Was ist christlich an der Wohlfahrtspflege?

Tagung hinterfragt Rolle in zunehmend säkularen Gesellschaft

Diskutierten die Rolle der christlichen Wohlfahrtspflege (vorn von links): Prof. Dr. Uwe Becker, Franz-Josef Strzalka, Dr. Ursula Pantenburg, Julia Schröder, Prof. Dr. Peter Schallenberg und Domkapitular Dr. Thomas Witt sowie (hinten von links) Christoph Eikenbusch, Volker Brüggenjürgen und Pfarrdechant Reinhard Edeler.cpd / JonasRheda-Wiedenbrück / Paderborn, 21. September 2017. (cpd) Ist die christliche Wohlfahrtspflege ein Zukunfts- oder ein Auslaufmodell? Wie zeigt sich das Christliche in der Arbeit der Caritas? Sind konfessionelle Wohlfahrtsverbände in einer zunehmend säkularen Gesellschaft noch nötig? Und wenn ja, müssen sie sich überhaupt von anderen Wohlfahrtsverbänden unterscheiden? Fragen, die rund 40 Vorstände und Leitungskräfte der Caritas bei einer Tagung im „Abrahams“ in der alten Brennerei in Rheda-Wiedenbrück diskutierten. „Das caritative Handeln ist eine Lebensäußerung der Kirche. Das können wir nicht einfach lassen“, sagte Domkapitular Dr. Thomas Witt, Vorsitzender des Diözesan-Caritasverbandes Paderborn, der gemeinsam mit dem Caritasverband für den Kreis Gütersloh zur Tagung eingeladen hatte. Immerhin seien aus der Sensibilität von Christen für die Not von Menschen die ersten sozialen Einrichtungen und im 19. Jahrhundert als Folge daraus der Sozialstaat entstanden. Deshalb müssten die christlichen Wohlfahrtsverbände auch weiterhin sensibel für die Nöte von Menschen sein und „die Augen aufhalten für Bereiche, die noch nicht sozialstaatlich abgedeckt sind“.      

Prof. Dr. Peter Schallenberg, Moraltheologe der Theologischen Fakultät Paderborn und Mitglied in der Kommission „Sozialpolitik und Gesellschaft“ des Deutschen Caritasverbandes, betonte in seinem Referat die wichtige Rolle der Freien Wohlfahrtspflege bei der Unterstützung des Sozialstaates. „Es braucht Strukturen des Gerechten, die solidarisch finanziert werden, unabhängig von religiöser Überzeugung“, sagte er. Aber die Freie Wohlfahrtspflege dürfe ihre eigene Philosophie haben. „Bei uns ist das die Theologie.“ Demzufolge sei jeder Mensch ein „lädiertes Werk Gottes“, das seiner Liebe bedürfe, sagte Schallenberg. „Jeder Mensch hat das Recht, geliebt zu werden.“ Dieser Herausforderung müsse sich auch die Caritas als Organisation stellen.      

Prof. Dr. Uwe Becker, Sozialethiker der Evangelischen Hochschule in Bochum, stellte fest, dass die christliche Wohlfahrtspflege wie andere auch in sozialstaatliche Vorgaben und finanzielle Rahmenbedingungen eingebunden sei, „es sei denn, sie leben in einer reichen Diözese“. Aus theologischer Sicht seien auch Christen aufgefordert, „sich total auf diese Welt einzulassen“. Von daher forderte er „Mut, sich nicht unterscheiden zu wollen“, sich aber auch nicht „kritiklos das Säkulare anzueignen“. Becker kritisierte in diesem Zusammenhang, dass staatlicherseits alles darauf abziele, „Menschen ökonomisch verwertbar zu machen“. Das erzeuge Ausgrenzungsprozesse und produziere Verlierer. Soziale Arbeit müsse dagegen Menschen in ihrem Selbstbewusstsein stärken und sie in der Überzeugung, dass jeder Mensch anders und einzigartig sei, im Kampf gegen jede Form der Stigmatisierung unterstützen.      

Christliche Wohlfahrtsverbände müssten den Anspruch haben, aus dem christlichen Menschenbild einen Mehrwert zu bilden, sagte Dr. Ursula Pantenburg, Vorsitzende des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF) Gütersloh. Allerdings sei es zunehmend schwieriger, christliche orientierte Mitarbeiter zu finden. Auf den zunehmenden Druck der Ökonomisierung sozialer Arbeit verwies Julia Schröder vom Caritasverband Hagen. Ungeachtet aller bürokratischen Vorgaben müsse ein christlicher Verband aber den ganzen Menschen im Blick behalten und den für ihn passenden Weg suchen. Wichtig sei eine Organisationskultur, die dies fördere. Oberste Maxime müsse das „Kümmern um den Menschen“ sein, sagte auch Franz-Josef Strzalka vom Arbeitslosenzentrum Herne. „Wenn das wegfällt, bricht alles zusammen.“ Er forderte eine „politische Diakonie“, die gesellschaftliche Strukturen hinterfragt. „Wir müssen herrschaftskritisch sein.“ „Christliche Maßstäbe“ bei allem Kostendruck forderte auch Volker Brüggenjürgen ein, Vorstand der Caritas Gütersloh, der die Tagung gemeinsam mit Christoph Eikenbusch vom Diözesan-Caritasverband moderierte.