Welterbe in Bewegung: Im Westwerk Corvey ist eine virtuelle Reise in die „Himmelsstadt“ geplant

Das Welterbe Westwerk Corvey ist ein faszinierender Ort, der sich ab 2019 den Besuchern auf völlig neue und innovative Weise erschließen wird. Franz-Josef Beine, Generalvikar Alfons Hardt, Pfarrdechant Dr. Hans-Bernd Krismanek und Professor Dr. Christoph Stiegemann (v.l.n.r.) stellten die Planungen vor.pdp / Thomas Throenle Corvey / Paderborn, 29. Mai 2017. Das Welterbe Westwerk Corvey ist ein faszinierender Ort, der sich ab 2019 den Besuchern auf völlig neue und innovative Weise erschließen wird. Eine facettenreiche, virtuelle Raum- und Lichtinszenierung und Virtual-Reality-Brillen laden dann direkt am historischen Ort ein, in die frühmittelalterliche Geschichte des Weltkulturerbes einzutauchen. In einem Pressegespräch mit Generalvikar Alfons Hardt, Museumdirektor Professor Dr. Christoph Stiegemann wurde heute das Konzept vorgestellt.

Seit dem 21. Juni 2014 ist es amtlich: „Das Karolingische Westwerk und die Civitas Corvey“ sind von der UNESCO als Weltkulturerbe offiziell anerkannt. Während der mittelalterliche Klosterkomplex – die Civitas – als Bodendenkmal erhalten ist, präsentiert sich das zwischen 873 und 885 entstandene Westwerk in wesentlichen Teilen im Baubestand des 9. Jahrhunderts.  

Jetzt geht es darum, die jahrhundertealten Mauern zeitgemäß, anschaulich und sinnlich erfahrbar zum Sprechen zu bringen. Ziel ist es, das imposante karolingische Westwerk des ehemaligen Benediktinerklosters an der Weser als „Gesicht“ des Weltkulturerbes Corvey zu profilieren. Dank des großzügigen Engagements des Erzbistums Paderborn, das seine finanzielle Beteiligung im vergangenen Jahr zugesagt hat, konnten die Vorarbeiten dazu beginnen.  

Generalvikar Alfons Hardt und Professor Dr. Christoph Stiegemann freuen sich auf die neue Gestaltung.pdp / Thomas Throenle Unter dem Arbeitstitel „Von Engeln bewacht – In der Himmelsstadt“ ist neben der realen, eine digitale Erschließung dieses charismatischen und für das damalige Europa so prägenden Ortes in Planung. Multimediale Installationen werden mit Bildern, Sprache und Tönen einen lebendigen Eindruck der Bau- und Kunstgeschichte des Westwerks, der angrenzenden ehemaligen Abteikirche St. Stephanus und Vitus und der mittelalterlichen Klostergeschichte vermitteln. Digitale Mittel ermöglichen es, Teile der ursprünglichen Farbigkeit und der karolingischen Architektur zu rekonstruieren und auf Abruf – für Gruppen und Individualbesucher gleichermaßen – sichtbar zu machen.  

Intelligente Glaswand als Tor zur Welt des Mittelalters  

Im Erdgeschoss soll die ursprüngliche Wirkung der beeindruckenden, über vier Säulen gewölbten Halle wieder aufleben. Zurzeit verkümmert der Ort – ganz im Sinne barockzeitlicher Szenographie – zum dunklen Durchgangsraum. Blick und Schritte der Eintretenden werden derzeit zu der dahinterliegenden, hell ins Licht gesetzten Triumphal-Architektur der barocken Saalkirche gelenkt. Sie entstand erst 1667 bis 1671, in Nachfolge der zerstörten ehemaligen Klosterkirche.  

Im Rahmen eines Pressegespräches im Johannes-Chor wurden die Planungen des Erzbistums Paderborn und der Katholischen Kirchengemeinde in Höxter vorgestellt.pdp / Thomas Throenle Zwischen der unteren Halle des Westwerks und dem Kirchenschiff wird eine mit Schiebetüren versehene gläserne Trennwand eingebaut, die den Gläubigen die Möglichkeit bietet, ungestört an Gottesdiensten teilzunehmen. Durch den Einsatz von Flüssigkristallglas entsteht hier eine „intelligente Wand“. Temporär wird sie als Projektionsfläche genutzt, so dass der Raum und seine bewegte Geschichte völlig neu erfahrbar werden. Dabei geht das Expertenteam sehr behutsam und in stetiger Diskussion mit den beteiligten Fachgremien und Aufsichtsbehörden vor, denn die Denkmalverträglichkeit aller Maßnahmen hat höchste Priorität.  

VR-Brillen erschließen karolingische Bilderwelten  

Im Obergeschoss, dem sogenannten Johannis-Chor, liegt das liturgische Zentrum des Westwerks. Es beeindruckt durch seine außergewöhnliche Architektur und die besondere künstlerische Ausgestaltung. Vorzeichnungen von lebensgroßen Stuckfiguren finden sich neben erhaltenen Teilen eines gemalten Figurenfrieses, auf dem eine Szene aus der griechischen Mythologie dargestellt ist: der Kampf des Odysseus gegen das Meeresungeheuer Skylla. Die Fragmente dieser einzigartigen Wandmalereien spiegeln die Ideenwelt der Karolinger wider, die so richtungsweisend war für die abendländische Kultur.  

Ohne die engagierte Arbeit der Kirchenvorstandsmitglieder ist ein solches Projekt nicht zu bewältigen. (v.l.n.r.) Pfarrdechant Dr. Hans-Bernd Krismanek, Generalvikar Alfons Hardt, Annegret Kolbe, Josef Kowalski.pdp / Thomas Throenle Aus konservatorischer Sicht ist der Johannis-Chor hochsensibel, so dass gerade hier bei der Erschließung besondere Vorsicht geboten ist. Um den Besuchern dennoch die ursprüngliche, reiche Farbigkeit und die plastische Gestaltung vor Augen zu führen, ist der Einsatz von Virtual-Reality-Brillen geplant, die das Erleben des realen Ortes um eine sinnlich erfassbare, historische Dimension erweitern können.  

Nachhaltigkeit und Zukunftsperspektiven  

Inhalte und Drehbuch der virtuellen Inszenierungen im Ober- und Untergeschoss des Westwerks sind Bestandteil eines Gesamtkonzeptes, das vom Erzbischöflichen Diözesanmuseum Paderborn / Fachstelle Kunst erarbeitet wird. Es entsteht in enger Abstimmung mit der katholischen Kirchengemeinde St. Stephanus und Vitus und einem fachwissenschaftlichen Beirat. Auf diese Weise soll das Westwerk – ganz im Sinne der Vorgaben der UNESCO-Welterbe-Kommission – dauerhaft und nachhaltig entwickelt werden. Authentizität und Aura des Originals stehen dabei im Mittelpunkt.  

Sichern, konservieren und erschließen  

Um die Grundlagen für eine zielgruppengerechte, barrierefreie Erschließung zu schaffen, ist die umfassende Aufbereitung und Katalogisierung von Quellen und Dokumenten aus der Forschungsgeschichte notwendig. Restauratoren und Kunsthistoriker arbeiten Hand in Hand mit Archäologen, Denkmalschützern, Architekten und Klimaspezialisten an der Sicherung sensibler Bauteile und einem zukunftsfähigen Konzept für die Besucherführung. Dabei sind alle in engem Kontakt mit dem Deutschen Nationalkomitee von ICOMOS (International Council on Monuments and Sites) und dem Landeskonservator für Westfalen-Lippe.  

Im Auftrag des Erzbistums Paderborn zeichnet federführend Professor Dr. Christoph Stiegemann, Paderborn, für diese interdisziplinäre Projektarbeit verantwortlich. Er steht in engem Austausch mit der Kirchengemeinde St. Stephanus und Vitus, die Eigentümerin des Westwerks ist, sowie dem Herzoglichen Haus Ratibor und Corvey, welches die Maßnahmen zur Erschließung der Civitas verantwortet.              

Generalvikar Alfons Hardtpdp / Thomas Throenle Generalvikar Alfons Hardt
„Für die Kirche von Paderborn stellt die ehemalige Benediktinerklosterkirche St. Stephanus und Vitus einen Erinnerungsort von einzigartigem Rang dar. Mit der Erhebung des dortigen karolingischen Westwerks zum Weltkulturerbe steht die zahlenmäßig kleine Kirchengemeinde in der besonderen Situation, für dieses einzigartige Bauzeugnis aus der Zeit der Anfänge der Christianisierung in Sachsen Sorge zu tragen, es in seiner Substanz zu erhalten, es mit Leben zu erfüllen und künftigen Generationen zu übermitteln. Wesentlich ist, dass es sich nicht um ein rein museales Bauzeugnis handelt, vielmehr wird gerade hier für den Besucher deutlich, wie Jahrhunderte hindurch die christliche Tradition lebendig fortwirkt – kein totes Erbe also, das es nur aus historischer Rücksichtnahme und denkmalpflegerischer Wertschätzung zu erhalten gilt, vielmehr vitaler Teil unserer kulturellen Identität, der uns zurückführt zu den Anfängen.“      

Pfarrdechant Dr. Hans-Bernd Krismanekpdp / Thomas Throenle Pfarrdechant Dr. Hans-Bernd Krismanek  
„Mit den geplanten Maßnahmen im Westwerk möchten wir – unterstützt durch das Erzbistum Paderborn – ein neues Kapitel in der Geschichte Corveys aufschlagen: Durch die Möglichkeiten multimedialer Installation öffnen sich Räume, in denen Glaube und Geschichte auf eindrucksvolle Weise erfahrbar werden. So wird Corvey als lebendiger Glaubens- und Erinnerungsort auch im 21. Jahrhundert seine innovative Strahlkraft weiter entfalten.“      

Professor Dr. Christoph Stiegemann  
„Dank der Initiative des Erzbistums Paderborn ist es möglich, das Erdgeschoss des Westwerks für die Besucher in die didaktische Erschließung des Welterbes einzubeziehen. Dadurch wird der konservatorisch hoch sensible Johannis-Chor im Obergeschoss entlastet und eine barrierefreie Zuwegung für alle Interessierten geschaffen. Die Besucher werden so am historischen Ort Zeugen einer einmaligen virtuellen Raum- und Lichtinszenierung, die sie auf ungewöhnliche und innovative Weise in die frühmittelalterliche Geschichte des Weltkulturerbes eintauchen lässt.
Professor Dr. Christoph Stiegemannpdp / Thomas ThroenleIn völlig neuartiger Form werden künftig Architektur, Bauplastik und Ausmalung des Westwerks sowie der untergegangenen karolingischen Klosterkirche, die monastischen Anfänge in Corvey und die Verbindung mit Corbie, aber auch die Heiligen- und Reliquienverehrung in Szene gesetzt. So wird den Besuchern die Aura des Originals vor Augen gestellt und auf eindrückliche Art und Weise die einzigartige Bedeutung des Welterbes Westwerk Corvey erschlossen.“

Franz-Josef Beinepdp / Thomas Throenle Franz-Josef Beine (Projektsteuerung)  
„Der Bund fördert das Welterbe Westwerk Corvey mit 1,74 Mio. Euro aus dem Förderprogramm ‚Nationale Projekte des Städtebaus‘. Da zusätzliche öffentliche Fördermittel für weitere zentrale restauratorische und konservatorische Maßnahmen nicht bewilligt wurden, greift das Erzbistum Paderborn finanziell und personell unterstützend ein. Darüber hinaus engagiert sich das Erzbistum in erheblichem Umfang, um im Sinne der Vorgaben der UNESCO-Welterbe-Kommission eine publikumsgerechte und zukunftsweisende Gesamterschließung zu realisieren.“