Flüchtlinge in Arbeit bringen

Bei der Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen ist noch viel zu tun / IN VIA Paderborn berichtet von positiven Erfahrungen

Diskutierten Erfahrungen bei der Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt (von rechts): Diözesan-Caritasdirektor Josef Lüttig, Heinrich Westerbarkey (Diözesan-Caritasverband) und Margret Schwede (Vorstand IN VIA Paderborn).Foto: cpd / JonasPaderborn, 10. August.2017 (cpd). Die Arbeitslosigkeit von Flüchtlingen macht sich in diesem Jahr erwartungsgemäß stärker in der Arbeitsmarktstatistik bemerkbar. Die Zahl der Arbeitslosen aus den acht zuzugsstärksten Herkunftsländern stieg seit Juni 2015 NRW-weit um mehr als das Zweieinhalbfache auf 58.283 Personen. Das zeigt der aktuelle von der Wohlfahrtspflege in NRW herausgegebene Arbeitslosenreport NRW. Die gleiche Tendenz ist auch im Kreis Paderborn festzustellen: Lag die Zahl der Arbeitslosen aus den zuzugsstärksten Asylherkunftsländern hier im Juni 2015 noch bei 337 Personen, stieg sie im Juni 2017 auf 1.071 Personen an.

Der Anstieg erkläre sich aus der Tatsache, dass Flüchtlinge erst nach dem Erhalt einer Aufenthaltserlaubnis einen Anspruch auf Hartz-IV-Leistungen hätten, erklärte Diözesan-Caritasdirektor Josef Lüttig, der auch Vorsitzender des Ausschusses Arbeit/Arbeitslosigkeit der Freien Wohlfahrtspflege in Nordrhein-Westfalen ist. Gleichzeitig sei aber auch die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten aus den Hauptherkunftsländern gestiegen – im Kreis Paderborn von September 2015 bis September 2016 um 19,4 Prozent auf insgesamt 443 Personen.  

Erfolgreich bei der Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt seien vor allem die individuelle Förderung und ein persönliches Coaching, sagte Lüttig. Das zeigten Erfahrungen des Caritas-Fachverbandes IN VIA. So fördert der Verband in Paderborn seit 2015 jugendliche Flüchtlinge in Kooperation mit dem Gregor-Mendel-Berufskolleg in der berufsorientierten Praxisstufe „BonVIA“. Mit finanzieller Unterstützung des Erzbistums Paderborn wurden im vergangenen Jahr von neun Teilnehmern zunächst vier in eine Ausbildung vermittelt, in diesem Jahr beginnen vier weitere eine Ausbildung. „Ohne enge individuelle Begleitung würde das nicht funktionieren“, sagt IN-VIA-Vorstand Margret Schwede. „Förderung mit der Gießkanne hilft meist nicht.“ Das zeigt auch das Beispiel von Shogine Kamoyan (40). In nur sieben Monaten lernte die Armenierin bei IN VIA in einer speziellen berufsbezogenen Sprachförderung hervorragend Deutsch. Die Englisch-Lehrerin und zweifache Mutter erhält jetzt die Chance, sich an der Uni Bielefeld im Rahmen des Programms „Lehrkräfte Plus“ für eine Stelle als Lehrerin in Deutschland zu qualifizieren.

Für Josef Lüttig liegt es auf der Hand: „Es muss engagiert in die Qualifizierung von Flüchtlingen investiert werden. Sprachförderung, die Anerkennung von im Ausland erworbenen Berufsabschlüssen und Investitionen in berufliche Qualifizierung und Berufsausbildung sind wichtige Beiträge für eine nachhaltige Arbeitsmarktintegration.“

Nachteilig sei, dass für Flüchtlinge bisher hauptsächlich eher kurze Maßnahmen angeboten werden. Auch im Kreis Paderborn umfassten diese im März 2017 67 Prozent aller arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen für Flüchtlinge. „Diese kurzen Maßnahmen können lediglich einen Beitrag zur ersten Orientierung am deutschen Arbeitsmarkt leisten“, sagt Josef Lüttig. Wichtig seien vielmehr eine kontinuierliche Begleitung und ein individuelles Coaching. Die Jobcenter brauchten zusätzliche Finanzmittel aus Berlin, mit denen auch mehrjährige Fort- und Weiterbildungen finanziert werden könnten.  

Hintergrund „Arbeitslosenreport NRW“:  

Die Wohlfahrtsverbände in NRW veröffentlichen mehrmals jährlich den „Arbeitslosenreport NRW“. Darin enthalten sind aktuelle Zahlen und Analysen für Nordrhein-Westfalen; Basis sind Daten der offiziellen Arbeitsmarktstatistik der Bundesagentur für Arbeit. Jede Ausgabe widmet sich einem Schwerpunktthema. Hinzu kommen Kennzahlen zu Unterbeschäftigung, Langzeitarbeitslosigkeit und SBGII-Hilfequoten, um längerfristige Entwicklungen sichtbar zu machen. Der Arbeitslosenreport NRW sowie übersichtliche Datenblätter mit regionalen Zahlen können im Internet unter www.arbeitslosenreport-nrw.de heruntergeladen werden. Der Arbeitslosenreport NRW ist ein Kooperationsprojekt der Freien Wohlfahrtspflege NRW mit dem Institut für Bildungs- und Sozialpolitik (IBUS) der Hochschule Koblenz. Ziel der regelmäßigen Veröffentlichung ist es, den öffentlichen Fokus auf das Thema Arbeitslosigkeit als wesentliche Ursache von Armut und sozialer Ausgrenzung zu lenken, die offizielle Arbeitsmarkt-Berichterstattung kritisch zu hinterfragen und dabei insbesondere die Situation in Nordrhein-Westfalen zu beleuchten.