„Ein unlösbares Dilemma“

Moraltheologe Professor Dr. Peter Schallenberg zum Spielfilm „Terror – Ihr Urteil“

Portaitaufnahme Professor Dr. Peter Schallenberg ist Professor für Moraltheologie an der Theologischen Fakultät Paderborn.ThF-PB Paderborn, 18. Oktober 2016. Schuldig oder unschuldig? Am Ende des Spielfilms „Terror – Ihr Urteil“ nach dem gleichnamigen Theaterstück von Ferdinand von Schirach waren gestern Abend (17. Oktober) im Ersten die Zuschauer gefragt. In der Rolle der Schöffen eines deutschen Gerichts hatten sie über die Frage zu entscheiden: Darf man 164 Menschen töten, um 70.000 zu retten? Darf ein Luftwaffen-Offizier ein Flugzeug mit unschuldigen Passagieren abschießen, wenn Terroristen es in ihre Gewalt gebracht haben, um damit in ein voll besetztes Fußballstadion zu rasen?

Deutschland diskutiert: Kein leichtes Urteil, das hier zu fällen war. Das weiß auch Professor Dr. Peter Schallenberg. Er lehrt an der Theologischen Fakultät Paderborn Moraltheologie, kennt sich von Berufs wegen mit Dilemmata aus und ist Experte in der Behandlung diffiziler Fragekonstellationen.

Herr Professor Schallenberg, wie lautet Ihr Urteil? Schuldig oder unschuldig?
Peter Schallenberg: Ich würde sagen, schuldig und unschuldig. Allein schuldig, wäre mir zu einfach. Jeder von uns wird schuldig in einer gewissen Hinsicht. Wir haben nie saubere Hände. Dies ist ein klassisches Dilemma. Insofern könnte man lehrbuchmäßig sagen, er macht sich schuldig, und wenn er verzichten würde auf den Abschuss des Flugzeuges, dann macht er sich nicht schuldig. Ob das schon reicht, wage ich zu bezweifeln. Ein klassisches Dilemma besteht darin, dass man keine saubere gute Lösung finden kann. Man wird in irgendeiner Weise immer schuldig bleiben. Wer wollte beurteilen, was in diesem Falle richtig ist. Klassisch nach Lehrbuch darf man keine Menschen opfern, um andere Menschen zu retten. Hier ist das ein unlösbares Dilemma.

Also ist der Luftwaffen-Offizier gleichzeitig Held und Mörder?
Schallenberg: Ob jemand ein Held ist, ist keine Frage der Moraltheologie. Und ob jemand ein Mörder ist, hat die Justiz zu entscheiden. Ich denke, er ist kein Mörder im eigentlich strengen Sinne. Der Luftwaffen-Offizier hat eine Gewissensentscheidung getroffen. Er hat die Tötung unschuldiger Menschen in Kauf genommen, um noch viel mehr andere unschuldige Menschen zu retten. Das ist lehrbuchmäßig nicht gerechtfertigt. Niemand darf eine Person zum Objekt machen und instrumentalisieren, auch nicht mit scheinbar guten Absichten. Dabei spielt auch die Anzahl der Personen keine Rolle. Der Pilot hat sich nach seinem Gewissen entschieden und muss seine Tat vor der Justiz und auch vor Gott verantworten.

Angenommen Sie wären in der Situation des Luftwaffen-Offiziers gewesen: Wie hätten Sie sich entschieden?
Schallenberg: Das ist eine sehr schwierige Frage. Wahrscheinlich entscheidet man sich in so einer Notsituation meistens intuitiv und spontan. Ich würde versuchen, die Zeit, die mir bleibt, zu nutzen, den Rat anderer Menschen einzuholen und zu beten. Wenn ich mehr Zeit hätte, würde ich noch meinen Beichtvater fragen. Und dann würde ich hoffen, dass ich mich nicht bedrängt fühle, so zu entscheiden, dass ich viele Menschen opfere, um noch mehr Menschen zu retten. Mehr weiß ich jetzt so am Schreibtisch nicht zu antworten.

In diesem konkreten Einzelfall musste sich der Luftwaffen-Pilot schnell und allein entscheiden. Er hat Verantwortung übernommen und 70.000 Menschen gerettet. Entlastet ihn das nicht?
Schallenberg: Je spontaner, gedrängter und intuitiver eine Entscheidung ist, desto vereinsamter, individualisierter und entschuldigter ist sie. Es kommt bei solchen Fragestellungen immer auf den jeweiligen Einzelfall an. Allgemeine Rechtfertigungsgründe gibt es hier aber keine. Es gibt nur die Möglichkeit, zu sagen, ich entscheide mich im Gewissen, weil ich das Dilemma sehe und meine, ich müsste so entscheiden. Dann muss man sich dem Gericht stellen, möglicherweise ins Gefängnis gehen und die Tat vor Gott verantworten. Deswegen ist es gut – christlich gesprochen – zu beten und sich in die Situation zu versetzen, dass ich dem Herrn gegenüberstehe zusammen mit den Menschen, die ich getötet habe, um andere zu retten, und er mich fragt, ob meine Tat gerechtfertigt war.

Nach dem Spielfilm stimmten 86,9 Prozent der Zuschauer für nicht schuldig, 13,1 Prozent für schuldig. Was sagen Sie zu diesem Urteil?
Schallenberg: Das überrascht mich nicht und ich habe auch nichts dagegen. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass es sich hierbei um eine juristische Frage handelt. Vielleicht könnte man in diesem Fall sagen, wir verzichten auf die Bestrafung, weil es ein unauflösbares Dilemma war. Für den Rest seines Lebens hat er genug daran zu tragen, dass viele unschuldige Menschenleben auf sein Konto gehen. Aber ich bin kein Jurist und Strafrechtler.