Hoffnung trägt die Farbe hellblau

Bahnhofsmission im Bielefelder Bahnhof seit Jahren ein Aushängeschild und Anker für Menschen in Not

Josefine Georgi (l.), die im August die Aufgaben von Marcel Bohnenkamp übernommen hat, mit Ulrich Paus (Vorstand des Caritasverbandes Bielefeld) und einem Mitarbeiter der Bahnhofsmission am Bahnhof Bielefeld.Foto: pdp/Ronald PfaffPaderborn/Bielefeld, 30. Dezember 2016. Die hellblaue Weste ist das Markenzeichen der Bahnhofsmission. „Sie ist ein Aushängeschild und wirkt oft mehr als die blaue DB-Jacke“, berichtet Ulrich Paus, Vorstand des Caritasverbandes Bielefeld. Am Bahnhof Bielefeld ist die Bahnhofsmission in Trägerschaft der Caritas und der Diakonie seit Jahren ein ökumenisches Erfolgsprojekt – ein Beispiel für gelebtes Christentum in Bielefeld. „Menschen erleben hier in der Regel eine offene Tür, wenn sie Probleme haben. Etwas, was sie sonst im Leben so nicht unbedingt finden.“      

Der Weg von den Gleisen zur Bahnhofshalle führt jeden ankommenden Reisenden an der Bahnhofsmission vorbei. Bevor der – oft sogar symbolisch – mühevolle Aufstieg der Treppe Richtung Ausgang beginnt, ist rechts die Bahnhofsmission untergebracht. In großen Lettern weist das Hinweisschild den Weg. Für die Reisenden jederzeit gut sichtbar. Die anderen Menschen, die sich vom Bahnhof aus unterschiedlichsten Lebensgeschichten her angezogen fühlen, oder sich an der bekannten Bielefelder „Tüte“ vor dem Bahnhof aufhalten, kennen den Ort, der ihnen Rat, eine Mahlzeit, ein Gespräch, manchmal sogar ein Stück Hoffnung bietet.  

„Wir definieren uns über den Standort, nicht über das Klientel“, gibt Josefine Georgi klar zu verstehen. Letztlich kümmere man sich um alle Menschen am Bahnhof. Die 27-Jährige ist Leiterin der Bahnhofsmission und trat erst im August 2016 die Nachfolge von Marcel Bohnenkamp an, der über Jahre diese Funktion innehatte. Josefine Georgi hat Erziehungswissenschaft „Soziale Arbeit“ an der Uni Bielefeld studiert. „Menschen in schwierigen Lebenslagen“ hat sie während Studium und Praktika „faszinierend“ gefunden: „Ich bin völlig beeindruckt, wie die Leute ihr Leben meistern. Ich habe ganz großen Respekt vor diesen Menschen.“  

Ihre Lebenseinstellung setzt Josefine Georgi in die Tat um und „lebt“ Bahnhofsmission in Bielefeld. Auch heute gehört sie wieder zum Team, das den Dienst um 7 Uhr in der Früh begonnen hat. Immer in einer 3-er-Besetzung gehen die Frauen und Männer ihre Aufgaben in der Bahnhofsmission an. Zuerst werden die Brote vorbereitet und der Tee gekocht. „Hier wird kein Kaffee ausgeschenkt“, erklärt Georgi, die weitere Aufträge für den Tag prüft, „ansonsten müssen wir abwarten, wie der Tag so verläuft.“ 120 Gäste kommen im Tagesdurchschnitt in die Bahnhofsmission, in Zeiten des Flüchtlingsstroms waren es auch deutlich mehr. „Manche Gäste besuchen uns auch bis zu dreimal am Tag“, sagt Josefine Georgi und begrüßt einen alten Bekannten. Die Unterhaltung mit dem Gast ist nicht nur für sie selbstverständlich.  

Josefine Georgi –hier mit Ulrich Paus (Vorstand des Caritasverbandes Bielefeld) – im Gespräch mit einem Gast der Bahnhofsmission im Bahnhof Bielefeld.Foto: pdp/Ronald PfaffUlrich Paus ist stolz auf sein Team: „Die Bahnhofsmission ist ein totales Aushängeschild.“ Daher lasse es sich auch verantworten, dass die Bahnhofsmission über Jahre ein Zuschussgeschäft für beide Träger – Caritas und Diakonie – sei, wenngleich auch viele Erfolge im Einwerben von Spenden zu verzeichnen seien. „Ohne Ehrenamt ist die Arbeit gar nicht leistbar, daher sind neue Helfer jederzeit herzlich willkommen.“ Auch der Leistungsvertrag mit der Stadt Bielefeld helfe weiter, um oft schwankenden Bedarf zu finanzieren. Die Erstausstattung für Obdachlose gehört zu den großen finanziellen Posten.  

Josefine Georgi kommt von ihrem kurzen Schnack mit „Heinz“ zurück. „Wir fragen hier nur nach dem Vornamen. Das kann auch mal ein Spitzname sein. Wir kontrollieren auch nicht, ob der Vorname stimmt. Für uns ist die Person, nicht der Name interessant.“ „Heinz“ kommt gern wieder, fühlt sich unter Freunden und freut sich auf sein kleines Lunch-Paket. Sein Alter ist nur grob einzuschätzen, doch er zählt zum Hauptklientel der Bahnhofsmission: zwischen 28 und 65 Jahren. „Es sind Leute, die man erwerbstätig nennt. Das Rentenalter ist nicht klassisch dabei“, erläutert Ulrich Paus.  

Eine junge Frau sucht nach sozialer Beratung, zwei Männer freuen sich auf den heißen Tee. Eine junge Familie nimmt gern das Lunch-Paket und bittet höflichst noch um etwas Obst. „Siggi“ wollte nur mal eben „Guten Tag“ wünschen. Gerade ist Hochbetrieb an der Bahnhofsmission, die Türglocke kommt nicht zur Ruhe. „Manchmal müssen wir auch einen Knopf annähen oder die Tür schließen, weil sich jemand die Strumpfhose mal gerade richten muss“, erinnert sich Josefine Georgi, derweil sie in der Schublade nach passenden und wärmenden Socken für einen älteren Herrn sucht. Auffällig oft fallen die Worte „Danke“, „das freut mich“ und „bis zum nächsten Mal“, wenn die Gäste die Bahnhofsmission wieder verlassen.  

„Manchmal reden wir nur über das Wetter, manchmal über tiefergehende Probleme. Viele unserer Besucher kennen wir, ihre Geschichte und Geschichten und wissen, dass die Geschichte weiter geht. Es gibt kein Tabu von multiplen sozialen Problemen bis hin zu Suchtproblemen“, weiß Josefine Georgi, warum sich die Menschen hier öffnen: „Hier finden sie die Niedrigschwelligkeit, um Probleme anzusprechen.“  

Für die Mitarbeiterin der Bahnhofsmission bleibt unvergessen, als ein Gast eine Banane, ein Brot und einen Keks erhielt. Es sei total schön zu fühlen, so einen Keks in die Hand nehmen zu können, betonte der ältere Herr damals. Sein Schicksal: Er hatte Bauchspeicheldrüsenkrebs und musste am nächsten Tag in die Klinik. „Er wollte noch mit vielen Menschen reden, war dankbar für das Paket und umarmte mich. Das war für mich ein sehr bewegender Moment“, so Josefine Georgi.  

In der Bahnhofsmission verteilen die Mitarbeiter kostenlos Tee an Bedürftige und Hilfesuchende.Foto: pdp/Ronald PfaffZwischendurch gehen sie und ein ehrenamtlicher Mitarbeiter auf den Bahnsteig. Ein Fernreisezug ist eingefahren. Beim Koffertragen müssen sie heute nicht helfen. Ziellose Reisende scheinen heute ebenfalls nicht auszusteigen. Doch Fragen „Wo geht es zur Innenstadt?“, „Wie finde ich den Taxi-Stand?“ oder „Wo ist Gleis 5?“ sind normal. Und im Vorbeigehen mal eben noch den ratlosen Gast erklären, wie der Ticket-Automat die richtige Fahrkarte ausgibt.  

Die Ökumene der katholischen und evangelischen Kirche hat hier gleiche Ziele und den Blick in dieselbe Richtung. Zu den ehrenamtlichen Helfern gehören im Übrigen auch Muslime. „Suche, Liebe und Geborgenheit“ – diese Aussage eines beeindruckenden Gottesdienstes in der Bahnhofshalle traf den Kern der Gäste der Bahnhofsmission, deren Lebensgeschichten genau diese Hoffnung nicht aufgeben. Andachten finden sporadisch immer wieder mit der Bahnhofsmission statt. Eigentlich für das Klientel, doch viele Menschen zeigen sich solidarisch und kommen auch von außerhalb dazu. „Mich“, so erinnert sich Ulrich Paus, „hat mal eine Andacht beeindruckt, die hier im Bahnhof stattfand. 700 Fußballfans von Arminia Bielefeld kamen von einem Spiel daran vorbei, und zollten uns mit Stille Respekt, als sie erkannten, dass wir eine Andacht feierten.“  

Die hellblauen Westen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Bahnhofsmission sind dann gerade zwischen den Feiertagen besonders gefragt. „Für unser Klientel eine ganz besondere und schwere Zeit“, weiß Josefine Georgi. Wenn die Anderen feiern, Familienanschluss und eine Heimat haben, dreht sich für sie der Lebenskreis in eine andere Richtung. „Vielleicht sogar die schwierigste Woche für sie“, weiß Georgi, deshalb war für sie völlig klar: zwischen Weihnachten und Neujahr habe ich keinen Urlaub, sondern bin für meine Menschen da.      


Hintergrund: Die Bahnhofsmission  


- Die Bahnhofsmission wird erstmals 1899 erwähnt. Sogenannte „fromme Frauen“ wollten sich vor allem um Frauen kümmern, wenn diese alleinreisend waren.  
- In den Wirren der Kriegsjahre des Ersten und Zweiten Weltkriegs gehörten auch Soldaten zum Klientel, später auch viele Arbeitslose und Nichtsesshafte.  
- Bis 1999 wechselten sich katholische und evangelische Bahnhofsmission mit ihren Diensten täglich ab. Heute arbeiten Caritas und Diakonie sehr gut gemeinsam zusammen.  
- 1 Hauptamtliche, 27 ehrenamtliche Kräfte und zwei „Buftis“ (Mitglieder des Bundesfreiwilligendienstes) leisten im Bahnhof Bielefeld werktags von 7 bis 19 Uhr Dienst, am Samstag von 7 bis 13 Uhr.