„Ich sehe diese Dinge einzig in meiner Seele“

Die Aula der Kaiserpfalz war beim traditionellen Vortrag zu Beginn des Liborifestes bis zum letzten Platz gefüllt. V.l.n.r.: Dompropst Dr. Wilhelm Hentze, Äbtissin Clementia Killewald OSB, Erzbischof Hans-Josef Becker, Generalvikar Alfons Hardt. Paderborn, 23. Juli 2010. Eine der berühmtesten Frauengestalten des Mittelalters war in diesem Jahr Thema beim traditionellen Vortrag am Vorabend des Libori-Festes: Hildegard von Bingen. Vorgestellt wurde die Heilige von Clementia Killewald OSB, Äbtissin der von Hildegard begründeten Benediktiner-Abtei in Rüdesheim-Eibingen. In ihrem Vortrag beschrieb sie ihre Gründerin vor allem als Ordensfrau, deren Alltag und Lebensstil zutiefst von der benediktinischen Werteordnung geprägt wurde.

Fundament von Hildegards Leben als Äbtissin, Schriftstellerin, Heilerin und Verfasserin von Liedern sei demnach ihr Bewusstsein von der ständigen Gegenwart Gottes gewesen, die laut der Regel des Hl. Benedikt das ganze Leben der Mönche umfassen solle. Ihr tiefes Vertrauen in Gott habe ihr eine große innere Freiheit und auch Eigenständigkeit geschenkt. So sei sie in der Lage gewesen, auch ungewöhnliche Entscheidungen zu treffen und Konflikte zu bewältigen.

Ein solcher Konflikt sei etwa entstanden, als Hildegard 1151 ihre dem Benediktinerkloster Disibodenberg angegliederte Klause verlassen und ein eigenes Kloster auf dem Rupertsberg gegründet habe. Der in Disibodenberg lebende Mönchs-Konvent war gegen diese Neugründung, so dass es bis 1158 dauerte, bis das Kloster Rupertsberg rechtlich unabhängig vom Kloster Disibodenberg wurde.

Äbtissin Clementia Killewald OSB aus der Abtei St. Hildegard in Rüdesheim-Eibingen stellte das Leben und Werk der Heiligen Hildegard von Bingen vor. Äbtissin Clementia Killewald schilderte in ihrem Vortrag weiterhin, dass Hildegard in ihrem Kloster unkonventionelle Verhaltensweisen zugelassen habe. Aus Briefen gehe hervor, dass die Nonnen an Festtagen beim Psalmengesang geschmückt und mit offenem Haar im Chor gestanden hätten. Begründet habe Hildegard dies mit der Feststellung, dass die Zurückhaltung, die Paulus in seinen Briefen von Frauen fordere, nur für Ehefrauen gelte, nicht jedoch für Jungfrauen.

Wie die Äbtissin weiter ausführte, sei Hildegard zu Lebzeiten vor allem durch ihr schriftstellerisches Werk berühmt geworden, das 1147 durch Papst Eugen III. kirchliche Anerkennung gefunden hat. Dabei habe Hildegard beim Schreiben nicht auf Gelehrtenwissen zurückgegriffen, sondern auf „die Erkenntnis von Zusammenhängen aus einer höheren Perspektive“. „Ich sehe diese Dinge einzig in meiner Seele“, habe sie in einem Brief einmal bekannt. Eine dieser Schauungen habe ihr dann den konkreten Auftrag zur Niederschrift vermittelt: „Schreibe, was du siehst und hörst!“, habe sie in einer entscheidenden Vision vernommen.

Die heutige Zeit habe große Ähnlichkeiten mit der Zeit Hildegards, fuhr die Referentin fort. „Hildegard fordert uns auf, uns wieder mit unserem Glauben, so wie die Kirche sich in vorstellt, zu befassen.“ sagte sie. In einer Zeit, in der man Gotteserfahrung oft ausschließlich auf der Gefühlsebene ansiedle, sei es notwendig, sich auf andere Erkenntnisorgane zu besinnen: das Vorstellungsvermögen und das Glaubenswissen. Hildegard könne daran erinnern, „dass wir Gott nicht auf das Bild einengen, das wir uns von ihm machen“, sondern ihn als den je anderen und „bei aller Vertrautheit auch als den Fremden“ gewähren zu lassen.