Moralische Dilemmata lösen

Diözesaner Ethikrat im Erzbistum Paderborn entwickelt Entscheidungshilfen

Stellte die neue Empfehlung vor: der Diözesane Ethikrat im Erzbistum Paderborn um Geschäftsführer Max Niehoff (links), den Vorsitzenden Dr. Horst Luckhaupt (5. von rechts), Diözesan-Caritasdirektor Josef Lüttig (rechts) und den Vorsitzenden des Diözesan-Caritasverbandes Paderborn, Domkapitular Dr. Thomas Witt (3. von links).cpd - Jonas Paderborn, 8. März 2016. (cpd) Eine Altenheimbewohnerin verweigert häufig Essen und Trinken. Angehörige versuchen, es ihr einzuflößen – gegen den Willen der Frau. Sprechen kann sie zwar nicht mehr, doch sie dreht den Kopf zur Seite und schlägt mit dem Arm Löffel und Teller weg. Die Mitarbeiter belastet die versuchte Zwangsernährung. Welche Lösung gibt es? Bei der Antwortsuche kann nach einer neuen Empfehlung des Diözesanen Ethikrates im Erzbistum Paderborn eine ethische Fallbesprechung helfen.

„Das integrative Modell ethischer Fallbesprechung“ lautet der Titel der Empfehlung. Seit 2009 hat der Ethikrat das nun veröffentlichte integrative Modell zur Durchführung ethischer Fallbesprechungen in caritativen Einrichtungen unter Berücksichtigung schon bestehender Modelle selbst entwickelt und mit einigen Einrichtungen praktisch erprobt. „In den letzten Jahren ist die Zahl moralisch schwieriger, konfliktreicher und belastender Entscheidungen aus verschiedenen Gründen deutlich gewachsen“, heißt es in der Erklärung des Ethikrates. In Fallbesprechungen, die bisher vor allem in Kliniken und Pflegeeinrichtungen durchgeführt wurden, sei es möglich, in moralischen Konfliktsituationen in einem strukturierten Verfahren das moralische Dilemma zu analysieren, die einschlägigen Werte zu ordnen und zu einer Empfehlung für das weitere Handeln zu kommen.

So auch im Fall der Altenheimbewohnerin, bei dem deren Selbstbestimmungsrecht gegen die Fürsorgepflicht und den Wunsch der Angehörigen nach Schadensvermeidung stand. Nach einer Analyse und Gesprächen akzeptierten die Angehörigen das Selbstbestimmungsrecht der Frau. Mehrmals täglich wurde ihr ohne Druck Nahrung angeboten und versucht, ihren Geschmack zu stimulieren. Ergänzend wurden Maßnahmen eingesetzt, mit denen sie alternativ zur Nahrungsaufnahme Wertschätzung und Zuwendung erfahren kann.

Das integrative Modell ethischer Fallbesprechung wurde vom Diözesanen Ethikrat unter Federführung seines Mitglieds, des Tübinger Moraltheologen und Mitgliedes der Zentralen Ethikkommission bei der Bundesärztekammer Prof. Dr. Franz-Josef Bormann, entwickelt. Andere Modelle für die Durchführung ethischer Fallbesprechungen hatten sich als nicht gänzlich praktikabel für kirchliche Einrichtungen erwiesen. „Das neue Modell darf als eine Art ,best of´ der derzeitigen Modelle gelten, das deren Einschränkungen jedoch überwindet und auf die Belange kirchlicher Krankenhäuser und Einrichtungen der Alten- und Behindertenhilfe hin zugeschnitten worden ist“, sagt Dr. Ulrich Dickmann von der Katholischen Akademie Schwerte. In einem überschaubaren Zeitrahmen von 45 bis 60 Minuten könne die Frage beantwortet werden, welcher moralische Aspekt Vorrang habe. Dieser Zeitaufwand lohne sich dank einer nachweisbaren Verbesserung der Mitarbeiterzufriedenheit auch ökonomisch.

Voraussetzung für die Durchführung ethischer Fallbesprechungen ist die Begleitung von gut ausgebildeten Moderatoren. Um die Einführung des Modells zu erleichtern, bieten der Diözesane Ethikrat und Akademie Schwerte Basisseminare und Moderationsschulungen an. Der Ethikrat hoffe, dass das integrative Modell, sowie die mit ihm einhergehende Reflexionskultur positiv zum Profil caritativer Einrichtungen beitragen und ihren Patienten und Bewohnern zugutekommen könne, sagte der Vorsitzende des Ethikrates, Dr. Horst Luckhaupt, Chefarzt der HNO-Klinik im St.-Johannes-Hospital in Dortmund.

Die Empfehlung „Das integrative Modell ethischer Fallbesprechung“ steht als Download unter http://www.caritas-paderborn.de/fuer-experten/dioezesaner-ethikrat/ zur Verfügung und kann bestellt werden beim Diözesanen Ethikrat im Erzbistum Paderborn, Am Stadelhof 15, 33100 Paderborn, E-Mail: .

Stichwort: Diözesaner Ethikrat im Erzbistum Paderborn

Seit 2007 gibt es im Erzbistum Paderborn einen Diözesanen Ethikrat. Das 14-köpfige Gremium besteht aus Medizinern, Theologen, Sozial- und Rechtswissenschaftlern sowie Pflegefachleuten. Errichtet wurde der Ethikrat von Erzbischof Hans-Josef Becker mit dem Ziel, die Qualität ethischer Beratungen und Entscheidungen in caritativen Diensten und Einrichtungen zu fördern. Angebunden ist der Ethikrat an den Caritasverband für das Erzbistum Paderborn.