Wege aus der Krise Europas

Herbsttagung des Sozialwissenschaftlichen Arbeitskreises mit Erzbischof Becker

Monsignore Professor Dr. Peter Schallenberg, Vorsitzender des Sozialwissenschaftlichen Arbeitskreises, mit den Referenten der diesjährigen Herbsttagung: Prof. Dr. Wolfgang Reinhard, Prof. Dr. Ludger Kühnhardt und Prof. Dr. Martin Heidenreich (v.l.).Paderborn, 14. November 2017. Die Entwicklung der europäischen Gesellschaften war Thema der Herbsttagung 2017 des Sozialwissenschaftlichen Arbeitskreises der Kommende Dortmund, dem Sozialinstitut des Erzbistums Paderborn. Erzbischof Hans-Josef Becker verwies in seiner einleitenden Begrüßung auf die Vielfalt der europäischen Gesellschaften. Gegen den Trend der neu aufkommenden Nationalismen brauche es eine vertiefende Integration und Solidarität der europäischen Völker, so der Paderborner Erzbischof.      

In der Tagung diskutierten die Wissenschaftler des Arbeitskreises die Perspektiven Europas angesichts der gegenwärtigen Krise aus politikwissenschaftlicher, soziologischer und historischer Perspektive. Der Politikwissenschaftler Professor Dr. Ludger Kühnhardt, Leiter des Zentrums für Europäische Integrationsforschung an der Universität Bonn, betonte, dass Europa sich zu einer universalen Weltmacht entwickeln müsse, gerade auch um die tragenden Werte Europas zu sichern. Der Soziologe Professor Dr. Martin Heidenreich von der Universität Oldenburg, forderte eine neue Architektur der Währungsunion, die sich an der Förderung der transnationalen Solidarität ausrichte. Der Historiker Professor em. Dr. Dr. h.c. Wolfgang Reinhard, Universität Freiburg, mahnte eine Orientierung an der Utopie der Vereinigten Staaten von Europa an. Alle europapolitischen Aktivitäten müssten sich daran messen lassen, inwieweit sie die Gemeinschaft diesem Ziel näher bringe.  

Kritisiert wurde in der Tagung, dass „Europa“ im öffentlichen Bewusstsein kaum wahrgenommen werde. So habe es im Wahlkampf zur Bundestagwahl keine Rolle gespielt. Es fehle an öffentlichen europäischen Medien, die auf ein gemeinsames europäisches Gesamtbewusstsein hinwirken. Für Kühnhardt verlange die gegenwärtige „Zeitwende“ auch eine „Denkwende“, in der das Verhältnis Europas zu der Welt neu bedacht werde. Frühere Krisen, so Kühnhardt, hätten oft zu einer Vertiefung der europäischen Integration geführt. Aber auf die gegenwärtigen globalen Herausforderungen sei Europa strukturell nicht vorbereitet. Auch die christliche Sozialethik und die Theologie seien hierzu nicht gut aufgestellt. Die universalen Ansprüche müssten stärker mit den konkreten Zuständen und den Erkenntnissen der Wissenschaften verbunden werden.  

Erzbischof Hans-Josef Becker (r.) gratulierte zu Beginn der Tagung Prälat Dr. Peter Klasvogt (l.) zur Verleihung des Konstanzer Konzilspreises. Prof. Dr. Wolfgang Reinhard betonte in der Diskussion, dass eigentlich ein europäisches Bewusstsein nicht nur bei Jugendlichen planmäßig und massenhaft erzeugt werden müsste.Strukturelle und institutionelle Defizite insbesondere in der europäischen Wirtschafts- und Geldpolitik, so der Soziologe Heidenreich, hätten im letzten Jahrzehnt zu einer größeren sozialen Ungleichheit in Europa geführt. Insbesondere der Arbeitsmarkt leide unter den Defiziten. Die Folgen seien Massenarbeitslosigkeit, mehr soziale Ungleichheit und eine tiefe Krise des Vertrauens in die europäische Politik. Heidenreich warnte davor, die Euro-Krise über Schuldzuweisungen zu moralisieren. Nötig sei eine Europäisierung der Fiskalpolitik, beispielsweise die Schaffung eines europäischen Finanzministers, was allerdings sehr umstritten sei.  

In einem breit angelegten historischen Bogen zeichnete Reinhard die politische, wirtschaftliche und kulturelle Expansion Europas nach, die die gesamte Welt umfasste. Expansivität sei der Inbegriff Europas, das ja keine geographischen Grenzen kenne. Reinhard kritisierte die rein ökonomische Erweiterung der EU der letzten Jahrzehnte. Für die Zukunft plädierte er angesichts der kulturellen Unterschiede für eine stufenweise Entwicklung der politischen und kulturellen Integration, beginnend mit dem (westlichen) „Latein-Europa“.  

Im Kurzstatement zu den „Folgen des Brexit“ verwies Professor Wim Kösters, RWI Essen, auf fehlende soziale Absicherungssysteme, beispielsweise bei Arbeitslosigkeit. Insbesondere sogenannte „Globalisierungsverlierer“ hätten für den Brexit gestimmt. Schon aus Gründen der Akzeptanz für die Demokratie seien die Sozialpolitik und der Sozialstaat unverzichtbar.  

Professor Dr. Dirk Sauerland, Universität Witten-Herdecke, skizzierte wirtschaftspolitische Erwartungen an die neue Bundesregierung. Kurzfristig sollte die gute Kassenlage zur Entlastung der privaten Haushalte und der Arbeitslosenversicherung genutzt werden. Mittel- und langfristig lauten die zentralen Herausforderungen: die zukunftssichere Gestaltung der Rente und Pflege, die strukturelle und personale Förderung der Digitalisierung, eine konsistente Klimapolitik und die Einhaltung der Klimaziele sowie die Weiterentwicklung der Europäischen Union durch die Sicherung der Währungsunion.  

Der Sozialwissenschaftliche Arbeitskreis der Kommende Dortmund wurde 1984 von Kardinal Degenhardt und dem damaligen Kommende-Direktor Dr. Reinhard Marx gegründet. Er tagt zweimal jährlich auf Einladung des Erzbischofs von Paderborn. Dem Arbeitskreis gehören international renommierte Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus Theologie, Sozialethik, Soziologie, Politikwissenschaft, Ökonomie, Recht und Medizin an.