VIDEO: Interview mit Pfarrer Dr. Martin Lörsch, Diözese Trier

Lörsch Pfarrer Dr. Martin Lörsch, Diözese Trierpdp Am 5. September fand im Liborianum Paderborn das Projektforum „Perspektive 2014 – Konzeptentwicklung der Pastoralverbünde“ statt. 60 ehren- und hauptamtliche Teilnehmende aus Pastoralverbünden und diözesanen Gremien berieten dort über die zukünftige Arbeit in den pastoralen Räumen. Der Leiter der Abteilung territoriale und kategoriale Seelsorge im Bischöflichen Generalvikariat Trier, Pfarrer Dr. Martin Lörsch, hielt das Hauptreferat. Das nachfolgende Interview, aufgenommen in der Pause nach dem Vortrag, bietet einen kurzen Einblick in die Grundthesen des Referenten. Die Themen und Erkenntnisse der Tagung werden durch die Hauptabteilung Pastorale Dienste im Erzbischöflichen Generalvikariat Paderborn (www.pastorale-informationen.de) veröffentlicht, bzw. beim Diözesanen Forum am 21. November 2009 im HNF vorgestellt.
Wir dokumentieren nachfolgend den vollständigen Text des Interviews:
Ägidius Engel: Herr Dr. Lörsch, Kirche im Wandel. Sie haben einige Gedanken dazu gefunden, Erfahrungen gesammelt. Wo liegen Schwerpunkte in Ihrem Bereich?

Dr. Lörsch: Die Herausforderung, die wir zurzeit zu bewältigen haben, liegt in der Umstrukturierung der Pfarreien und Pfarreigemeinschaften auf das Jahr 2020 hin. Es gibt einen Strukturplan, den Bischof Reinhard Marx, damals noch als Trierer Bischof, im Juni 2007 in Kraft gesetzt hat und wir sind zurzeit dabei, diesen umzusetzen, ihn aber auch geistlich und pastoral entsprechend mit Leben zu füllen und das angesichts einer tiefgreifenden Veränderung der Landschaft. Das heißt, wir haben es mit Pfarrstrukturen zu tun, die sich zu Pfarrgemeinschaften - oder hier im Erzbistum Paderborn zu Pastoralverbünden - zusammenfügen, die jetzt aber neu gefüllt werden müssen, weil wir merken: in der bisherigen Logik einer Pfarrei, in der Vollversorgung, wie früher Pfarrei gedacht war, wie sie mit Bildern auch heute noch in den Köpfen geprägt ist, wird das wohl nicht mehr weitergehen.

Wir müssen deshalb neben den klassischen Orten, wie die Kirche als die zentrale Stätte der gottesdienstlichen Versammlung, wie auch das Pfarrhaus, Pfarrbüro, weitere Orte identifizieren, wo Menschen sich sammeln. Das ist für junge Menschen ganz stark natürlich das Schulzentrum, wo junge Menschen zusammenkommen, um dann zu schauen, wie kann man nah an diesem Ort des Treffens junger Menschen Jugendpastoral ansiedeln – Schulpastoral, Berufungspastoral. Wie kann man den Kontext der Kindertagesstätten prüfen, um dann eine Familienpastoral zu entwickeln, dass Kindertagesstätten zu Familienzentren werden im Zusammenspiel mit den Beratungsdiensten, etwa Lebensberatung und Familienbildungsstätten. Und das ist, denke ich, ein Denken, ein Umdenken, das viel abverlangt, sowohl von den Haupt- wie auch von den Ehrenamtlichen, weil es ein Stück weit zwingt, sich aus den bisherigen Denkmodellen hinauszubewegen, um dann letztlich auch das umzusetzen, was in diesen tollen Worten „Kirche sein“ gewollt und gedacht ist.

Ägidius Engel: Sie sprechen von „inneren Bildern“. Sie sprechen auch von „neuen Denkmodellen“. Sie haben in Ihren Vorträgen den Begriff der „Sozialgestalt der Kirche“ genannt. Wie kommen die Menschen damit zurecht, wie wird es ihnen vermittelt, dass wir hier eine Veränderung der Sozialgestalt der Kirche in ganz dramatischer Form haben? 

Dr. Lörsch: Wir werden einerseits gezwungen werden durch die wegbrechenden Zahlen der Mitglieder. Wir sehen es, wenn im Gottesdienst Jahr für Jahr weniger Menschen da sind, dass diese Form, dieser Ort, wie er bisher aufgestellt ist, nicht mehr die große Anzahl von Menschen erreicht. Auf der anderen Seite aber wissen wir, dass die Sehnsucht nach Religion, dass die Sehnsucht nach Sinndeutung ja nicht weggebrochen ist, sondern eher als unbehauste Sehnsucht, wie vagabundierend sich bewegt.

Ägidius Engel: Müssen dann jetzt auch unsere Priester demnächst vagabundieren und wieder in Zelten schlafen?

Dr. Lörsch: Sie werden vielleicht mal von Zeit zu Zeit auch in Zelte gehen. Möglicherweise - im übertragenen Sinne - heißt das jetzt, sich an Orte hinbewegen, wo Menschen sich treffen. Das kann das Einkaufszentrum sein, wo sie dann vielleicht über ein Wochenende einmal die Präsenz der Kirche aufzeigen und das Angebot dann deutlich machen. Sie können sich einfach einen Tag Zeit nehmen im Kindergarten und die Ankunftszeit der Kinder nutzen, um mit den Eltern ins Gespräch zu kommen. Also dort, wo die Menschen leben, dort wo ihre Sorgen zu Wort kommen, noch mal stärker hinzuhören, das glaube ich wird wichtig sein. Wenn wir nur dort bleiben, wo wir bisher sind, im Pfarrbüro, im Pfarrhaus, in der Kirche, werden wir immer weniger Menschen erreichen. Der Auftrag heißt, die Frohe Botschaft von Jesus Christus zu den Menschen zu tragen. Und das heißt auch, eine innere Aufbruchbewegung auszulösen.

Ägidius Engel: Kirche kommt also trotzt der Krise „positiv in Bewegung“. Wie gehen wir denn um mit den alten Menschen? Sie haben eben die Jugendlichen angesprochen. Aber eine große Herausforderung sind sicherlich die Älteren, die gerne ihren Kirchturm nur 500 Meter weiter hätten und dort auch den Pfarrer, der täglich die Hl. Messe liest.

Dr. Lörsch: Wir werden da auch Enttäuschungen auslösen, und das müssen und können wir, glaube ich,  in guter Weise kommunizieren. Alte Mensche sehen ja auch die Realität in der eigenen Familie. Sie sehen, dass die eigenen Kinder oft nicht mehr in die Kirche gehen, dass die eigenen Enkelkinder weit, weit weg von Kirche sind und haben sie trotzdem lieb. Und mit ihnen einfach das Gespräch zu führen über das, was sich verändert hat, um mit ihnen auch den Trauerprozess, den Schmerz zu teilen, es auch anzuhören und oft auch stehen zu lassen und nicht abzuwehren, ist ein Thema. Auf der anderen Seite bleibt es aber auch eine Herausforderung, Gemeinde nah und in den einzelnen Kirchen die Kirche offen zu halten, Gebetszeiten, Andachten, Tagzeitenliturgie anzubieten und zum Gebet einzuladen. Wenn diese Kirche weiter Bestand haben soll, braucht es eure Präsenz, damit die Kirche warm bleibt, die Kerzen brennen und das Gebet auch zum Himmel getragen wird. Und das dritte: wir werden eine immer größere Zahl von Menschen haben, die sich nicht mehr aus dem Haus bewegen können, die ans Bett gebunden sind, die ans Haus gebunden sind. Für diese Menschen brauchen wir die Boten, die ihnen die heilige Kommunion bringen, das Gespräch anbieten und letztlich die Kirche dann ins Haus tragen.