„Ein Buch lesen, bedeutet Zeit für sich selbst nehmen“

Welttag des Buches: Interview mit dem Geschäftsführer des Bonifatius-Verlags, Rolf Pitsch

Rolf Pitsch, Geschäftsführer des Bonifatius-Verlages Paderborn.pdp Paderborn, 23. April 2016. „Beim Lesen guter Bücher wächst die Seele empor“, wertschätzte der französische Philosoph Voltaire (1694 – 1778) das Buch. Am heutigen Samstag, 23. April, findet der „Welttag des Buches“ statt, den die UNESCO bereits 1995 ins Leben gerufen hat. Der Gedenktag ist zugleich auch der Todestag von Miguel de Cervantes (spanischer Schriftsteller, u.a. Don Quijote) und William Shakespeare. Anlässlich des „Welttags des Buches“ äußert sich Rolf Pitsch, Geschäftsführer des Bonifatius-Verlags Paderborn, in einem pdp-Interview zur Bedeutung des Buches, dem Stellenwert religiöser Lektüre und den Zukunftsgedanken eines Bücher-Verlags.

      pdp: Sehr geehrter Herr Pitsch, welches Buch lesen Sie denn gerade?

Rolf Pitsch: „Das geheime Leben der Bäume“ von Peter Wohlleben, aber auch „Urbi et Gorbi – Christen als Wegbegleiter der Wende“ von Joachim Jauer. Ich muss gestehen, dass ich immer drei bis sogar vier Bücher parallel lese. Meist wechsele ich zwischen Roman und Sachbuch.

      Ein Buch in die Hand zu nehmen ist für Sie wie…? 

Ein Buch in die Hand zu nehmen, ist für mich mit Neugierde und Haptik verbunden. Es ist ein gutes Gefühl ein Buch in der Hand zu haben, wo ich vor- und zurückblättern kann. Ein Buch ist eine Erfahrungswelt, wo ich alles sein kann, wo ich mich selbst mit auseinander setzen kann. Ein Buch kann ich jederzeit, an jeder Stelle lesen.

      Können Sie sich an Ihre erste Berührung mit einem Buch erinnern? 

Ja, ich konnte schon Fahrradfahren, und durfte für meine Mutter ein Buch in der benachbarten Buchhandlung abholen. Ich war das erste Mal in einer Buchhandlung und war fasziniert. Ein Buch von Luise Rinser hielt ich in meinen Händen. Sie hatte in ihren Romanen das katholische Milieu des letzten Jahrhunderts reflektiert. Es ist eine Erinnerung von hoher Wertschätzung. Denn es war schon beinah Luxus zur damaligen Zeit, wenn eine Winzer-Frau – meine Mutter – ein solches Buch besaß.

      War diese Begegnung ein erster Schritt der Liebe zum Buch und zugleich ein Zeichen der Zeit?

In der Tat habe ich mir vom eigenen ersten Taschengeld ein Buch bei der Krämer-Frau im Dorf gekauft. Später habe ich dann in der – so sagte man seinerzeit - Pfarrbücherei – heute Katholische öffentliche Bücherei - ausgeholfen, das hat mich mitgeprägt. Daher kenne ich auch unmittelbar das Engagement der Kirche in Büchereien und zur Bildung, Information und Unterhaltung seit dem 19. Jahrhundert. Und ich glaube, dass die Kommunikation in Büchereien einen hohen Stellenwert hat. Egal, ob die Nutzer katholisch sind oder nicht. Für mich sind Büchereien und Buchhandlungen auch kommunikative Orte für einen Pastoralen Raum. Lesen ist ein Akt von Freiheit, Bildung und Kommunikation.

      Vom Bücherwurm zum Verlagsleiter – worauf legt der Geschäftsführer Rolf Pitsch heute im Buchverlag besonderen Wert? 

Wir bringen rund 40 Neuerscheinungen im Jahr auf den Markt. Dabei sehe ich zwei Standbeine: Religion und Heimat. Wir sind ein kleiner Verlag mit der Zielgruppe im Radius NRW  - sonst ist der Vertrieb zu aufwendig. Bei der Auswahl unserer Printauflagen fragen wir: Was steckt an Wert dahinter? Was ist für den Menschen von heute wichtig, also der Servicecharakter. Dabei blicken wir auf positiv Bejahendes und Werthaltiges. Das Buch als gedrucktes Produkt müssen wir für Kunden wertig halten.

      Gebunden oder Taschenbuch? Wie sollte die Form eines Buches heute aussehen?

Die ersten fünf Sekunden beim Anblick des Buchtitels entscheiden über den Kauf. Deshalb ist auch die Titelgestaltung ein wichtiges Thema. Die Menschen, die sich ein gedrucktes Produkt kaufen, legen Wert auf Qualität.

      Welche Druckwerke sind ganz typisch für den Bonifatius-Verlag? 

Viele Jahre waren wir der Kirchenmusik-Verlag überhaupt. Auch als Verlag der Ökumene haben wir uns in Verbindung mit dem Johann-Möhler-Institut für Ökumenik einen Namen gemacht. Von der theologischer Fachliteratur sind wir entsprechend der sinkende Nachfrage ein Stück weg gegangen und habe heute die Glaubende und Suchenden im Blick. Suchende auch – wenn ich unsere aktuellen Bildbände oder Wanderkarten bedenke – durchaus im doppelten Sinne.

  In der Bonifatius-Buchhandlung in Paderborn präsentiert Mitarbeiterin Annika Müller Buchtitel aus dem Bonifatius-Verlag.pdp     Wo sehen Sie die Zukunft des Buches?
 
Ich bin zutiefst überzeugt, dass gedruckte Medien zur Bildung, Qualifizierung und Reflexion des Menschen immer beitragen werden. Es geht nicht gegen elektronische Medien, aber Druckwerke werden – trotz einer erkennbaren Renaissance – insgesamt zu wenig geschätzt. Heute gibt es die ganz bewusste Entscheidung, ein Buch zu lesen, oder ein Buch vorzulesen – in der Form der menschlichen Zuwendung. Eine Buch lesen, bedeutet auch, Zeit für sich selbst zu nehmen. Das sind Wohlfühlargumente, dazu gehört dann noch ein guter Inhalt. Für mich ist die Zukunft des Buches mit der Frage verbunden, will sich der Mensch weiter gut sein. Da hat das Buch seinen Platz, deshalb bin ich optimistisch.

      Ihr Verlag hat auch zwei Buchhandlungen. Warum ist eine Buchhandlung wichtig, obwohl eine Bestellung über online jederzeit möglich ist?
 
Eine Buchhandlung ist eine Sinn-Oase. Hier erfahren Menschen Beratung, kommen ins Gespräch und leben Kommunikation. Solche Orte dürfen nicht verloren gehen.

      Vielen Dank für das Interview und allzeit ein gutes Buch in den Händen.  

 

Das Gespräch für die Presse- und Informationsstelle des Erzbischöflichen Generalvikariats führte Ronald Pfaff.  

 

Vita:
Rolf Pitsch (Jahrgang 1957), verheiratet, drei Kinder. Stammt aus Klotten an der Mosel. Seit 2012 Geschäftsführer des Bonifatius-Verlags in Paderborn, zuvor 15 Jahre Borromäusverein, 10 Jahre im Medienbereich für die Deutsche Bischofskonferenz, Als Journalist tätig bei Rheinischer Merkur, Bundeszentrale für Politische Bildung und Kölner Kirchenzeitung. Pitsch studierte Germanstik und Publizistik bei der Katholischen Journalisten Schule München (ifp).

 

 

Hintergrund:
Katholische Öffentliche Büchereien (KÖB)

Im Erzbistum Paderborn sind über 220 KÖB aktiv. Sie setzen sich für die Bedeutung und Nutzung des Buches ein. Die KÖB wurden im letzten Jahr von über 420.000 Leserinnen und Lesern besucht. Dabei wurden über 925.000 Entleihungen registriert. Die KÖB fördern vor allem auch diese Leseerziehung. Insgesamt wurden 2616 Veranstaltungen durchgeführt, davon 1.896 zur Leseförderung. Neun KÖB im Erzbistum leihen e-books aus.