Lebensgeschichten auf der roten Couch

Die Ausstellung „Auf die Couch!“ entlockt durch 15 identische Fragen Menschen ihre ganz eigenen Lebensgeschichten

Mann schaut Wandbild an Rolf Deschner betrachtet konzentriert die Aufnahme zu seinem Interview. Über die Kopfhörer kann jeder Besucher die individuelle Lebensgeschichte hören.KHG Dortmund Dortmund, 2. November 2017. Eine Szene mitten auf dem Dortmunder Westenhellweg zog vor fast genau einem Jahr die Blicke vieler Passanten auf sich: Etwa fünf Studenten und zwei Mitarbeiterinnen der Katholischen Hochschulgemeinde (KHG) tragen eine kleine knallrote Samtcouch durch die belebte Einkaufsstraße. Überall kleine Zelte und Buden: Der Hansamarkt lockt. „Lassen Sie das Sofa doch einfach hier stehen, es kommt gerade recht“, ruft eine Frau, die sich vor einem Geschäft gerade eine Zigarette angezündet hat, und lacht.

Die Gruppe der KHG und des Mentorats in Dortmund ist auf der Suche nach Rolf Deschner, alias Ranak vom See, seines Zeichens Kinderschmied, der von Markt zu Markt fährt und mit Kindern und Jugendlichen Hufeisen schmiedet und Lederschmuck herstellt. Sie finden ihn und schon sitzen alle in seinem großen Zelt. Fremde Menschen sitzen sich gegenüber. Einige sehen sich zum ersten Mal und trotzdem sind da auf einmal die intimen Fragen: „Rolf, was macht das Leben für dich lebenswert? Was ist das Schlimmste, das dir je passiert ist? Was ist Liebe für dich?“ Der Grund, warum bei diesem Besuch der übliche Smalltalk kürzer ausfällt, ist ein Projekt, das die Mitarbeiter und Studenten der KHG und des Mentorats Dortmund über zwei Jahre in Bewegung gehalten hat: Mit einer kleinen roten Couch reisten sie durch das Erzbistum, das Ruhrgebiet und Umgebung und stellten ganz unterschiedlichen Leuten 15 Fragen über das Leben. Der Ideengeber für das Projekt war Horst Wackerbarth. Der Fotokünstler reiste mit seiner Couch schon durch die ganze Welt. Verantwortlich für das Projekt vor Ort waren Anette Quarterman und Caroline Müller von der KHG Dortmund.

Ausstellungseröffnung Zur Ausstellungseröffnung erschienen über 80 Besucher.KHG Dortmund Im Oktober endete die Reise offiziell und die KHG lud zur großen Ausstellungseröffnung. Rund 80 Personen, darunter viele der 22 interviewten Couchbesetzer, waren gekommen, um die großformatigen Fotos zu sehen, die Menschen in der je vertrauten Umgebung – zuhause, an geliebten Orten, in der Freizeit – zeigen. Außerdem gab es die Gelegenheit, die Antworten auf die 15 Fragen zum Leben zu hören, denn zu jedem Foto gehörte ein MP3-Player mit der Aufnahme des jeweiligen Gesprächs. Die Besucher schlenderten von Bild zu Bild, blieben vor ihren eigenen Portraits stehen, verweilten bei ihren oder den fremden Antworten auf die sehr persönlichen Fragen.

Besucher mit Kopfhörern vor Bildern Den ganz persönlichen Lebensgeschichten können die Besucher auf den MP3-Playern lauschen, die direkt neben den ausgestellten Bildern angebracht sind.KHG Dortmund Und etwas Besonderes ist während der Couch-Reise und auch während der Ausstellungseröffnung passiert: Menschen haben sich bereit erklärt, ihre eigene Geschichte zu erzählen, die Gott und das Leben mit ihnen geschrieben haben. Sie dachten laut über ihr Leben nach und brachten es in Worte. Und da waren Menschen, die diese Geschichte hören wollen, die sich kundig gemacht haben. Und was gleichzeitig passierte: Auch die Studenten und Mitarbeiter wurden gefragt: Woher seid ihr? Glaubt ihr wirklich an Gott? Was ist Kirche? Im Laufe der Projektzeit haben sich Fremde ausgetauscht über ihre Freuden, ihre Ängste, ihre Erlebnisse, ihren Glauben, über Gott, über den Tod, das Leben und dessen Sinn, und sich damit gegenseitig inspiriert.

Zu sehen ist die Ausstellung „Auf die Couch!“ noch bis März 2018 in den Räumen der Katholischen Hochschulgemeinde Dortmund, Ostenbergstr. 107 in 44227 Dortmund, von Montag bis Freitag zwischen 9 und 14 Uhr oder auf Anfrage.