Kontroverse Diskussion über Organspende und -transplantation auf hohem Niveau

Ärztetag des Erzbistums Paderborn nahm mit zahlreichen Experten aktuelle Debatte auf

v.l. Prälat Thomas Dornseifer, Daniel Schrader (Deutsche Stiftung Organtransplantation), Dr. Uli Polenz (Moderator), Erzbischof Hans-Josef Becker, Prof. Dr. Hartmut Schmidt (Uniklinikum Münster), Dr. Theodor Windhorst (Präsident Ärztekammer Westfalen-Lippe), Prof. Dr. Franz-Josef Bormann (Universität Tübingen), Elisabeth Borg (Akademie für medizinische Fortbildung), Dr. Werner Sosna (Bildungshaus Liborianum), Prof. Dr. Eckhard Most (Akademie für medizinische Fortbildung).pdp Paderborn, 9. November 2016. Mit dem Thema „Wann ist der Mensch tot? Das Kriterium des Hirntodes und der Organspende“ nahm der Ärztetag des Erzbistums Paderborn die aktuelle bundesweite Debatte auf und sorgte für großes Interesse. Sehr gut besuchte Ränge im Heinz Nixdorf Museumsforum in Paderborn und anerkannte Referenten sorgten für eine kontroverse Diskussion auf hohem Niveau, die die Organspende und Organtransplantation unter ethischen, medizinischen und rechtlichen Gesichtspunkten beleuchtete.

„Bei kaum einem anderen Thema sind Leben und Tod so unmittelbar miteinander verzahnt, dass wir es weder ethisch noch medizinisch oder rechtlich verantworten können, in einer sogenannten Grauzone zu handeln“, betonte Erzbischof Hans-Josef Becker in seiner Eröffnungsansprache. Für die Legitimität von Organtransplantationen sei es zwingend notwendig, dass der Tod des ganzen Menschen zuverlässig festgestellt worden sei. Zu dieser Kontroverse habe die Deutsche Bischofskonferenz 2015 schon eindeutig Stellung bezogen und die Argumente der medizinischen Wissenschaft für das Kriterium des Hirntodes bekräftigt.

Erzbischof Hans-Josef Becker hielt die Eröffnungsansprache beim Ärztetag.pdp Bei einer Transplantation werden lebende Organe eines toten Spenders transplantiert. „Dieser Sachverhalt mag schon Irritation hervorrufen. Um wieviel mehr der Eindruck, dass Körperfunktionen wie Kreislauf, Atmung und Körpertemperatur des hirntoten Menschen durch intensivmedizinische Maßnahmen über einen längeren Zeitraum aufrechterhalten werden können. Der damit verbundene Zweifel, ob der Mensch wirklich tot oder noch sterbend sei, darf daher als Frage nicht tabuisiert werden, und mit allen Möglichkeiten der Medizin, Ethik und Anthropologie einer Antwort zugeführt werden“, munterte Erzbischof Becker zur Diskussion auf. 

Zugleich erinnerte der Erzbischof daran, dass die Evangelische Kirche Deutschlands und die deutschen Bischöfe schon 1990 die Bereitschaft zur Organspende nach dem Tod als ein „Zeichen der Nächstenliebe und Solidarisierung mit Kranken und Behinderten“ sowie als „Vermächtnis eines Menschen zugunsten der Rettung anderer, die vom Tode bedroht sind“ gewürdigt hätten.

Mit der Frage „Der Spender – ein Sterbender oder ein Toter?“ setzte sich der katholische Theologe Prof. Dr. Franz-Josef Bormann von der Eberhard Karls Universität Tübingen auseinander. Dabei regte Bormann, der bis 2008 an der Theologischen Fakultät Paderborn den Lehrstuhl für Moraltheologie und Ethik innehatte, die Notwendigkeit einer offenen Diskussion an. Zugleich hielt er an der Unverzichtbarkeit der Hirntod-Kriterien fest und sah Ergänzungen in der Hirntod-Debatte als erforderlich. „Die Komplexität einer zuverlässigen Begründung muss erfolgen unter anthropologischen, identitätstheoretischen und ontologischen Sichtweisen“, so Bormann. 

Prof. Dr. Hartmut Schmidt vom Universitätsklinikum Münster näherte sich dem Thema aus transplantationsmedizinischer Sicht.pdp Einblicke in die „Organspende aus transplantations-medizinischer Sicht“ gewährte Prof. Dr. Hartmut Schmidt vom Universitätsklinikum Münster. 136 Transplantationen seien in der Uniklinik Münster im vergangenen Jahr durchgeführt worden. „Damit lagen wir unter dem Schnitt der Vorjahre“, erläuterte Schmidt. Herz, Lunge, Niere, Leber, Pankreas und Dünndarm seien die am häufigsten transplantierten Organe. Zugleich machte der Professor aus Münster auf die Knappheit der Organspenden in Deutschland aufmerksam. Allein für Lebertransplantationen gäbe es eine lange Warteliste. Aufgrund dieser Tatsache plädierte Schmidt auch für die Split-Methode (Aufteilung einer Leber-Spende, um mehrere Transplantationen zu ermöglichen), die bei verschiedenen Indikationen eingesetzt werden kann.  

„Die Transplantation bietet die Möglichkeit, Menschen mit Organversagen zu retten. Dies setzt aber auf der anderen Seite die Organspende voraus“, warb Professor Schmidt für die Organspende. Dem schloss sich auch Dr. Theodor Windhorst, Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, an. Aufklärung über den Hirntod und richtlinienorientiertes Verhalten würden zur Sicherheit für Organspender beitragen und zur Vertrauensbildung in der Bevölkerung beitragen. „Die Richtlinien müssen korrekt und konsequent an den Kliniken angewendet werden“, forderte Windhorst, der ausdrücklich betonte: „Es gab einen Transplantations-Skandal, aber keinen Organspende-Skandal.“ Schulung und Diskussion sowie ein Mehr-Augen-Prinzip sollen in Zukunft Sicherheit geben und Fehlbeurteilungen verhindern.

Dr. Theodor Windhorst, Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, stellte die hochmoderne Hirntodiagnostik vor.pdpIn seinem Referat „Der irreversible Hirnfunktionsausfall - umumkehrbarer Tod des Individuums“ stellte Windhorst die hochmoderne Hirntoddiagnostik vor. Die Feststellung des Hirntodes gilt als unabdingbare Voraussetzung für die Durchführung einer postmortalen Organspende (also: nach dem Tod). „Aufklärung, Schulung auch bei Kollegen und Begleitung der Angehörigen müssen verbessert werden“, so der Ärztekammer-Präsident.  

„Wenn Sie erwarten, dass Sie ein Organ bei einer Krankheit bekommen, dann müssen Sie auch selbst Spender sein“, forderte Professor Hartmut Schmidt in der anschließenden Diskussionsrunde, die viele Thesen nochmals bestätigte, aber auch kritische Fragen und Anregungen aufwarf.

Über die Deutsche Stiftung Organtransplantationen (DSO) berichtete am Nachmittag noch Daniel Schrader. Alle Informationen über Organisation und Abläufe erhalten Interessenten bei der DSO, die zugleich aber auch eine zusätzliche Betreuung von Patienten und deren Angehörigen anbietet, die von Kliniken oft nicht zu leisten ist.