Christoph Brech im Dialog der Zeiten

Foto- und Videoarbeiten treffen auf Schätze des Diözesanmuseums Paderborn

Werke von Christoph Brech im Dialog mit der Sammlung des Erzbischöflichen Diözesanmuseums.Kalle NoltenhansPaderborn, 11. Oktober 2017. Vielschichtig, ungewöhnlich, manchmal irritierend sind die Arbeiten des Münchner Foto- und Videokünstlers Christoph Brech. In der Ausstellung „MORE than ROME. Christoph Brech im Dialog mit der Sammlung des Diözesanmuseums Paderborn“, die vom 12. Oktober bis zum 1. Juli 2018 in Paderborn zu sehen ist, treffen rund 50 Arbeiten des international bekannten Fotokünstlers auf ausgewählte Stücke aus der hochkarätigen Sammlung des Erzbischöflichen Diözesanmuseums. Themen wie „Fragmentierung – Versehrtheit – Rekonstruktion“, „Zerstörung – Tod – Endzeit“ aber auch „Zyklen des Lebens“ stehen im Zentrum der das ganze Haus umfassenden Schau. Dabei bezieht Brech bestehende Werke und neue Installationen ein, die er eigens für die Paderborner Ausstellung konzipiert hat, und verbindet sie dialogisch mit Objekten aus unterschiedlichen Zeiten und Kontexten, darunter mittelalterliche Skulptur, Gemälde, Goldschmiedekunst und Grafik. Insgesamt werden 18 Video-Installationen und 30 Foto-Arbeiten gezeigt. Die große Schau knüpft an die poetischen Rom-Bilder Brechs an, die den Schlusspunkt der zurückliegenden WUNDER ROMs-Ausstellung bildeten.      

Alles grau und doch ein Meer von Farben  

Wellen, Wolken, Küste, Inseln – eine leere Landschaft, in der Zeit und Raum in einer silbrigen Balance verschmelzen. Christoph Brechs Video „Sounds of Raasay“ steht am Beginn der ungewöhnlichen Ausstellung des Diözesanmuseums Paderborn und lädt den Betrachter ein zu einer sinnlichen, meditativen Reise. Entstanden ist es im Herkunftsgebiet der iro-schottischen Mönche, die einst zur Verbreitung des Christentums aufbrachen.       

Bewegte Gemälde  

Brech arbeitet subtil, fängt immer wieder Momente großer Stille ein. Oft betreibt er ein feinsinniges Spiel mit verschiedenen Bedeutungsebenen. Auch Musik hat für ihn einen hohen Stellenwert, auf überraschende und unmittelbare Weise überträgt er sie ins Bild. Seine Videoabeit „Monsalvat“ zeigt ein nächtliches Schwanenballett, gefilmt bei eisiger Kälte von einer Berliner Brücke aus. Die Tiere bewegen sich langsam im noch nicht zugefrorenen Bereich des Wassers. Das Licht der Stadt erhellt die ansonsten nachtschwarze Szene und taucht das Gefieder der Tiere in goldenes Licht. Der Eindruck eines unwirklichen Tanzes entsteht, untermalt mit einem Klanggemisch aus Richard Wagners Lohengrin und Straßenlärm. Inszeniert wird diese Arbeit zusammen mit vier graziösen, überlebensgroßen Allegorien und einem schwebenden Engel. Die imposanten Skulpturen entstanden 1736 für die Festarchitektur des „Mausoleum Liborianum“ im Hohen Dom zu Paderborn.      

Maria und der Mond  

Dem Marienleben widmet die Ausstellung einen eigenen Bereich. Leuchtkästen mit Bildern des abnehmenden und zunehmenden Mondes stehen unterschiedlichen Marien-Skulpturen gegenüber. Die Mondphasen rhythmisieren die Zeit, seine Zyklen erinnern an die Atmung, Atmen ist Leben. Im Zentrum der Installation steht die bedeutendste Skulptur des Diözesanmuseums: die berühmte Imad-Madonna aus dem 11. Jahrhundert. Sie ist eine der ältesten abendländischen Darstellungen des Typs der Thronenden Madonna. Hier krönt sie ein Video mit dem Titel „Sternenflug“, aufgenommen vom Hubble-Teleskop. Der Titel der Arbeit: „La fin du temps“.      

Restaurierung  

In zwei Leuchtkästen, in denen Christoph Brech Röntgenbilder einer zu restaurierenden Skulptur und einer erneuerten menschlichen Hüfte kombiniert, greift er das Thema „Restaurierung“ auf. Diese Arbeiten stehen in Bezug zu einer temporären Restaurierungswerkstatt auf einer der Museumsebenen. Dort können Besucher live verfolgen, wie Grabungsfunde und Skulpturenfragmente für die kommende Ausstellung „Gotik – Der Paderborner Dom und die Baukultur um 1300“ (21. Sept. 2018 – 13. Jan. 2019) gereinigt und konserviert werden.      

Christoph Brech im Erzbischöflichen Diözesanmuseum PaderbornKalle Noltenhans„Wir haben Christoph Brech eingeladen, das ganze Haus zu bespielen, weil wir gesehen haben, auf welche beeindruckende Weise seine zeitgenössischen Arbeiten neue Wahrnehmungsebenen für alte Kunst schaffen können“, erläutert Prof. Dr. Christoph Stiegemann, der Direktor des Diözesanmuseums. „Brech hat den Blick eines Entdeckers, oft setzt er Unscheinbares oder Übersehenes mit starken und überraschenden Bildern in Szene. Mit dem Konzept, Glanzstücke des Diözesanmuseums in Bezug zu Brechs eigenständigen, ausdrucksstarken Werken zu zeigen, beschreiten wir einen Weg der Präsentation, der den Besuchern auch einen neuen Zugang zu unserer Sammlung ermöglicht.“  

Auch für Christoph Brech ist dieses Zusammenspiel eine neue Erfahrung: „Dieses Haus birgt Schätze, die mich faszinieren“, erklärt der Künstler. „Die Ausstellung ist eine Möglichkeit, ganz unmittelbar mit ihnen in Verbindung zu treten. Meine Arbeiten und die Exponate der Sammlung befruchten sich gegenseitig. Es entsteht ein Kommentieren, Vertiefen, Erweitern, ein Prozess, der auch Überzeitlichkeit, Zeitloslosigkeit deutlich werden lässt.“  

Die Ausstellung mit neuen Installationen des Münchner Künstlers wurde im Diözesanmuseum Paderborn von Christiane Ruhmann unter Mitarbeit von Ursula Pütz in engem Austausch mit Christoph Brech kuratiert.              

Der Künstler Christoph Brech  

Christoph Brech (*1964) gehört zu den wichtigsten deutschen Foto- und Videokünstlern. Seine Werke wurden von Montreal bis Madrid, von Berlin bis Taipeh in Einzel- und Gruppenausstellungen gezeigt. Von 1989 bis 1995 studierte er Malerei und Grafik bei Prof. Franz Bernhard Weißhaar an der Akademie der Bildenden Künste in München. Seit 1998 bilden Video-Kunst und -Installationen neben der Fotografie einen Schwerpunkt seines künstlerischen Schaffens. 2006 arbeitete Christoph Brech als Stipendiat der Villa Massimo, der Deutschen Akademie in Rom. Er erhielt unter anderem den Will Grohmann-Preis der Akademie der Künste Berlin, den Rom-Preis 2006 (Deutsche Akademie Rom, Villa Massimo) und den Franz Ludwig Catel-Preis, Rom, 2009. 2003 war er Artist in Residence in Montréal, Kanada.      

Brechs Werke finden sich heute in renommierten europäischen Sammlungen und Museen – in der Paderborner Ausstellung sind Leihgaben aus der Kunstsammlung zeitgenössischer Kunst der Bundesrepublik Deutschland Berlin, dem MMK Museum für Moderne Kunst in Frankfurt am Main, der Sammlung Goetz, München, der Stiftung Nantesbuch, Bad Homburg und der Casa di Goethe, Rom vertreten.