Nachruf für Bundeskanzler a. D. Dr. Helmut Kohl von Erzbischof Hans-Josef Becker, Paderborn

 

Paderborn, 16. Juni 2017. Die Welt, Europa, Deutschland und auch das Erzbistum Paderborn beklagen den Verlust eines ganz großen Politikers: Der Tod von Bundeskanzler a. D. Dr. Helmut Kohl am heutigen Tag erfüllt uns mit tiefer Trauer. Der Verstorbene war eine im besten Sinne herausragende Persönlichkeit. Diejenigen, die Helmut Kohl als Mensch, Politiker und Staatsmann erleben durften, bestätigen, dass er die oft zitierte Charakterisierung als „lebendes Denkmal“ zu Recht getragen hat.

Die politischen Verdienste des Verstorbenen dürften dieser Tage zu Recht Zentrum vieler Würdigungen sein. Sein unermüdlicher politischer Einsatz und seine unerschrockene Tatkraft dürfen nicht ohne das bedeutende Fundament gesehen werden, auf dem sie standen: die durch einen festen Glauben gestützte christliche Überzeugung des Verstorbenen, die ihn Zeit seines Lebens begleitet hat. Als jüngstes von drei Kindern am 3. April 1930 in Ludwigshafen geboren, erfuhr Helmut Josef Michael Kohl von klein auf eine katholische Sozialisation, die sich heute längst nicht mehr von selbst versteht. In seiner Jugend erlebte er am eigenen Leib, was der Zweite Weltkrieg in Deutschland und Europa anzurichten vermochte – eine prägende Erfahrung für den Menschen Helmut Kohl.

 

Nach dem Krieg ging Helmut Kohl privat und beruflich zielstrebig seinen Weg, immer begleitet von dem christlichen Urvertrauen, Jesus Christus an seiner Seite zu haben. Die berufliche Karriere macht deutlich, dass Helmut Kohl in der Politik „seine“ Berufung gelebt hat: schon als Schüler in die CDU eingetreten, Mitbegründer der Jungen Union in seiner Heimatstadt, 1955 CDU-Vorstandsmitglied in Rheinland-Pfalz, elf Jahre später im Bundesvorstand und schließlich 25 Jahre von 1973 bis 1998 CDU-Bundesvorsitzender, davon 16 Jahre als Kanzler der Bundesrepublik Deutschland. Und genau in die Mitte seiner Amtszeit als Kanzler fällt das Ereignis, mit dem Helmut Kohl als – wie er selber sagte – „Zeitzeuge für die Arbeit vieler Männer und Frauen, die den Bau des Hauses Europa nach dem Zweiten Weltkrieg begonnen haben“ diese Arbeit mit seinem eigenen, historischen Beitrag fortgesetzt und ein Stück weit vollendet hat: die Wiedervereinigung Deutschlands am 3. Oktober 1990.

 

Vielfach sind die Auszeichnungen, mit denen Helmut Kohl für seine Verdienste geehrt wurde – vom Aachener Karlspreis über den Preis des Westfälischen Friedens bis zur US-amerikanischen Presidential Medal of Freedom. Zu Recht trug er zudem den Titel „Ehrenbürger Europas“. Eine Auszeichnung verbindet Helmut Kohl in ganz besonderer Weise mit der Stadt Paderborn und unserem Erzbistum: Unvergessen bleibt für uns, als Helmut Kohl 1999 anlässlich des 1.200-jährigen Bistumsjubiläums von meinem Amtsvorgänger, Erzbischof Johannes Joachim Degenhardt, die „St.-Liborius-Medaille für Einheit und Frieden“ verliehen wurde – in Anerkennung seines Einsatzes für die europäische Einigung und die deutsche Einheit und seines politischen Handelns auf christlicher Grundlage.

 

Bei seinem Deutschland-Besuch im Jahr 1996 sagte Papst Johannes Paul II. zum Abschied in Berlin: „Europa braucht überzeugte Türöffner, die die Freiheit schützen durch Solidarität und Verantwortung. Nicht nur Deutschland, sondern ganz Europa braucht dazu den unentbehrlichen Beitrag der Christen.“ Diesen unentbehrlichen Beitrag als tätiger Christ hat Helmut Kohl Zeit seines Lebens durch sein klares öffentliches Bekenntnis zur katholischen Soziallehre als Prinzip der konkreten Gestaltung von Gesellschaft geleistet. Er ist weit mehr als nur ein „überzeugter Türöffner“ für Europa gewesen, er war nicht weniger als der „Architekt der Deutschen Einheit und der Europäischen Einigung auf christlicher Grundlage“, wie es in der Urkunde zur Verleihung der St.-Liborius-Medaille wörtlich heißt.

 

Die christlichen Wurzeln Europas geraten heute aus einer Vielzahl komplexer sozialer Entwicklungen oftmals in Vergessenheit. Helmut Kohl war es seinerzeit zu verdanken, dass ein Wort zu den Kirchen im Vertrag von Amsterdam verankert wurde, der ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg der europäischen Einigung war. Er hat sich damit vor den Augen der Weltöffentlichkeit zum Christentum als tragender Grundlage der europäischen Geschichte und Kultur bekannt – noch bis heute lässt sich dieses existenzielle Fundament mit Prinzipien wie der Würde und der Freiheit des Menschen in unserer Verfassung nachvollziehen.

 

Helmut Kohls engagierter politischer Einsatz für ein freiheitliches und geeintes Europa war also nie zu trennen von seiner eigenen christlichen Überzeugung, die ihm Fundament, Maßstab und Motivation seines Handels waren. Durch die Verleihung der St.-Liborius-Medaille in Paderborn verbanden sich Helmut Kohls christliche Handlungsgrundlage und seine beeindruckenden Handlungserfolge symbolträchtig: Die durch den heiligen Liborius entstandene Verbindung zwischen Paderborn und dem französischen Le Mans, dem Heimatbistum des Paderborner Bistumsheiligen, die seit Jahrhunderten „durch die Bruderschaft der Liebe zusammengeschmiedet“ und gefestigt wurde, verkörpert den europäischen Gedanken wie kaum ein anderes Bündnis. Gerade das deutsch-französische Verhältnis, das beim europäischen Einigungsprozess eine zentrale Stellung einnahm, hat Helmut Kohl durch seine Freundschaft mit dem französischen Staatspräsident François Mitterand gepflegt und geprägt – kristallisiert in einem einzigen Moment der Nationalitätsgrenzen überwindenden Brüderlichkeit, als sich die beiden Staatschefs auf dem Schlachtfeld von Verdun zum stummen gemeinsamen Gedenken die Hände reichten.

 

In solchen Gesten wird Einheit symbolisch sichtbar. Helmut Kohl selber sagte bei seiner Dankansprache anlässlich der Verleihung der St.-Liborius-Medaille, dass die Einigung Europas vielerorts konkret werde. Er nannte hier explizit auch die Jugendarbeit und die pastorale Arbeit in den Pfarrgemeinden. Wer, wenn nicht wir Christen, die mit einer Frohen Botschaft in die Welt gesandt sind, sollte für Brüderlichkeit und gegenseitige Toleranz einstehen?

 

In diesem Zusammenhang mag abschließend ein Satz helfen, den Helmut Kohl ebenfalls in seiner Dankesrede sagte: „Nicht die Visionäre waren Narren, sondern die so genannten Realisten hatten keine Perspektive.“ Christen sind von Natur aus Visionäre, und als solche haben sie eine feste Perspektive: das Reich Gottes. Das gilt auch für den verstorbenen Helmut Kohl, von dem wir hoffen, dass er das Reich Gottes nun unverhüllt schauen darf.

 

Hans-Josef Becker, Erzbischof von Paderborn