag zwischen der Exhumierung und der erneuten Beisetzung in Chartres wurde der Elysee-Vertrag, der deutsch-französische Freundschaftsvertrag, von der französischen Nationalversammlung gebilligt. Darauf machte damals in Rechévres Edmond Michelet aufmerksam, Minister unter Charles de Gaulle und ehemaliger, von Franz Stock betreuter Gefangener in Paris.  

Professor Dr. Rüdiger Althaus, Beauftragter für das Seligsprechungsverfahren für Abbé Franz Stock im Erzbistum Paderbornpdp/Thomas Throenle Seligsprechungsverfahren seit 2009
„Ihr sollt eure Feinde lieben und Gutes tun, wo ihr nichts zurückerhoffen könnt. Dann wird euer Lohn groß sein.“ Lukas deutet hier den Lohn der Seligkeit des Himmels an. Wie steht es mit einer „irdischen Feststellung“ der Seligkeit von Abbé Franz Stock? Die Verehrung für ihn ist nicht nur in seiner Heimat Deutschland, sondern vor allem in Frankreich damals wie heute groß. Viele Menschen haben sich für eine Seligsprechung des Priesters aus Neheim eingesetzt. 2009 wurde vom Paderborner Erzbischof Hans-Josef Becker der diözesane „Informativprozess über das Leben, die Tugenden und den Ruf der Heiligkeit des Dieners Gottes Franz Stock“ eröffnet, in der Heimatkirche Franz Stocks, der Pfarrkirche St. Johannes Baptist in Neheim, die denselben Namen trägt wie die Kirche in Chartres, in der er seine letzte Ruhestätte gefunden hat. Bei der Eröffnung des Verfahrens sagte Erzbischof Becker: „Unermüdlich und unerschrocken folgte Franz Stock seiner Berufung in die Nachfolge Jesu Christi. Abbé Franz Stock hat sich als Arzt der Seelen, als ‚Seel-Sorger‘ im wahrsten Sinne des Wortes, ohne Rücksicht auf seine eigenen Bedürfnisse und Kräfte buchstäblich aufgeopfert.“  

2013 wurde der Informativprozess beendet und die in diesem Prozess generierten Unterlagen und Akten in einem versiegelten Kasten nach Rom geschickt. Dieser wurde dort am 24. Februar 2014, dem 66. Todestag Franz Stocks, geöffnet und damit offiziell das römische Verfahren zur Seligsprechung Franz Stocks begonnen. Über 16.000 Seiten an Aktenmaterial aus dem Informativprozess wurden zu einer rund 1.000-seitigen sogenannten Positio, einer ausführlichen Antragsschrift, zusammengefasst. Diese wird seitdem in den verschiedenen, vom Recht vorgeschriebenen Kommissionen diskutiert, die sich alle mehrheitlich für eine Seligsprechung aussprechen müssen. Die letzte „Instanz“ ist der Papst, der über die Zuerkennung des „heroischen Tugendgrades“ entscheiden muss. Wird zudem ein Wunder auf die Fürsprache von Franz Stock anerkannt, zumeist die nicht erklärbare Genesung eines unheilbar Kranken, steht einer Seligsprechung nichts mehr im Wege.  

„Franz Stock, das ist kein Name – das ist ein Programm.“  
Ob Franz Stock neben dem „himmlischen Lohn“ auch eine Seligsprechung verdient? Der spätere Papst Johannes XXIII. kannte Abbé Franz Stock und seine aufopferungsvolle Arbeit persönlich. Als Nuntius in Frankreich sagte er erstmals beim Requiem für Franz Stock: „Franz Stock, das ist nicht nur ein Name – das ist auch ein Programm.“ Dieser Satz über einen Mann, der die Feindesliebe lebte, gilt für alle Zeiten – und wird wohl auch bei den Überlegungen zu dessen Seligsprechung nicht unbedacht bleiben.    

Beitrag auf der Homepage der "Tagespost"