Ist eine flächendeckende ärztliche Versorgung in der Zukunft noch möglich?

Ärztetag des Erzbistums Paderborn nahm mit zahlreichen Experten Diskussion über das Arztbild der Zukunft auf

Gruppenbild Die Akteure des diesjährigen Ärztetages (v.l.): Prälat Thomas Dornseifer (Leiter der Planungsgruppe), Prof. Dr. Eckhard Most (Akademie für medizinische Fortbildung), Prof. Dr. Franz Mader (Facharzt für Allgemeinmedizin aus Nittendorf), Elisabeth Borg (Akademie für medizinische Fortbildung), Dr. Uli Polenz (Moderator), Erzbischof Hans-Josef Becker, Dr. Werner Sosna (Tagungsleiter), Dr. Doris Dorsel (Ärztekammer Westfalen-Lippe) und Prof. Dr. Franziskus Knoll OP (Philosophisch-theologische Hochschule Vallendar).pdp/Lena Reiher Paderborn, 4. November 2017. Mit dem Thema „Arztbild im Wandel – Persönliche Herausforderung zwischen Ideal und Versorgungsrealität“ nahm der Ärztetag des Erzbistums Paderborn in diesem Jahr die Frage nach der Zukunft des Arztberufs und die damit einhergehenden Veränderungen auf. Über 100 interessierte Zuhörer kamen dazu heute ins Heinz Nixdorf Museumsforum in Paderborn und diskutierten mit anerkannten Referenten auf hohem Niveau über die gravierenden Veränderungen im Gesundheitswesen unter ethischen und medizinischen Gesichtspunkten.

 „Sparzwänge im Gesundheitswesen, fehlende Zeitressourcen, Allokationsprobleme und ein erhöhter Verwaltungsaufwand stehen der demographischen Entwicklung gegenüber, die die Behandlung älterer Patienten und chronischer Krankheiten unausweichlich zunehmen lassen wird“, stellte Erzbischof Hans-Josef Becker in seiner Eröffnungsansprache des Ärztetages die Herausforderungen des Gesundheitssektors dar. Erzbischof Hans-Josef Becker.pdp/Lena Reiher „Die Problematik verschärft sich dort, wo zum Beispiel ländliche Regionen zusätzlich einen Mangel an Ärzten beklagen und Patienten aller Altersgruppen betroffen sind. Die problematische Entwicklung wird seit Jahren unter dem Stichwort ‚Stadt-Land-Gefälle‘ thematisiert.  Daher sollte der Wunsch vieler Patienten nach einer wohnortnahen und bedarfsgerechten ambulanten Versorgung nicht ungehört bleiben“, mahnte der Paderborner Oberhirte.

 Eine Möglichkeit der Zukunft zu begegnen sei beispielsweise der Einsatz von „bisher ungewohnten und neuen Versorgungsmodellen“ im Bereich elektronischer Medien. Deren Anwendung müsse aber immer dem Vertrauensverhältnis zum Arzt untergeordnet sein. Denn „Medizin bleibt immer auch ein Beziehungsgeschehen, in dem die ärztliche Identität wurzelt“, stellte Erzbischof Becker heraus.

Mann am Rednerpult Professor Dr. Franziskus Knoll OP.pdp/Lena Reiher Pater Prof. Dr. Franziskus Knoll OP von der Philosophisch-theologischen Hochschule Vallendar griff in seinem Vortrag „Der Arzt: Im Spagat zwischen Vor-Gabe und Auf-Gabe“ den anspruchsvollen Balanceakte des Berufsethos auf: „Aus der Vertrauensbasis zwischen Arzt und Patient erschließt sich ein enormes Heilungspotential. Daher gilt es die Beziehungsgestaltung zwischen Arzt, Patient und Angehörigen intensiv zu pflegen.“ Bei einer durchschnittlichen Wochenarbeitszeit eines Arztes von 52,5 Stunden und der Behandlung von durchschnittlich 44,6 Patienten am Tag sei der Aufbau dieses Vertrauensverhältnisses aber nur schwer bis kaum zu realisieren. Dennoch sei es für Professor Knoll unabdingbar zu versuchen diese gegensätzlichen Positionen in Einklang zu bringen, um dem Ideal des Arztberufes gerecht zu werden.

Prof. Dr. Frank Maderpdp/Lena Reiher „Angekommen. Aber auch am Ziel? Allgemeinmedizin zwischen Fach, Funktion und Zukunftsvisionen“ war der Titel des Beitrags von Prof. Dr. Frank Mader aus Nittendorf. Der Facharzt für Allgemeinmedizin praktiziert seit mehreren Jahrzehnten in einer Gemeinschaftspraxis für hausärztliche Versorgung und klagt ebenso die knappe Zeit für die Behandlung seiner Patienten an. Einer Studie zufolge blieben für das Patientengespräch im Durchschnitt etwa sieben bis neun Minuten Zeit. „Hinzu kommt der Nachwuchsmangel im Bereich der Allgemeinmedizin. In fünf bis sieben Jahren werden etwa die Hälfte aller Hausärzte in den Ruhestand gehen und nur knapp zehn Prozent der derzeitigen Studenten können sich vorstellen zukünftig als Hausärzte zu praktizieren“, so Professor Mader.

Dr. Doris Dorsel.pdp/Lena Reiher „Bei einem Patientengespräch sprechen zwei privat nicht bekannte Menschen über etwas sehr privates und intimes. Daher ist es nicht nur besonders wichtig, dass zwischen diesen beiden Personen ein enges Vertrauensverhältnis herrscht, auch die Kommunikation untereinander ist entscheidend“, erläuterte Dr. Doris Dorsel von der Ärztekammer Westfalen-Lippe in ihrem Vortrag zum Thema „Heilkunst braucht Sprachkunst“. Menschen seien stets auf der Suche nach medizinischem Wissen, wenn sie ein Leiden plagt, dieses fänden sie heutzutage oft bei „Dr. Google“. „Wenn Patienten zu mir kommen und mithilfe des Internets schon ihre vermeintliche Diagnose gestellt haben, bedarf es eines ausführlichen Gesprächs, um alle Einzelheiten zu klären. Daher ist und bleibt Kommunikation eine ärztliche Kernkompetenz.“

In der anschließenden Diskussionsrunde traten die Referenten mit den zahlreichen Teilnehmern des Ärztetages in einen intensiven Austausch. Moderiert von Dr. Uli Polenz berichteten die anwesenden Ärzte von ihren eigenen Erfahrungen und Schwierigkeiten, die sie in ihrem Praxisalltag erleben.