Ehe und Familie im Blick: unterscheiden, begleiten, integrieren

Erzbischof Hans-Josef Becker begrüßt 150 Priester und Ständige Diakone zum Herbstpriestertreffen in Paderborn

Das Herbstpriestertreffen im Erzbistum Paderborn thematisierte Fragen der Ehe- und Familienpastoral im Licht des Apostolischen Schreibens „Amoris Laetitia“ (v.l.n.r.): Erzbischof Hans-Josef Becker, Bischof Dr. Franz-Josef Bode, Dr. Martina Kreidler-Kos, Domvikar Dr. Rainer Hohmann.Foto: pdp Paderborn, 28. November 2017. „Die Freude der Liebe in den Familien ist auch die Freude der Kirche“ – so formuliert Papst Franziskus am Anfang seines nachsynodalen Schreibens „Amoris Laetitia“, in dem er die Perspektiven der beiden Bischofssynoden in den Jahren 2014 und 2015 zum Themenfeld Ehe und Familie bündelt. Dieses Thema bestimmte am Montag auch das traditionelle Herbstpriestertreffen im Erzbistum Paderborn. Erzbischof Hans-Josef Becker begrüßte rund 150 Priester und Ständige Diakone aus dem ganzen Erzbistum in der Paderborner Kaiserpfalz. Der Bischof von Osnabrück, Bischof Dr. Franz-Josef Bode, referierte über seine Erfahrungen als Synodenteilnehmer und erläuterte das Schreiben von Papst Franziskus. In einer Podiumsdiskussion wurden die Fragen der Ehe- und Familienpastoral weiter vertieft. Das Fazit: Es gilt, sich für die Komplexität von Ehe und Familie heute aufzuschließen, so Domvikar Dr. Rainer Hohmann, Leiter der Fortbildung für das pastorale Personal. Das Treffen endete mit einem Vespergottesdienst im Hohen Dom zu Paderborn.      

Bischof Dr. Franz-Josef Bode berichtete und kommentierte als Synodenteilnehmer das Päpstliche Schreiben „Amoris Laetitia“.Foto: pdp In seiner Eröffnungsrede kennzeichnete Erzbischof Becker die Herausforderungen der Ehe- und Familienpastoral als ein „Thema von herausragender Bedeutung“. „Was kann die Kirche heute von Familien lernen und von deren Berufung? Und zweitens: Wie kann die Kirche in ihrer Seelsorge für die Ehen und Familien da sein?“, fragte der Paderborner Oberhirte. Er erinnerte an den Fragenkatalog, den der Vatikan zur Vorbereitung der ersten Bischofssynode 2014 an alle Ortskirchen verschickt hatte. „Diese neue Vorgehensweise hat damals große Beachtung gefunden, innerhalb der Kirche und medial auch weit darüber hinaus“, so Erzbischof Becker. Er begrüßte den Referenten des Tages, Bischof Dr. Franz-Josef Bode aus Osnabrück. Bischof Dr. Bode habe die Möglichkeit gehabt, als Synodenteilnehmer in Rom wichtige Anliegen der Ortskirche präsent zu machen, sagte Erzbischof Becker.  

In seinem Impulsvortrag schilderte Bischof Dr. Franz-Josef Bode seine Eindrücke von der dreiwöchigen Synodenarbeit in Rom: Es sei zum größten Teil in Sprachgruppen gearbeitet worden. Am Thema Ehe und Familie sei schnell deutlich geworden, wie eng es an die Kultur der Menschen gebunden sei. „Die Buntheit der Meinungen hat sichtbar werden lassen: Unser Verständnis von Weltkirche muss sich wandeln“, benannte Bischof Dr. Bode ein Resultat aus der Synodenatmosphäre. Diese habe eine lebendige Auseinandersetzung ermöglicht.  

„Was kann die Kirche von Familien lernen?“, fragte Erzbischof Hans-Josef Becker in seiner Begrüßung.Foto: pdp Mit „Amoris Laetitia“ habe Papst Franziskus laut Bischof Dr. Franz-Josef Bode ein  „sprachlich großes Zeugnis abgeliefert“. Der Papst mache darin deutlich, dass die Kirche berufen sei, das Gewissen der Menschen zu bilden – anstatt es zu ersetzen. Der Heilige Vater weise zudem darauf hin, dass auch in augenscheinlich „unvollkommenen“ Formen des Zusammenlebens Saatkörner des Guten gefunden werden könnten. Die Lebenswirklichkeit der Menschen müsse in der Kirche Resonanz finden. „Der Papst fordert uns auf zu einem Blick auf das halbvolle Glas statt auf das halbleere“, erklärte Bischof Dr. Bode und fuhr fort: „Die Ehe ist ein Weg, ein Prozess, in dem sich die Eheleute immer wieder neu formen.“ Der Papst stelle eine wichtige Frage: „Was passiert mit Menschen, die sich von der Kirche abgewiesen fühlen? Sie werden ihren Glauben nicht weitergeben. Das heißt, wenn wir einen Menschen verlieren, verlieren wir mitunter eine ganze Familie. Es kann nicht nur ‚schwarz‘ oder ‚weiß‘ geben, sonst bleiben wichtige Wege der Heilung für Menschen verschlossen“, verwies Bischof Dr. Bode auf den Heiligen Vater.  

Wo liegen die Herausforderungen von „Amoris Laetitia“ für die Seelsorge? Bischof Dr. Bode plädierte dafür, die Ehevorbereitung und -begleitung zu vertiefen. Die Kirche müsse sich einen differenzierteren Blick und eine größere Sensibilität für die Lebenssituationen der Menschen aneignen: „Wir müssen lernen, zu unterscheiden, zu begleiten und zu integrieren. Und wir müssen einen gemeinsamen Weg der Gewissensbildung finden“, so der Osnabrücker Bischof zum Abschluss seines Vortrags.  

Rund 150 Priester und Ständige Diakone aus dem Erzbistum Paderborn nahmen am Herbstpriestertreffen teil.Foto: pdp Andreas Altemeier, Leiter des Referates Ehe- und Familienpastoral im Erzbischöflichen Generalvikariat Paderborn, moderierte beim Priestertreffen die Fragerunde mit Bischof Dr. Bode. Unterstützt wurde der Osnabrücker Bischof von Dr. Martina Kreidler-Kos, Diözesanreferentin der Frauenseelsorge und Ehe- und Familienpastoral im Bistum Osnabrück und Lehrbeauftragte für Theologie der Spiritualität an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Münster. Nach der Resonanz auf das Schreiben „Amoris Laetitia“ in den Gemeinden des Bistums Osnabrück befragt, schilderte Dr. Kreidler-Kos unterschiedliche Reaktionen – von Erleichterung und Staunen über Resignation bis Frustration. „Viele Menschen ahnen gar nicht, was alles in dem Schreiben drin steckt“, so die Diözesanreferentin. Ob das Schreiben nicht viel mit der Glaubwürdigkeit der Kirche in Sachen Barmherzigkeit zu tun habe, fragte Andreas Altemeier Bischof Dr. Bode. „Es muss immer um den anspruchsvollen Weg der Unterscheidung zwischen hochdifferenzierten Lebenssituationen gehen. Wir müssen diese Wege der anspruchsvollen Seelsorge und der Unterscheidung gehen. Und wenn Paare beispielsweise in Liebe zusammenleben, ohne das Sakrament der Ehe empfangen zu haben, dann müssen wir sie begleiten und sie so vielleicht mitnehmen auf dem Weg zum Sakrament“, antwortete der Bischof aus Osnabrück.  

Vertieften auf dem Podium die Fragen der Ehe- und Familienpastoral (v.l.n.r.): Pastor Monsignore Martin Reinert, Christiane Beel, Bischof Dr. Franz-Josef Bode, Dr. Martina Kreidler-Kos und Moderator Andreas Altemeier.Foto: pdp Am Nachmittag ging es mit einer Podiumsdiskussion weiter, ebenfalls unter der Moderation von Andreas Altemeier. Gemeinsam mit Bischof Dr. Franz-Josef Bode und Dr. Martina Kreidler-Kos diskutierten Pastor Monsignore Martin Reinert, langjähriger Spiritual am Erzbischöflichen Priesterseminar und Pauluskolleg, und Christiane Beel als Leiterin der Ehe- und Familienberatung im Erzbistum Paderborn. Beel beschrieb aus ihrer Sicht ein extrem gewandeltes Familienbild. Wo früher die Ehe als Institution aufrechterhalten wurde, sei sie heute am Ideal der Liebe ausgerichtet und werde als Prozess verstanden – und damit auch als etwas, das Scheitern könne. Allerdings: „Das Scheitern einer Ehe ist laut Erhebungen ein höherer Stressfaktor als beispielsweise eine Krebsdiagnose“, unterstrich die Ehe- und Familienberaterin die hohe Belastung einer Trennung.  

Das Resultat des gewandelten Familienbildes: eine Vielzahl verschiedener Lebensformen. „Wenn wir eine Kirche sein wollen, die sich den Menschen zuwendet, dann müssen wir lernen, mit dieser Komplexität umzugehen. Und das kann nicht allein die Aufgabe der Priester sein“, so Bischof Dr. Bode. Msgr. Reinert plädierte dafür, die geistliche Begleitung weiter zu verstärken: „Um mit der Komplexität nicht überfordert zu sein, müssen wir bessere Zuhörer werden“, so der Geistliche.   

Was kann die Kirche von den Familien lernen? „Die bedingungslose, radikale Liebe, mit der eine Mutter an ihre Kinder glaubt und ihnen vertraut“, zeigte sich Dr. Martina Kreidler-Kos überzeugt. Das Bild der Familie werde oft idealisiert in der Kirche. Papst Franziskus mache aber in „Amoris Laetitia“ deutlich, dass Gott in der realen Familie lebe und nicht im Ideal, so die Diözesanreferentin aus Osnabrück.