Diagnose Burnout – mehr als eine Modekrankheit

Die Akteure des diesjährigen Ärztetages (v.l.n.r.): Prof. Dr. Klaus Baumann, Dr. Ulli Polenz, der die Podiumsdiskussion moderierte, Erzbischof Hans-Josef Becker, Dr. Werner Sosna aus dem Erzbischöflichen Generalvikariat und Prof. Dr. Matthias Burisch. Paderborn, 10. November 2012. Die moderne Gesellschaft ist vielfach von Beschleunigung und Leistungsdruck geprägt. Als Konsequenz rücken zunehmend gesundheitliche Beeinträchtigungen wie Überlastung ins öffentliche Bewusstsein, die unter der „Diagnose Burnout“ zusammengefasst werden. Die „erschöpfte Seele als Symptom unserer Zeit“ war das zentrale Thema beim traditionellen Ärztetag im Erzbistum Paderborn, zu dem Erzbischof Hans-Josef Becker in die Kaiserpfalz in Paderborn eingeladen hatte.

Zum 28. Mal trafen sich Ärzte aus dem gesamten Erzbistum Paderborn, um Entwicklungen, mit denen Mediziner sich im Berufsalltag konfrontiert sehen, aus der Perspektive der christlichen Ethik zu diskutieren. Die Auswahl des Themas „Burnout“ sorgte für eine Rekord-Resonanz: Mit rund 200 Teilnehmern war der Ärztetag in diesem Jahr besser besucht als jemals zuvor in seiner über 25-jährigen Geschichte.

Erzbischof Hans-Josef Becker erinnerte in seinem Grußwort an den Auftrag der Kirche in der modernen Welt, welchen ihr die Pastoralkonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils in Stammbuch geschrieben habe: „Die Kirche hat die Nöte der Menschen immer auch als eine Anfrage an unseren gesellschaftlichen Konstruktionen und Zwänge erkannt, die den Menschen im Einzelfall hilflos und krank machen können.“ Erzbischof Becker präzisierte diese sozialen Zwänge mit dem Schlagwort einer „Gesellschaft am Limit“, in der oft aus aufopferungsvoller und pflichtbewusster Hilfe Zynismus zu werden drohe. Im Blick auf das ärztliche Selbstverständnis stellte er die Frage: „Was bleibt, wenn es für die Ärztin oder den Arzt selber nur noch ums bloße Funktionieren geht? Wird es in der Konsequenz dann heißen: Burnout dank Traumjob?“

Erzbischof Hans-Josef Becker unterstrich in seinem Grußwort, dass die „Diagnose Burnout“ keine Modeerscheinung ist. Für ihn, so Erzbischof Becker, sei der Burnout kein modischer Überlastungstrend, sondern das Symptom einer existenziellen Krise, die letztlich Menschen aller Berufsgruppen treffen könne, da fast überall eine hohe Flexibilität und extreme Arbeitsverdichtung gefordert werde: „Das mag eine Zeitlang auszuhalten sein. Kommt aber der Verlust einer umfassenden Sinnperspektive hinzu, die dem eigenen Leben bisher Rückhalt gab, dann dürfte eine solche Krise tatsächlich das Innerste des Menschen erreicht haben und ihn seelisch ausbrennen“, brachte Erzbischof Becker das Burnout-Syndrom auf den Punkt. Behandelnde Ärzte wie Seelsorger seien in dieser Situation aufgerufen, betroffenen Menschen eine neue und tragfähige Sinn- und Lebensperspektive aufzuzeigen.

Zwei Referenten nahmen das Thema „Burnout“ in Einzelreferaten in den Blick. Der Psychologe und Gründer des Burnout-Instituts Norddeutschland (BIND), Prof. Dr. phil. Matthias Burisch, sprach einleitend über „Symptomatik, Ätiologie und Interventionsmöglichkeiten“ beim Burnout-Syndrom. Im Anschluss referierte Prof. Dr. theol. Klaus Baumann, katholischer Priester und Psychotherapeut aus Freiburg, über „Hingabe zwischen Ausbeutung und Erfüllung – Kraftquellen (weiter) sprudeln statt versiegen lassen“.

Prof. Dr. Matthias Burisch machte eingangs klar, dass die „Diagnose Burnout“ keinesfalls ein Zustand, vielmehr ein Prozess sei, der sich über Wochen oder gar über Jahrzehnte entwickele. Darüber handele sich bei einer Burnout-Diagnose um ein emotionales Phänomen: „Im Kern hat Burnout etwas mit den Gefühlen zu tun, mit denen man seiner eigenen Arbeit begegnet“, so der Psychologe.

Prof. Dr. Matthias Burisch machte das Burnout-Syndrom anhand der Kern-Symptomatik anschaulich. Anhand dreier Fallbeispiele mit ganz unterschiedlichen Symptomatiken verdeutlichte Prof. Burisch, wie vielfältig ein Burnout sich äußern kann – vom Kriminalkommissar mit einem jahrelangen 20-Stunden-Tag, der zunächst Magenbeschwerden hatte und diese ignorierte, über den erfolgsverwöhnten IT-Spezialisten, der sich vor seinen privaten Problemen hinter der Arbeit versteckte und sogar einen Suizidversuch unternahm, bis zum Wirtschaftsmanager, der zuhause nicht mehr abschalten konnte. Die Folgen: Reizbarkeit, Schlafstörungen, sozialer Rückzug, Leistungsabfall – ein ineinander greifender Teufelskreis. Prof. Dr. Burisch: „Ein Burnout manifestiert sich nicht nur in einer inneren Erschöpfung. Er geht zudem mit dem Empfinden einher, selbst nichts mehr zustande zu bringen. Viele Betroffene denken daher schon freitags bei Feierabend mit Bauchschmerzen daran, montags wieder ins Büro zu müssen.“

Die Ursachen für einen Burnout können laut Burisch in Kleinigkeiten begründet liegen, die über einen langen Zeitraum mürbe machen – gleich einem „kleinen Steinchen im Schuh“. Idealtypisch ließen sich zwei Typen von Burnout-Betroffenen unterscheiden: einerseits die so genannten „Selbstverbrenner“, die durch ihre Erziehung schädliche Antreiber wie etwa Perfektionismus in sich tragen und ohne Erfüllung dieser hohen Ansprüche Versagensgefühle entwickeln, und andererseits die „Opfer der äußeren Umstände“, die ohne eigenes Zutun mit strukturell problematischen Arbeitsbedingungen konfrontiert werden.

Beim Umgang mit Burnout-Betroffenen empfahl Prof. Dr. Matthias Burisch den anwesenden Ärztinnen und Ärzten: „Versuchen Sie herauszufinden, wo Ihr Patient in der Falle steckt. Klären Sie auch bei scheinbar rein körperlichen Beschwerden private Probleme ab.“ Für die eigene Burnout-Prophylaxe gab der Psychologe den Medizinern ebenfalls wertvolle Tipps mit auf den Weg: „Setzen Sie deutliche Grenzen, sich selbst und auch anderen. Und gehen Sie ohne inneren Ballast von der Arbeit nach Hause!“

Betrachtete insbesondere den Bereich der inneren Hingabe für einen Beruf: Prof. Dr. Klaus Baumann. ´´ An diese Empfehlungen von Prof. Dr. Burisch knüpfte Prof. Dr. Klaus Baumann als zweiter Referent mit einer Mischung aus psychologischen und theologischen Überlegungen nahtlos an. Unter anderem betrachtete er das Burnout-Syndrom unter dem Aspekt einer „Gratifikationskrise“. Eine besondere Burnout-Gefährdung bestehe, wenn eine hohe Verausgabung im Beruf nicht mit der angemessenen Wertschätzung belohnt werde: „Arbeitet ein Mensch mit viel Hingabe und erhält darauf kein angemessenes Echo, ist das ein wesentlicher Faktor, um seine intrinsische Motivation, sein innerliches Brennen für den Job zu verlieren“, erklärte der Priester und Psychotherapeut.

Prof. Dr. Baumann machte jedoch auch auf die Chancen einer Burnout-Erkrankung aufmerksam: „Identitätskrisen führen Menschen in einem Entwicklungsprozess meist zu einem reiferen eigenen Standpunkt mit einer gefestigten persönlichen Sinngebung. Das setzt das Erfahren von Transzendenz voraus.“

Das Erleben von Transzendenz und die Beziehung zu Gott seien als Möglichkeiten der Resonanz-Erfahrungen für den Menschen wichtig, da er sonst als Wesen ohne wirkliches Sinnempfinden in die Welt gestellt sei. Solche lebenswichtige Resonanz könne auch die Natur oder die Ästhetik in Form der Kunst dem Menschen bieten: „Spiritualität ist für den Menschen wichtig, damit sein ganzer Organismus atmen kann. Solche Momente gilt es, von innen zu verkosten“, hielt Prof. Baumann ein Plädoyer wider die allgegenwärtige Beschleunigung. „Wenn wir eine menschenfreundliche Kultur der Arbeit und des Umgangs mit uns selber pflegen, dann kann auch Hingabe gelingen.“

Das Thema „Burnout“ hatte zahlreiche interessierte Ärztinnen und Ärzte in die Kaiserpfalz geführt. In der anschließenden Podiumsdiskussion, die Dr. Ulli Polenz als Mitglied der Planungsgruppe des Ärztetages moderierte, stellten sich die Referenten den zahlreichen Beiträgen aus dem Plenum, welche das große Interesse an der Thematik „Burnout“ zeigten. Nach dem gemeinsamen Mittagessen in der Bildungsstätte Liborianum entführte das Musikensemble PANTA RHEI unter der Leitung von Hans Hermann Jansen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer abschließend in der Kapuzinerkirche mit „Inspirierenden Klängen“ auf „eine musikalische Zeitreise“.

Prof. Dr. phil. Matthias Burisch
Der Psychologe aus Hamburg wurde vor allem durch seine Untersuchungen zum Burnout-Syndrom bekannt. Er verfasste 1989 das wissenschaftliche Standardwerk „Das Burnout-Syndrom – Theorie der inneren Erschöpfung“. Prof. Dr. Burisch ist seit vielen Jahren als Dozent, Berater und Coach für Psychologen und Führungskräfte tätig. 2008 gründete er das Burnout-Institut Norddeutschland (BIND).

Prof. Dr. theol. Klaus Baumann
Der katholische Priester studierte an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom Theologie und Psychologie und absolvierte dort eine Psychotherapie-Ausbildung. Von 1996 bis 2002 unterhielt er in Freiburg eine Psychotherapeutische Praxis, die auf Patienten in Berufen der Kirche spezialisiert war. Es folgten verschiedene wissenschaftliche Tätigkeiten, unter anderem auch an der Theologischen Fakultät Paderborn. Seit 2004 ist Prof. Dr. theol. Klaus Baumann Direktor des Arbeitsbereiches Caritaswissenschaft und Christliche Sozialarbeit im Institut für Praktische Theologie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg i.Br. In der Katholischen Ärztearbeit Deutschlands engagiert sich Prof. Dr. Baumann als Geistlicher Assistent.