„Was, wenn am Anfang kein Wort gewesen wäre?“

Predigt von Erzbischof Hans-Josef Becker am ersten Weihnachtstag

Fenster von Paul Weigmann im Hochchor des Hohen Doms zu Paderborn.pdp / Thomas ThroenlePaderborn, 25. Dezember 2017. Erzbischof Hans-Josef Becker hat in seiner Predigt am ersten Weihnachtstag die Bedeutung des Wortes für den christlichen Glauben in den Mittelpunkt gestellt. „Das erste gesprochene Wort der Schöpfung heißt: ‚Es werde Licht‘“, sagte er im Pontifikalamt im Hohen Dom zu Paderborn. „Das erste Wort der neuen Schöpfung, die mit der Geburt Christi beginnt, heißt: ‚Fürchtet euch nicht‘. Diese beiden Worte gehören eng zusammen, weil sie im tiefsten und schönsten Wort Gottes an uns Menschen gründen. Es lautet: Christus ist das Licht, das die Finsternis unserer Furcht vertreibt.“  

Das Evangelium des ersten Weihnachtstages mit seiner berühmten Aussage „Im Anfang war das Wort“ (Joh 1,1) biete eine „hochtheologische Spekulation“, die das Herz wenig berühre, so der Erzbischof. Einen Zugang zu der darin enthaltenen Weihnachtsbotschaft bekäme man jedoch, wenn man sich die Frage stelle: „Was wäre, wenn am Anfang kein Wort gewesen wäre?“

Das „Wort am Anfang“ sei zunächst für den einzelnen Menschen von Bedeutung, weil jeder Mensch zu Beginn seines Lebens „sprachlos“ sei, erläuterte Erzbischof Becker. „Wenn uns da nicht Mutter und Vater, Geschwister und Freunde mit guten Worten aufgenommen hätten, wären wir ein Leben lang sprachlos geblieben.“ Auch im weiteren Leben käme es vor, dass Menschen sprachlos seien und sich so mancherlei Chancen verbauten, zum Beispiel, wenn man nicht den Mut finde, jemandem zu sagen, wie gern man ihn habe.

Die Bedeutung des Wortes für den Glauben werde gleich im ersten Kapitel der Heiligen Schrift deutlich, fuhr Erzbischof Becker fort. In der Schöpfungserzählung werde zunächst geschildert, dass die Welt im Chaos gefangen sei. Dann jedoch spreche Gott die Welt mit den Worten „Es werde Licht“ (Gen, 1,3) an – ein ordnendes Wort, das das Chaos der Welt lichte. Auch beim Anfang des Menschenlebens Jesu Christi käme alles auf das Wort an. Hätte der Engel die lagernden Hirten nicht mit den Worten „Fürchtet euch nicht“ angesprochen und auf die Geburt des Retters hingewiesen, hätte niemand Notiz davon genommen, dass das göttliche Kind geboren worden sei.

Wäre am Anfang kein Wort gewesen, müssten die Menschen sich immer noch fürchten, fasste Erzbischof Becker zusammen: Sie müssten sich vor dem Leben fürchten, „wenn nicht Gottes ordnendes Wort das Chaos der Welt gelichtet hätte“, und auch vor dem Tod, „wenn nicht Christus als Ewiges Licht nicht auch im Reich der Toten noch strahle.“