Aufbruch im Umbruch

Sammelband untersucht „Das Zweite Vatikanische Konzil und das Erzbistum Paderborn“

Stellten das neue Buch „Aufbruch im Umbruch. Das Zweite Vatikanische Konzil und das Erzbistum Paderborn“ vor: (v.l.n.r.) Franz Hucht, Dr. Gisela Fleckenstein, Dr. Georg Pahlke, Dr. Arnold Otto.pdp / Thomas ThroenlePaderborn, 10. März 2017. Den Abschluss des II. Vatikanischen Konzils vor über 50 Jahren nahm die Kommission für kirchliche Zeitgeschichte im Erzbistum Paderborn zum Anlass, einen Blick auf die Umsetzung der Beschlüsse dieses bedeutenden Ereignisses in der Geschichte der Katholischen Kirche in der eigenen Erzdiözese zu werfen. Das Ergebnis ist ein jetzt im Bonifatius-Verlag Paderborn erschienener Sammelband, in dem 16 Autoren den Versuch unternehmen, unter Berücksichtigung regionaler, historischer und kirchenpolitischer Besonderheiten, die Frage zu beantworten, was von den Verlautbarungen und Beschlüssen der Kirchenversammlung im Vatikan an der Basis angekommen ist und wie sich die Reformen, die in Rom angeregt wurden, in der Erzdiözese Paderborn umsetzen ließen. Herausgekommen ist dabei eine „bunte Mischung“ von Beiträgen, so der Herausgeber Dr. Georg Pahlke in seinem Vorwort: Bunt in Bezug auf die Autoren, bunt aber auch im Hinblick auf die Form der Beiträge.      

Unter den sechzehn Autoren des Sammelbandes „Aufbruch im Umbruch. Das Zweite Vatikanische Konzil und das Erzbistum Paderborn“ sind Fach- und Kirchenhistoriker ebenso vertreten wie Fachleute aus unterschiedlichen kirchlichen Handlungsfeldern. Einige Autoren schreiben aus einer gewissen wissenschaftlichen Distanz aufgrund intensiven Literatur- und Quellenstudiums, andere bringen als Zeitzeugen des Zweiten Vatikanischen Konzils ihre eigenen Erfahrungen und Erlebnisse mit ein. Auch die Form der Beiträge ist vielgestaltig: Sie reichen vom wissenschaftlichen Essay über den engagierten Zeitzeugenbericht mit der Reflexion der eigenen (beruflichen) Tätigkeit bis zum Fachgespräch unter Praktikern unterschiedlicher Professionen.  

Einen breiten Raum im Sammelband nimmt der Komplex der Liturgiereform ein, die zu den ersten Beschlüssen des Konzils gehörte und die für die Gläubigen am deutlichsten sichtbar machte, dass sich in der katholischen Kirche etwas veränderte. Der Liturgiewissenschaftler Dr. Jürgen Bärsch stellt in seinem Beitrag dar, welche positiven Auswirkungen, aber auch welche Schwierigkeiten im Erzbistum Paderborn und in einzelnen Kirchengemeinden auftauchten. In den gleichen Bereich gehört auch der Beitrag von Dr. Erika Heitmeyer und Dr. Maria Kohle, die ausgehend vom 19. Jahrhundert den Gemeindegesang und das Gebet anhand der diözesanen Gesangbücher (Sursum Corda und Gotteslob) untersuchen und – ganz aktuell – die Entwicklungslinien bis zum erst vor drei Jahren erschienenen neuen Gotteslob ziehen. Ebenfalls dem Bereich Liturgie kann der Beitrag von Diözesanbaumeisterin Emanuela von Branca, Dr. Stephanie Lieb und Dr. Heinrich Otten zugeordnet werden, die in einem Fachgespräch Entwicklungen des Kirchenbaus vor und nach dem Konzil unter besonderer Berücksichtigung Paderborner Besonderheiten diskutieren.  

Die beiden Bistumshistoriker Dr. Hans Jürgen Brandt und Dr. Karl Hengst nehmen in besonderer Weise die am Zweiten Vatikanischen Konzil beteiligten Paderborner Bischöfe und deren Berater in den Blick. In ihrem Beitrag kommt auch die besondere Situation des Erzbistums Paderborn zur Sprache, in dem damals das Konzil sowohl für West- als auch Ost-Deutschland, also in zwei unterschiedlichen Gesellschaftssystemen umgesetzt werden musste.  

Von der Situation „vor Ort“ in der Gemeinde berichtet als Zeitzeuge des Konzils Pfarrer i. R. Werner König, der seine Erfahrungen als Vikar und Pfarrer reflektiert und damit deutlich macht, welche Möglichkeiten sich durch die Konzilsbeschlüsse in der pastoralen Arbeit eröffneten, welche Konflikte aber auch entstehen konnten.  

Ebenfalls stark autobiographisch geprägt ist der Beitrag von Dr. Konrad Schmidt, der die Ausbildungssituation der Priester vor und nach dem II. Vatikanischen Konzil an der Theologischen Fakultät in Paderborn untersucht. Einen eigenen Abschnitt widmet er dem Konflikt um den Paderborner Theologen Eugen Drewermann.  

Wie sich das neue Kirchenbild des Konzils auf die pädagogische und pastorale Arbeit mit jungen Menschen auswirkte, untersuchen der inzwischen verstorbene Gerhard Krombusch für den Bereich der Schule und des Religionsunterrichtes und Franz Hucht für die katholische Jugendarbeit im Erzbistum Paderborn. In beiden Beiträgen wird deutlich, welche Auswirkungen die Öffnung der Kirche zur Welt, die von den Konzilsvätern angeregt wurde, für junge Menschen in der Schule und in der außerschulischen Jugendarbeit hatte.  

Durch das Wirken des damaligen Paderborner Erzbischofs Lorenz Kardinal Jaeger hatte die Ökumene im Erzbistum Paderborn eine besondere Bedeutung. Dr. Michael Hardt beschreibt die Rolle Jaegers und seiner Mitarbeiter für die ökumenische Arbeit im Konzil, aber auch die Auswirkungen, die das Ökumenedekret des Konzils ganz praktisch im Erzbistum hatte.  

Eine Gruppe, die besonders von durch das Konzil angestoßenen Reformen betroffen war, bildeten die Ordensleute, vor allem die Mitglieder der weiblichen Ordensgemeinschaften. Die Chancen, aber auch die Schwierigkeiten und negativen Auswirkungen, die das für einzelne Orden und Konvente bedeutete, sind Thema des Beitrags von Dr. Gisela Fleckenstein.  

Abschließend bietet Dr. Arnold Otto eine „quantitative Analyse“ der Konzilsrezeption im Erzbistum Paderborn. Die von ihm vorgestellten, zum Teil ernüchternden Zahlen zeigen, dass das Konzil in Deutschland und anderen westeuropäischen Ländern Teil eines Säkularisierungsprozesses war, den es nicht umkehren konnte.  

Schon im Vorwort warnt darum Dr. Georg Pahlke, der den Sammelband im Auftrag der Kommission für kirchliche Zeitgeschichte im Erzbistum Paderborn herausgegeben hat, den Leser: Es werde keine reine Erfolgsgeschichte geboten. Aber der Blick zurück nach 50 Jahren und die Analyse der pastoralen Entwicklungen in dieser Zeit zeigen, welche Bedeutung das II. Vatikanum auch für die Kirche von Paderborn gehabt hat und weiter hat. So beruft sich das 2014 von Erzbischof Hans-Josef Becker in Kraft gesetzte „Zukunftsbild für das Erzbistum Paderborn“ an siebzehn Stellen auf das II. Vatikanische Konzil.

Pahlke, Georg (Hg.): Aufbruch im Umbruch. Das Zweite Vatikanische Konzil und das Erzbistum Paderborn, Paderborn (Bonifatius-Verlag) 2017, 24,90 Euro