Kleines Licht mit großer Sehnsucht

Weniger Gottesdienstbesucher, aber Kirchengebäude weiter beliebter Ort der Spiritualität – Kerzenverbrauch zeigt große Resonanz

Bitt-Kerzen im Hohen Dom zu Paderborn.pdp Paderborn, 31. März 2016. In den Pfarrgemeinden wird zweimal im Jahr – am zweiten Fastensonntag und am zweiten Sonntag im November - die Zahl der Gottesdienstbesucher ermittelt. In einer Jahreserhebung von 2014 besuchten im Schnitt 10,9 Prozent aller Gläubigen bundesweit am Sonntag den Gottesdienst. Im Erzbistum Paderborn lag der Mittelwert bei 10,7 Prozent.

Es liegt im Trend der Zeit, dass die Anzahl der Gottesdienstbesucher seit Jahren sinkt. Wurden deutschlandweit im Jahr 1950 noch 11,7 Millionen Gläubige in katholischen Gottesdiensten gezählt, so waren es 2014 nur noch 2,6 Millionen. Rückläufige Zahlen an Gottesdienstbesuchern sowie sinkende Priesterzahlen sorgen zwangsläufig auch dafür, dass an Sonn- und Feiertagen weniger Gottesdienste in den Gemeinden angeboten werden.

Bedeuten sinkende Zahlen in der Besucherstatistik der Gottesdienste, dass auch wirklich weniger Menschen Kirchen aufsuchen oder sind sakrale Räume unabhängig von der Feier der Eucharistie „Besuchermagnete“, weil hier Spiritualität erfahrbar wird? Dass Kirchengebäude in vielen Städten und Wallfahrtsorten zu touristischen Zielen gehören und sich deshalb einer hohen Besucherfrequenz erfreuen können, ist vielfach der Architektur oder der Geschichte zuzuordnen. Ein Indiz dafür, dass Kirchen darüber hinaus immer noch eine Anziehungskraft haben, könnte der Verbrauch von Kerzen sein, die in Bitt-Anliegen von Gläubigen in den Kirchen angezündet werden. Ein paar Beispiele aus dem Erzbistum Paderborn:

Im Hohen Dom zu Paderborn beobachtet Egon Hüls, Mitglied der Domgilde, in seinen Dienstzeiten ein reges Interesse der Gläubigen, sich zum stillen Gebet zurückzuziehen oder eine Bitt-Kerze vor dem Kreuz oder der Mutter Gottes anzuzünden. „Meist verbunden mit einem Gebet zum Trost“, weiß Hüls über Gespräche mit Besuchern zu berichten.

„Je nach Stimmungslage zünden wir auch eine Kerze an“, steht bei einem evangelischen Ehepaar vom Bodensee eher das kultur-historische Interesse am Dom im Vordergrund. Begeistert von der Paderborner Bischofskirche war auch ein katholisches Ehepaar aus dem Rheinland: „Wir sind erstmals hier und haben im Dom Eindrücke gewonnen, die unsere bisherigen Kenntnisse weit übersteigen.“ Jedes Mal, wenn sie eine Kirche besichtigen, ist für das Ehepaar auch selbstverständlich, eine Kerze zu entzünden. „Für die Enkelkinder natürlich.“ Eine junge Frau aus Paderborn nutzt die Mittagspause, um für einen kranken Angehörigen ein Licht aufzustellen.

An einem „Ort der Ruhe und Entspannung“ verweilt ein Ehepaar aus Indien gern im Hohen Dom. Sie lassen sich Zeit, nehmen in den Bänken Platz und lassen sich beeindrucken. „Wir sind nicht katholisch, aber lieben den Moment des zur Ruhekommens“, berichtet das junge Paar.   Pfarrer Peter Scheiwe von der Pfarrgemeinde St. Heinrich und Kunigunde in Schloß-Neuhaus freut sich über eine gute und tägliche Frequentierung seiner Kirche: „Seit der Innenrenovierung haben wir eine Werktagskapelle, die tagsüber immer offen ist. Der Eingang befindet sich direkt gegenüber dem Pfarrbüro.“ In der Ulrichskapelle finden eine Vielzahl von Gottesdiensten statt, allerdings nur zwei davon pro Woche als Eucharistiefeier. Der Raum wird vielseitig genutzt für Klassengottesdienste der benachbarten Schulen, Kindergartengottesdienste, Frühschichten, Wort-Gottes-Feiern, Rosenkranz-, Kreuzweg- und Maiandachten, Taizégebete, Totengebet am Vorabend der Beerdigung, Weggottesdienste, Stundengebete und vieles mehr.

pdp Seit der Renovierung gibt es einen beschränkten Zugang zur Hauptkirche. Die Besucher können zwar hineinschauen, so dass ein visueller Eindruck möglich ist, aber nicht hineingehen. Entwickelt hat sich eine Gruppe Ehrenamtlicher, die am Sonntag auch außerhalb der Gottesdienstzeiten die Kirche offen halten. Die Mitarbeiter der Kirchengilde sind allesamt geschult, Kirchenführungen anzubieten. „Von diesem Angebot wird auch rege Gebrauch gemacht, spontan vor allem während des Schloss-Sommers oder auch nach Anmeldungen für unterschiedliche Zielgruppen mit unterschiedlichen Schwerpunkten.

Die Zahl der Gottesdienstbesucher wechselte von 447 (7,7 %) im Jahr 2012 zu 525 (9,1 %) ein Jahr später und dann mit einem Abfall auf 401 (7,0 %) in 2014. Auch beim Opferkerzenverbrauch war 2013 ein besonderes Jahr: 12.500 Stück wurden gezählt, dagegen 2012 nur 6.500 und 2014 dann 5.000.   Schwankend ist auch der Opferlichterverbrauch in der Pfarrei Schwaney: 3.300 (2012), 5.100 (2013) und 3.600 (2014). „Menschen tauchen in der Kirche auf, die nicht unbedingt Gottesdienstbesucher sind. Sie haben eine Bitte oder sprechen ein Gebet“, fasst Pfarrer Frank Schäffer zusammen, der in den vergangenen Jahren die Gemeinde betreut hat. Dabei wird dann eine Kerze angezündet. Sein Wunsch ist es, dass Kirchen auch weiterhin tagsüber offen gehalten werden können, um diese Besuchsformen zu ermöglichen. „Wer mehrmals vor einer geschlossenen Tür steht, versucht es irgendwann nicht mehr“, so Schäffer, der jetzt Leiter der Pfarrei Heilige Dreikönige Beverungen ist. Gerade in Städten sind Kirchen auch in der Woche Rückzugsorte.

Pfarrer Ludger Keite, Pfarrgemeinde St. Clemens Dortmund-Brackel, freut sich über Konstanz in den Gottesdienstbesuchen: 344 (2012), 340 (2013) und 358 (2014). Selbst mit einer kleinen Schar Gläubiger ist Pfarrer Keite zufrieden: „Jeder einzelne, der heute zum Gottesdienst kommt, kommt mit Entschiedenheit. Früher gingen Menschen oft, weil man so ging, weil die Nachbarn gingen, weil es zum Sonntag halt dazugehörte. Heute kommen die Menschen nicht einfach aus Gewohnheit jeden Sonntag, sondern die Kirchenbesucher haben sich bewusst entschieden. Sie geben dem Gottesdienst dann die Vorfahrt vor vielen interessanten Alternativen.“

Die Begründung hat Pfarrer Ludger Keite erleben dürfen. Früher seien ein Gottesdienst und eine Predigt gut gewesen, wenn sie vor allem kurz gewesen war. Heute werde ein gut gestalteter, stimmungsvoller und feierlicher Gottesdienst gewünscht: „Wer kommt, bringt auch Zeit mit, und erwartet umgekehrt auch etwas.“

Attendorns Küster Matthias Göbel zählt im Jahresdurschnitt bis zu 45.000 Bitt-Kerzen in der Pfarrkirche St. Johannes-Baptist.pdp In der Wallfahrtskapelle Waldenburg in Attendorn wurden ganz aktuell in diesem Jahr zwischen Karsamstag und Ostermontag 540 Kerzen angezündet. „Bis zu 150 Kerzen können hier zeitgleich brennen. Eine Kerze brennt hier rund drei Stunden“, berichtet Matthias Göbel, Küster der Pfarrei St. Johannes Baptist in Attendorn. Der Marien-Monat Mai sei hier besonders stark gefragt. Im Schnitt, so konnte Göbel recherchieren, werden in der Kapelle an der Biggetalsperre im Jahr rund 60.000 Kerzen verbraucht. Auch die Pfarrkirche „Sauerländer Dom“ erfreut sich zahlreicher Besucher, die im Jahresschnitt 45.000 Kerzen zu Bitt- oder Dankanliegen nutzen. „Auch hier ist der Verbrauch ein wenig saisonabhängig. In der Weihnachtszeit habe ich von Heilig Abend bis zum 1. Januar täglich Kerzen nachlegen müssen. Über 500 Lichter sorgten in diesen Tagen insgesamt für eine schöne Atmosphäre.“

Den Schulgottesdiensten misst Dechant Andreas Neuser, Pfarrer im Pastoralverbund Attendorn, eine große Bedeutung zu: „Hier erleben viele Schülerinnen und Schüler ihre einzige Gottesdiensterfahrung.“

 

Hintergrund:

Rund 1,2 Milliarden Katholiken gibt es weltweit, etwa 23,9 Millionen Mitglieder zählt die katholische Kirche in Deutschland. Im Gebiet des Erzbistums Paderborn sind mit 1,5 Millionen Menschen etwa 33 Prozent (rund 4,8 Millionen Einwohner) der Gesamtbevölkerung katholisch.