„Jesus hat alles gegeben, was Menschen suchen“

Podiumsdiskussion von Katholischer Hochschulgemeinde und Pauluskolleg: „Verreckt die Kirche an ihrer Sprache?“

Freuten sich über viele Interessierte im Forum St. Liborius (v.l.): Benedetta Michelini, Autor Erik Flügge, Pastoraltheologe Professor Dr. Bernhard Spielberg, Moderatorin Julia Fisching-Wirth und Studierendenpfarrer Nils Petrat.Foto: pdpPaderborn, 16. November 2016.  „Der Jargon der Betroffenheit. Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt“ – schon der Titel des im Mai 2016 veröffentlichten Buches von Erik Flügge sorgt für Aufsehen. Wieviel Gesprächsstoff inhaltlich in dem Buch steckt, zeigte eine Podiumsdiskussion, zu der die Katholische Hochschulgemeinde und das Pauluskolleg Paderborn gestern ins Forum St. Liborius in Paderborn eingeladen hatten. „Verreckt die Kirche an ihrer Sprache?“ Dieser provokanten Frage gingen vor großem Publikum Autor Erik Flügge und der Pastoraltheologe Professor Dr. Bernhard Spielberg aus Freiburg nach. Das Fazit am Ende des Abends: Nur auf die Sprache zu blicken, ist zu eindimensional – aber vieles hängt damit zusammen.      

Der Paderborner Studierendenpfarrer Nils Petrat und Benedetta Michelini, die Direktorin des Pauluskollegs, begrüßten die zahlreichen Gäste – Studierende, Lehrende, Mitarbeiter im kirchlichen Dienst und viele weitere Interessierte – im Forum St. Liborius. Julia Fisching-Wirth aus der Hauptabteilung Pastorale Dienste im Erzbischöflichen Generalvikariat Paderborn führte als Moderatorin durch die Diskussion und stellte die beiden Podiumsteilnehmer vor: auf der einen Seite Erik Flügge, der „Provokateur“, Jahrgang 1986, Politikwissenschaftler und Germanist und geschäftsführender Gesellschafter einer Beratungsagentur in Köln – und von Kind auf mit Kirche aufgewachsen. Auf der anderen Seite Prof. Dr. Bernhard Spielberg, 1976 geboren, Professor für Pastoraltheologie und Predigtlehre (Homiletik) – bei ihm lernen junge Menschen unter anderem „gut“ zu predigen.  

Erik Flügge stellte die Thesen aus seinem Buch „Der Jargon der Betroffenheit. Verreckt die Kirche an ihrer Sprache?“ zur Diskussion. Er forderte mehr Mut zur Polarisierung.Foto: pdpDen Anfang machte Erik Flügge, der sich selber als Mensch beschreibt, „der mit seiner Kirche hadert, aber nicht mit ihr bricht“. Seine Grunderfahrung in der Kirche, so der Autor, sei eine „Mutlosigkeit, Dinge einfach konsequent und mutig durchzuziehen“. „Ich nehme in der Kirche zwei Extreme wahr: Das ist zum einen die ‚Religionspädagogisierung‘ des Glaubens und zum anderen die unverständliche ‚Theoretisierung‘ des Glaubens. So verliert die Kirche viele Menschen. Jesus war kein Religionspädagoge und auch kein Theoretiker. Er hat alles gegeben, was Menschen suchen. Das tun wir heute nicht“, formulierte Flügge in seinem Anfangsstatement.  

Prof. Dr. Spielberg übernahm eher die Rolle eines „Weiterspielers“ statt eines konfrontativen „Gegenspielers“. So benannte er wertvolle Ansätze in dem Buch von Erik Flügge: Der Autor habe mit seinem Buch Wunden offen gelegt. In einer komplexen Welt, sei es schwer, über den eigenen Glauben zu sprechen. Da passe ein „lieber Gott“ alleine nicht hinein. Alte Selbstverständlichkeiten seien weggefallen. „Wir können nicht in alten Floskeln über den Glauben reden“, sagte der Pastoraltheologe. Zudem würden junge Menschen an den Universitäten zwar lernen über Gott oder über Vertrauen und Hoffnung zu reden. „Aber lernen sie auch, mit einer Predigt, eben diese Gefühle wie Vertrauen und Hoffnung bei den Menschen zu wecken anstatt nur darüber zu reden? Welche Konsequenzen muss das für die Ausbildung junger Seelsorger haben?“, fragte Prof. Dr. Spielberg.  

Erik Flügge forderte mehr Mut zur „Polarisierung“ an den Universitäten. „Es muss erlaubt sein, Brüche zu finden und uns an ihnen zu begeistern“, so der junge Autor. Theologiestudenten würden in ihrer Ausbildung zu sehr dazu ermutigt, sich immer nur mit Bereichen jenseits der Oberfläche zu beschäftigen, mit dem Transzendenten und dem „großen Ganzen“. „Leider bewegen viele sich dadurch von der Oberfläche weg“, so Flügge. Zudem müsse bewusster über Dramaturgie- und Inszenierungsstrategien nachgedacht werden. „Die Kirche scheint sich oft zu schade zu sein, auf das zu reagieren, was draußen los ist. Und diese Umgebungswelt ist nun einmal von Vereinfachung geprägt. Es glauben nicht mehr alle. Darauf muss man reagieren.“  

Pastoraltheologe Prof. Dr. Bernhard Spielberg von der Universität Freiburg fragte unter anderem nach den Konsequenzen, die das Buch von Erik Flügge für die Ausbildung junger Theologen haben müsse.Foto: pdpWelchen Nerv das Buch von Erik Flügge getroffen habe, wollte Moderatorin Julia Fisching-Wirth von Prof. Dr. Spielberg wissen. „Neben der Möglichkeit, über solche inhaltlichen Fragen in der Kirche diskutieren zu dürfen, trifft das Buch vor allem die Sehnsucht nach intelligenter Spiritualität oder auch nach spiritueller Intelligenz. Das heißt, der Wunsch danach, dass die richtigen Fragen mit normaler Rede gestellt werden“, erklärte der Pastoraltheologe und Homiletiker.  

Keine Podiumsdiskussion ohne Fragen und Anliegen aus dem Publikum. Auf den Einwand, dass Provokation zwar ein legitimes Mittel sei, aber dass das Buch keine Lösungen präsentiere, konterte Flügge: „Das Buch kann keine Lösung sein, es ist ein Gesprächsanlass, um in Gemeinden, in Pastoralteams individuell für sich eine Lösung zu finden.“ Wie könne die Kirche ein bloßes Anbiedern an die moderne Gesellschaft verhindern, lautete eine weitere Frage. „Ein reines Kopieren der Modernität darf nicht sein, das wäre immer unglaubwürdig. Aber wenn Sie eine mutige Entscheidung treffen, dann stehen Sie auch konsequent dahinter“, so Erik Flügge  

Zurück zur Gretchenfrage: Verreckt die Kirche an ihrer Sprache? Bei einer Abstimmung im Publikum schien diese Befürchtung durchaus verbreitet zu sein. Was tun? Erik Flügge fasste in seinem Schlusswort zusammen: „Jesus hat sich immer in einem Umfeld bewegt, das ihn oft abgelehnt hat. Aber er ist zu den Menschen gegangen und hat nicht erwartet, dass sie zu ihm kommen.“ Und Prof. Dr. Spielberg bemühte die literarische Vorlage des Cyrano de Bergerac, der seinem Freund beim Umwerben von dessen Angebeteter geholfen hat, die er selber liebte: „Es muss uns gelingen, Worte für die Vermittlung zwischen zwei Liebenden zu finden: zwischen Gott und den Menschen. Und das muss uns gelingen, weil wir selber Liebende sind.“