Preisträger 2007: Jean-Claude Juncker

Aus den Händen von Generalvikar Alfons Hardt (links) und Erzbischof Hans-Josef Becker (rechts) erhielt der Premierminister des Großherzogtums Luxemburg, Dr. Jean-Claude Juncker, die St.-Liborius-Medaille für Einheit und Frieden.Erzbischof Hans-Josef Becker überreichte am 28.10.2007 im Rahmen eines Festaktes dem luxemburgischen Premierminister Dr. Jean-Claude Juncker die St.-Liborius-Medaille für Einheit und Frieden. Mit der Medaille werden im Abstand von fünf Jahren bedeutende Persönlichkeiten geehrt, die sich auf christlicher Grundlage um die friedliche Einheit Europas verdient gemacht haben. „Das wichtigste an dem Kontinent Europa ist, dass es uns gelungen ist, aus dem Satz ‚Nie wieder Krieg’ ein politisches Programm zu machen“, sagte der luxemburgische Premierminister in seinen Dankesworten.

Erzbischof Hans-Josef Becker und Bischof Reinhard Marx während des Pontifikalamtes vor dem Schrein des Bistumsheiligen. Bischof Marx hielt beim anschließenden Festakt den Festvortrag. Nachdem Generalvikar Alfons Hardt die rund 300 Festgäste in der Kaiserpfalz begrüßt hatte, hielt der Trierer Bischof und frühere Paderborner Weihbischof Dr. Reinhard Marx die Festrede zu dem Thema „Das Christentum – Hindernis oder Hilfe für ein humanes Europa?“. Er stellte fest, dass Religion und Glaube auch weiterhin Themen seien, die die Menschen berührten. Die alte Säkularisierungsthese, die Religion gehe mit der modernen Gesellschaft zu Ende, habe sich mittlerweile überholt. Der Trierer Bischof rief die Christen dazu auf, ihren Glauben in eine offene, säkulare Gesellschaft einzubringen, ohne dabei auf Wahrheitsansprüche zu verzichten. Dieser Glaube müsse allerdings vor der Vernunft Bestand haben und zur Selbstkritik fähig sein. Als grundlegende christliche Überzeugungen, auf die Europa nicht verzichten könne, nannte er die Menschenwürde, die auf dem Glauben an die Gottesebenbildlichkeit fuße, die Solidarität aller Menschen jenseits aller Nationalismen, die Ehrfurcht vor der Schöpfung sowie die Versöhnung unter den Menschen.

Erzbischof Hans-Josef Becker bei seiner Laudatio. Dass es in der Geschichte niemals selbstverständlich gewesen sei, für die europäische Idee einzutreten, sagte Erzbischof Becker in seiner Laudatio. „Der Gedanke eines Europas in Frieden und Freiheit war und ist umstritten.“ Umso dankbarer könne man für Politiker und Staatsmänner sein, die sich der Idee eines geeinten Europas verschrieben hätten. Unter den aktiven Politikern sei der Luxemburgische Premierminister einer der bedeutendsten Europäer: „Das Kontinuum Europas heißt Jean-Claude Juncker“, stellte der Erzbischof fest, und würdigte dessen Verdienste um den europäischen Grundlagenvertrag, der erst vor wenigen Tagen in Lissabon verabschiedet wurde.

Die „europapolitische Grundsignatur“ von Junckers politischer Laufbahn sei nicht zu übersehen, fuhr Erzbischof Becker fort. Vor allem mit den europäischen Entwicklungsprozessen des letzten Jahrzehnts und hier vor allem der Erweiterung der EU um zwölf Mitgliedsstaaten sei sein Name untrennbar verbunden. Da heute die Erinnerung an die Unfreiheit in ehemals kommunistischen Mitgliedsstaaten bereits verblasse, bedürfe es erst recht „überzeugender und leidenschaftlicher Apologeten von Frieden und Freiheit, um einen Rückfall in nationalistische Haltungen zu verhindern“.

Erzbischof Becker machte auch deutlich, wie entschieden sich Jean-Claude Juncker gegen die wende, die im Zusammenwachsen Europas eine Bedrohung sehen: „Wenn der Defätismus um sich greift, wenn der Mut zur Zukunft abstirbt oder Desinteresse und Gleichgültigkeit wuchern – immer dann fühlen Sie sich herausgefordert, den Kleingläubigen gerade in Deutschland die Leviten zu lesen“, sagte er. Er hoffe, so der Erzbischof abschließend, dass die Medailleninschrift „concatenata fraternitate caritatis“ (zusammengeschmiedet durch das brüderliche Band der Liebe) auch in Zukunft Juncker in seinem politischen Handeln die bewährte Zielperspektive anzeige.

Premierminster Dr. Jean-Claude Juncker bedankte sich für die Auszeichnung. „Das wichtigste an dem Kontinent Europa ist, dass es uns gelungen ist, aus dem Satz ‚Nie wieder Krieg’ ein politisches Programm zu machen“, sagte er. In seinen Dankesworten betonte Premierminister Juncker, dass er zu den christlichen Politikern zähle, die nicht ständig auf ihre christlichen Überzeugungen hinwiesen. Es störe ihn nicht, wenn Menschen, die ohne diese Überzeugung handelten, zu den gleichen Ergebnissen kämen wie er. Besorgt äußerte Juncker sich darüber, wie leichtfertig jüngere Menschen mit dem Thema Europa umgingen: Viele sähen die europäische Einheit und den europäische Frieden als gottgegeben an, als ob für alle Zeiten alles in Ordnung sei. Dabei sei Europa immer ein „dramatisch komplizierter“ Kontinent gewesen und bleibe es auch in Zukunft. Er warnte davor, sich von dem, was Europa mittlerweile erreicht habe, blenden zu lassen. So könne man nicht darüber hinwegsehen, dass es noch nicht gelungen sei, Europa ein soziales Antlitz zu geben. Auch die weltweite Armut nannte Juncker als bleibende Aufgabe: „Solange 25.000 Kinder täglich den Hungertod sterben, solange ist Europa noch nicht am Ende seiner Ziele angekommen“, sagte er.

Die Feierlichkeiten zur Verleihung der St.-Liborius-Medaille wurden eröffnet mit einem Pontifikalamt, in dem der Reliquienschrein des Heiligen Liborius in einer Prozession durch den Hohen Dom getragen wurden. Vorne links: Bürgermeister Heinz Paus mit Premierminister Dr. Jean-Claude Juncker. Begonnen hatten die Feierlichkeiten mit einem Pontifikalamt im Hohen Dom. Erzbischof Becker feierte es zusammen mit Erzbischof Fernand Franck aus Luxemburg, Bischof Dr. Reinhard Marx sowie den Paderborner Weihbischöfen Manfred Grothe und Matthias König. In seiner Predigt kritisierte Erzbischof Becker eine Mentalität, die keinen Respekt gegenüber dem Sakralen, dem Heiligen kenne. Als Beispiel nannte er den aggressiven Atheismus des Oxforder Biologen Richard Dawkins, der mit groben Strichen und heftiger Polemik Gott „als geradezu blutrünstiges Wesen“ darstelle und religiöse Menschen als verblendet und irregeführt schildere. Kritisch äußerte er sich auch in Richtung einer Infragestellung der christlichen Grundlegung Europas: „Nicht von ungefähr fand die Idee des Gottesbezuges im Prozess der Etablierung einer europäischen Verfassung keine Mehrheit“. Umso wichtiger sei es, dass sich die Christen ihrer Wurzeln bewusst seien und die Botschaft Jesu Christi als das bezeugten, was sie ist: „eine gute und befreiende Nachricht für jeden Menschen, der über den Tellerrand des Alltagsgeschäfts hinausblickt und nach einer Nahrung sucht, die ihn wirklich sättigt“.

Download der Predigt von Erzbischof Becker im Pontifikalamt

Download der Laudatio von Erzbischof Becker