Wurzeln, Wege und Wirkungen der Reformation

Sammelband zur Luther-Tagung in Erfurt erschienen

Gehen in ihrem neuen Sammelband den Wurzeln und Wirkungen Martin Luthers auf die Spur (v.l.): Professor Dr. Wolfgang Thönissen, Pater Augustinus Sander OSB und Professor Dr. Josef Freitag.Foto: pdp/Maria AßhauerPaderborn, 10. April 2017. Im September 2014 luden die Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Erfurt und das Johann-Adam-Möhler-Institut für Ökumenik in Paderborn zu einer Luther-Tagung ins Augustinerkloster Erfurt ein, in dem Martin Luther lebte. Als Zusammenfassung der Tagung ist jetzt ein Sammelband mit dem Titel „Luther: Katholizität und Reform. Wurzeln – Wege – Wirkungen“ erschienen.  Die Herausgeber – Professor Dr. Wolfgang Thönissen, leitender Direktor des Möhler-Instituts, Professor Dr. Josef Freitag, Professor für Dogmatik an der Katholisch-Theologischen Fakultät Erfurt, und Pater Augustinus Sander OSB, Novizenmeister im Benediktinerkloster Maria Laach – nähern sich in Kooperation mit der Evangelischen Verlagsanstalt in Leipzig dem Phänomen „Luther“ an. Erschienen ist der Tagungsband im Bonifatius-Verlag in Paderborn.      

Vom 21. bis 25. September 2014 trafen sich 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus lutherischen und katholischen Kirchen vieler Ländern, besonders aus den USA, Skandinavien, Frankreich, Italien, den Niederlanden, Österreich, Polen und Deutschland, Theologinnen und Theologen vieler akademischer und universitärer Einrichtungen und Institutionen, Verantwortliche aus den Kirchen, Ökumenereferenten und Ordensleute zu der Tagung im Erfurter Augustinerkloster. Hier legte Martin Luther seine Profess ab, hier trieb er seine theologischen Studien voran, hier feierte er seine Primiz und sammelte erste Erfahrungen im Ringen um Reformen.  

„Für Katholiken war Martin Luther als der Reformator jahrhundertelang Häretiker und Kirchenspalter. Seit dem päpstlichen Bann von 1521 galt er nicht mehr als Katholik. Erstmals Ende des 19. Jahrhunderts begannen katholische Theologen eine vorsichtige Annäherung an die Person Martin Luthers“, erklärt Prof. Dr. Wolfgang Thönissen. Im Ringen um ein katholisches Lutherbild gelang es der katholischen Theologie allmählich, sich von der einseitig polemischen Herangehensweise an Person und Werk Martin Luthers frei zu machen. Befreiend wirkte die These des katholischen Kirchenhistorikers Joseph Lortz, dass Luther in sich einen Katholizismus niedergerungen hatte, der nicht katholisch war. Katholiken konnten Luther als wirklich religiösen Menschen und gewissenhaften Beter sehen lernen. Peter Manns nannte Luther im Jubiläumsjahr 1983 „Vater im Glauben“. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts würdigte Papst Benedikt XVI. bei seinem Besuch im Erfurter Augustinerkloster Luthers leidenschaftliche Gottsuche und sein Zeugnis und seinen Einsatz für Gottes Suche nach dem Menschen.  

Die katholische Lutherforschung des 20. Jahrhunderts hat den Weg für eine sachgerechte Auseinandersetzung mit der Person und der Theologie Martin Luthers geebnet. Sie fand einen tief im Denken mittelalterlicher Theologie und des Mönchtums eingebetteten Theologen und Professor, der sich in seiner theologischen Arbeit auf die Auslegung der biblischen Schriften konzentrierte. In lebendiger Aufnahme der Kirchenväter von Augustinus bis hin zu Bernhard von Clairvaux und geprägt durch die monastische Tradition, die er in seinem Orden kennenlernte, entfaltete Luther seine Theologie in Auseinandersetzung mit der scholastischen Theologie seiner Zeit. Gegenüber der Philosophie des Aristoteles nahm er eine kritische Haltung ein.  

„Wir wissen heute viel besser, dass Martin Luther mit beiden Beinen in den großen geistigen Traditionen des Mittelalters stand. Ihn verstehen zu wollen, ohne auf diese Wurzeln zu-rück zu gehen, ist schier unmöglich. Gerade als Reformkatholik ist Martin Luther in seiner Kirche, der lateinischen Kirche des Westens, bleibend verankert“, so Prof. Dr. Thönissen.  

In dem Anliegen, die reformbedürftige Gestalt der Kirche des beginnenden 16. Jahrhunderts zu erneuern, beschreitet Luther zugleich neue Wege, die in das später so genannte Zeitalter der Reformation hinüberführten. Dass sich die Wittenberger Reformbewegung zu einer eigenständigen lutherischen Konfessionskirche entwickelte, ist ein wirkungsgeschichtliches Faktum. „Darin liegt aber auch die ökumenische Herausforderung, der sich die Luther-Tagung stellen wollte. Die Wirkungen, die von Luthers Handeln und dem der anderen Reformatoren ausgingen, können Katholiken und Lutheraner heute gemeinsam besser reflektieren, ohne gegenseitig in Schuldzuweisungen zu verfallen beziehungsweise in ihnen zu verbleiben“, erläutert der leitende Direktor des Johann-Adam-Möhler-Instituts für Ökumenik in Paderborn.  

Anstöße, sich mit diesen katholischen und reformerischen Aspekten im Blick auf die Reformationsdekade zu befassen, gingen zunächst von Walter Kardinal Kasper, dem früheren Präsidenten des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, aus. Der jetzige Präsident, Kurt Kardinal Koch, unterstützte dieses Vorhaben der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt und des Johann-Adam-Möhler-Instituts für Ökumenik in Paderborn nachhaltig. So luden beide im September 2014 zur Tagung ins Erfurter Augustinerkloster ein.

„Diese Tagung verdankte sich dem Wunsch der katholischen Lutherforschung, einen Beitrag zum Reformationsgedenken im Jahr 2017 zu leisten“, erinnert sich Prof. Dr. Thönissen. Selbstverständlich standen im Hintergrund die Arbeiten der internationalen lutherisch-katholischen Kommission für die Einheit, die 2013 den Bericht „Vom Konflikt zur Gemeinschaft“ veröffentlicht hat. „Die 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben dazu beigetragen, dass es zu einem fruchtbaren und offenen ökumenischen Austausch über Martin Luther gekommen ist. Luther kann zusammenführen“, ist sich Prof. Dr. Wolfgang Thönissen sicher.  

Wolfgang Thönissen, Josef Freitag, Augustin Sander (Hgg.): Luther: Katholizität und Reform. Wurzeln – Wege – Wirkungen.  Bonifatius-Verlag,  327 Seiten, 24,90 EUR  
ISBN: 978-3-89710-630-7