Guss der neuen großen Christus-Friedensglocke

Delegation aus Paderborn erlebt den Guss der neuen großen Glocke für den Hohen Dom zu Paderborn

Erzbischof Hans-Josef Becker segnete die Glockenspeise, aus der die neue große Bass-Glocke für den Paderborner Dom gegossen wird – rechts ist die Form der neuen Glocke zu sehen.pdp / Thomas Throenle Paderborn / Zaltbommel (NL), 24. November 2017. „Fest gemauert in den Erden, steht die Form aus Lehm gebrannt – heute muss die Glocke werden …“ Diese Zeilen aus Schiller’s Glocke hatte die Paderborner Delegation sicherlich im Kopf, die am Donnerstag, 23. November 2017, den Guss der neuen großen Bass-Glocke für den Paderborner Dom im niederländischen Zaltbommel erlebte. Vertreter des Erzbistums Paderborn, des Paderborner Metropolitankapitels und der Stadt konnten am weiteren Entstehungsprozess der neuen großen Glocke für den Paderborner Dom dabei sein. Aber nach dem erfolgten Glockenguss gilt es nun geduldig zu warten: Erst in einigen Wochen wird die Glocke „gelüftet“ und es wird sich erst dann zeigen, ob sie den richtigen Ton erhalten hat.      

Die rot-gelb glühende Glockenspeise fließt aus dem großen Transportbehälter in die vorgefertigte Form. Rauch steigt auf, wenn die Gase abbrennen. Der Glockenguss hat vorerst seinen Höhepunkt erreicht. Jetzt muss die gegossene Glocke in der Glockenform noch einige Tage auskühlen, bis sie aus ihrem Mantel befreit werden können. „Dies kann mindestens zwei Wochen dauern“, erklärt Domkapitular Dechant Dr. Gerhard Best, Sachverständiger für das Glockenwesen im Erzbistum Paderborn. Dann wird die Glocke herausgehoben, der äußere Formmantel und der innere Formkern entfernt. „Erst zu diesem Zeitpunkt“, so Domkapitular Dr. Best weiter, „erfolgt eine erste Prüfung mit Blick auf den Ton sowie die Guss- und Klangqualität.“  

Die Glockenspeise wurde auf 1.050 Grad erhitzt und wird in die Glockenform gegossen. Die Glockenspeise steigt in der Form auf und füllt diese nach und nach.pdp / Thomas Throenle Die Paderborner Delegation hat sich um Erzbischof Hans-Josef Becker, Generalvikar Alfons Hardt und Dompropst Monsignore Joachim Göbel am frühen Donnerstagmorgen auf den Weg in die Niederlande gemacht, um dem eindrucksvollen Gussvorgang der neuen großen Glocke in der Schiffsschraubengießerei Van Voorden Foundry in Zaltbommel zu erleben.  

Der Glockenguss ist nunmehr der vierte Schritt für die neue Bass-Glocke für den Hohen Dom zu Paderborn. Die Glocke wird am Ende etwa 13,5 Tonnen schwer sein. In der Gussgrube der Königlichen Glockengießerei Eijsbouts (Asten / NL) entstand die so genannte „falsche Glocke“, die aus Ziegeln gemauert wurde. Zudem wurden dort die Schriften und Verzierungen aufgetragen, die der Schriftkünstler Brody Neuenschwander (Brügge / Belgien) entworfen hatte. Groß steht auf der großen Glocke geschrieben: „Jesus Christus – unser Friede“. Spektakulär wurde am 23. Oktober die Glockenform mit Hilfe eines 200-Tonnen-Krans aus dem Fabrikgebäude gehoben und mit einem Schwertransporter über rund 80 Kilometer von Asten nach Zaltbommel gebracht.  

Der Glockenguss war für die aus Paderborn angereiste Delegation ein faszinierendes Erlebnis.pdp / Thomas Throenle Diese Kooperation war erforderlich, weil die Paderborner Glocke mit ihrem geplanten Durchmesser von 2682 mm und einer Höhe von 2274 mmund dem bis dato größten Wachsmantel die Kapazitäten in Asten überschreitet. 18 Tonnen Glockenbronze müssen gegossen werden für die neue Glocke, und eben damit sind die Gussöfen von Eijsbouts in Asten überfordert.  

Die Van Voorden Foundry in Zaltbommel, die beispielsweise riesige Schiffsschrauben herstellt, bietet diese Kapazitäten. Seit 1912 ist Van Voorden auf besondere und große Gussformen spezialisiert. „Allerdings ist es das erste Mal, dass wir eine Glocke gießen“, erklärt Geschäftsführer Thomas van Rijn: „Wir sind sehr erfreut über die Zusammenarbeit mit Eijsbouts und wir werden eine großartige Glocke gießen.“ Seit über 100 Jahren fertigt Van Voorden Schiffsschrauben für unterschiedliche Schiffsgrößen. „Eine, auf die wir sehr stolz sind, ist ein Propeller mit einem Durchmesser von fünf Metern für ein Kreuzfahrtschiff mit dem Namen Seven Seas Explorer“, sagt Thomas van Rijn, der ebenso gespannt den Glockenguss verfolgte.  

Geschäftsführer Joep van Brussel und Glockensachverständiger Dechant Dr. Gerhard Best erläutern Dompropst Monsignore Joachim Göbel und Erzbischof Hans-Josef Becker den Gussvorgang.pdp / Thomas Throenle Bereits morgens in aller Frühe wurde am Donnerstag der Schmelzofen angefeuert, damit die Glockenspeise, die aus 78 Prozent Kupfer und 22 Prozent Zinn besteht, schmilzt: Vorgefertigte und auf ihre Qualität geprüfte Bronzeblöcke wurden geschmolzen. Sobald die Bronze eine Temperatur von zirka 1100 Grad Celsius erreicht hat, kann der Guss beginnen.  

Die Form ist die optische Variante der Glocke. Zugleich wird auch der Klang einer Glocke beim Guss festgelegt. Entscheidend für den Ton einer Glocke sind ihre drei Parameter: Durchmesser, Höhe und Wandstärke, die sogenannte Rippe. Je nach Größe dieser drei Parameter verändert sich der Ton.  

Erzbischof Hans-Josef Becker segnete in den Fabrikhallen von Zaltbommel die Glockenspeise. Dabei betete der Paderborner Erzbischof um Gottes Beistand und ein gutes Gelingen: „Allmächtiger, gütiger Gott, Herr des Himmels und der Erde, die ganze Schöpfung verkündet dein Lob. Sieh auf das Werk unserer Hände und segne dieses flüssige Metall, das für den Guss der neuen großen Christus-Friedensglocke unseres Domes bestimmt ist. Leite seine feurigen Ströme und schenke unserem Mühen Erfolg. Gib, dass die neue Domglocke deinen Namen verherrliche inmitten deiner Gemeinde. Das gewähre uns durch Christus, unseren Herrn.“  

Fasziniert beobachten Weihbischof Matthias König, Generalvikar Alfons Hardt, Dompropst Monsignore Joachim Göbel und Erzbischof Hans-Josef Becker den Guss der neuen Bass-Glocke des Paderborner Domes.pdp / Thomas Throenle Als die Gusstemperatur erreicht war, konnte das flüssige Metall in die vorgefertigte Form über gemauerte Rinnen in die Gusslöcher gefüllt werden. Außen verbrennen die Gase, die während des Glockengusses in der Hohlkammer entstehen. Die Mitarbeiter der Gießerei standen im Schutzanzug dabei und beobachteten den Ablauf gewissenhaft. Die letzte Glockenspeise schloss die Form ab – das Kunstwerk ist nach einem rund 20 minütigen Gussvorgang gefertigt. Nun muss gewartet werden.  

In etwa zwei Wochen, wenn die Glocke abgekühlt ist, kann eine erste Prüfung des Klangs erfolgen. Der Mantel wird dann abgeschlagen, die Bronzeglocke vom Kern gehoben. Nach dem Säubern und Polieren verrät der erste Glockenschlag, ob der Ton getroffen ist. Domkapitular Dechant Dr. Gerhard Best: „Weil es für die neue große Paderborner Domglocke sehr spezielle musikalische Vorgaben gibt, damit diese optimal mit den vorhandenen Gussstahlglocken zusammenklingt, erfolgt dann eine Stimmung der Glocke. Alle diese Arbeiten dürften Ende Januar 2018 abgeschlossen sein.“  

In dieser Zeitspanne wird die kleine neue Domglocke direkt in der Königlichen Glockengießerei Eijsbouts in Asten gegossen. Nach deren Fertigstellung erfolgt durch die Glockensachverständigen Theo Halekotte und Dechant Dr. Gerhard Best die Werkabnahme-Prüfung, nach der beide Glocken zur Weihe und Montage frei gegeben werden können. Die Glockenweihe ist für Ostermontag, 2. April 2018, um 15 Uhr auf dem Domplatz in Paderborn geplant. Anschließend erfolgt später das Aufziehen in die Glockenstube des Domturmes und dort die Montage im vorhandenen Glockenstuhl von 1951. Erstmalig wird das neue Geläut zum 950. Weihetag des Imad-Domes am Sonntag, 22. Juli 2018, erklingen.      

Erinnerungsfoto nach dem Guss: Domkapitular Dr. Gerhard Best (2.v.l.) und Glockensachverständiger Theo Halekotte (4.v.l.) wünschen sich, dass der Guss gelungen ist – ebenso natürlich die Vertreter der ausführenden Firmen aus Asten und Zaltbommel.pdp / Thomas Throenle Drei Fragen an Domkapitular und Glockensachverständigen Dr. Gerhard Best  

Was waren die Gründe, den Auftrag für den Glockenguss an die Königliche Glockengießerei Eijsbouts zu vergeben?  

Es geht in Paderborn darum, für den Dom eine neue große Glocke zu gießen, die bestimmte klangliche Eigenschaften hat, damit sie optimal zum vorhandenen Gussstahlgeläute passt. Daher wird die Glocke in der Rippe - das ist der  Querschnitt der Glocken, von dem die musikalischen Werte abhängig sind - einer Jahrhunderte alten ehemaligen westfälischen Glockengießerei gegossen, die dazu mit Hilfe eines speziellen Computerprogramms verändert und angepasst wurde. Im Gegensatz zu deutschen Gießereien verfügt die beauftragte Königliche Glockengießerei Eijsbouts nachweislich über die hierzu benötigten jahrelangen Erfahrungen, die auch dazu führten, dass sie 2012 die neue, circa 6.000 kg schwere Marienglocke für Notre Dame in Paris gießen durfte.      

Ist die Größe und das Gewicht der neuen Glocke auch ein Grund?  

Die neue große Paderborner Domglocke wird rund 13.500 kg wiegen. Mit dem beim Guss zu kalkulierenden Schmelzverlust und der Metallreserve, die erforderlich ist, um die Glockenform beim Guss auch sicher ganz zu füllen, müssen daher rund 18.000 kg Glockenbronze geschmolzen werden. Alle Verantwortlichen sind davon ausgegangen, dass dieser Guss in der Königlichen Glockengießerei Eijsbouts selbst erfolgen könne, zumal durch die Firma hierzu eigens ein weiterer Ofen angeschafft wurde.      

Aber dann reichten die Kapazitäten doch nicht aus?  

Während der Planungsphase des Projektes wurden Hindernisse und Risiken deutlich: Wegen des hohen Grundwasserspiegels durfte die Gussgrube in Asten (NL) nicht den Erfordernissen entsprechend vertieft werden. Außerdem hätte das Schmelzen der zum Guss benötigten über 18 t Glockenbronze - wie bei anderen Glockengießereien auch - auf mehrere Öfen verteilt werden müssen. Weil dadurch aber immer ein Restrisiko mit Blick auf die Legierung und ein gleichmäßiges Gefüge verbleibt, wurde entschieden, nur aus einem Ofen und daher in der Gießerei Van Voorden in Zaltbommel (NL) zu gießen. Mögliche andere Glockengießereien wie Grassmayr in Innsbruck oder Taylor in Großbritannien hätten noch weiter entfernt gelegen und waren für eine ständige Begleitung nicht geeignet.      

 

Schritte der Glockenfertigung  

  • Entwurf der Glocke am PC
  • Mauern des Kerns der Glocke aus Stein und Sand
  • „Falsche Glocke“ wird gefertigt aus Sand und Wachs – diese „falsche Glocke“ hat die Form und Dicke / Wandstärke der zukünftigen Glocke
  • Schrift und Glockenzier werden auf die „falsche Glocke“ aufgebracht
  • der „Mantel“ wird gefertigt, indem vier unterschiedliche Schichten aufgetragen werden
  • ein Stahlkasten wird um die „falsche Glocke“ gebaut, der mit Sand aufgefüllt wird
  • diese Form wird für den Guss von Asten nach Zaltbommel transportiert – sie hat ein Gewicht von 50 Tonnen
  • die Form wird geöffnet und das Wachs herausgescholzen aus der „falschen Glocke“ und die Schrift und Glockenzier wird überprüft
  • die Form wird wieder geschlossen für den Guss
  • nach dem Erkalten des Gusses wird die Form entfernt, ebenso der Sand aus dem Innern
  • durch eine Bearbeitung an der Innenseite wird die Glocke gestimmt nach der Endabnahme erfolgt der Transport nach Paderborn  

 

Zitate

„Das vorhandene Gussstahlgeläute des Paderborner Domes ist ein historisches und musikalisches Denkmal des Erzbistums Paderborn. Wir sind froh, dass der vorhandene Glockenstuhl aus dem Jahr 1951 für eine Erweiterung des Geläutes ausgelegt ist.“ Glockensachverständiger Dechant Dr. Gerhard Best

„Das Geläute wird optimiert durch eine große Bass-Glocke als Klangteppich und eine kleine Glocke als Klangkrone. Paderborn darf sich freuen.“ Glockensachverständiger Theo Halekotte