„Als freikirchliche und als katholische Christen gemeinsam auf dem Weg“

Privatdozent Dr. Burkhard Neumann zu Freikirchen und zum Symposion „Von Gott reden“

Privatdozent Dr. Burkhard Neumann, Direktor am Johann-Adam-Möhler-Institut für Ökumenik in Paderborn.pdpPaderborn, 8. März 2016. Im Johann-Adam-Möhler-Institut für Ökumenik in Paderborn fand von Mittwoch bis Freitag das 8. Symposion zwischen Vertretern der römisch-katholischen Kirche und der „Vereinigung Evangelischer Freikirchen“ statt. Die Experten führten in Paderborn Gespräche unter dem Leitwort „Von Gott reden. Freikirchliche und römisch-katholische Perspektiven“. Über die Freikirchen und das Symposion sprachen wir mit Privatdozent Dr. Burkhard Neumann. Er ist Direktor am Johann-Adam-Möhler-Institut für Ökumenik und hat gemeinsam mit Pastor Jürgen Stolze von der Vereinigung Evangelischer Freikirchen das Symposion organisiert.

pdp: Die „Vereinigung Evangelischer Freikirchen“ entstand 1926. Was sind Evangelische Freikirchen und was ist deren Vereinigung?

Privatdozent Dr. Burkhard Neumann: Freikirchen gehören hier in Deutschland, nicht unbedingt im Hinblick auf deren weltweite Verbreitung, zu den zahlenmäßig kleineren und daher oft wenig bekannten Kirchen. Sie sind fast alle aus kirchlichen Reformbewegungen entstanden und entwickelten sich im Laufe der Zeit zu eigenen Kirchen. Sie haben sich in der Vereinigung der Evangelischen Freikirchen (VEF) zusammengeschlossen, um ihre Beziehungen untereinander zu vertiefen und um gemeinsame Interessen nach außen hin zu vertreten.

pdp: Was ist den Freikirchen wichtig? Welche Position vertreten sie?

Privatdozent Dr. Burkhard Neumann: Da die einzelnen Freikirchen sehr unterschiedlich sind, müsste man diese Frage eigentlich für jede Freikirche gesondert beantworten. Bei allen Unterschieden kann man aber wohl sagen, dass ihnen die Gemeinde als Gemeinschaft derer, die sich bewusst und frei für den Glauben entschieden haben, wichtig ist und dass sie darum auch großen Wert auf die rechtliche und organisatorische Unabhängigkeit vom Staat legen.

pdp: Welche besonderen Herausforderungen gibt es im Gespräch mit den Freikirchen?

Privatdozent Dr. Burkhard Neumann: Eine besondere Herausforderung ist einmal die genannte große und kaum noch zu überschauende Vielfalt der Freikirchen, zumal längst nicht alle Freikirchen und Freien Gemeinden Mitglied in der VEF sind. Daneben gab und gibt es auf katholischer wie auf freikirchlicher Seite immer noch zahlreiche Vorurteile, die man nur mit Geduld und vor allem durch gegenseitige Begegnungen abbauen kann.

pdp: Welches sind die kontroversen theologischen Themen?

Privatdozent Dr. Burkhard Neumann: Besonders strittig ist das Thema „Taufe“ und auch das Kirchenverständnis wird kontrovers gesehen. Die meisten Freikirchen spenden die Taufe nur denen, die vorher ihren Glauben an Jesus Christus bekannt haben. Sie kennen also keine Säuglingstaufe und erkennen sie in vielen Fällen auch nicht als gültige Taufe an. Dies kann aus katholischer Sicht - etwa bei Übertritten - zum Problem werden. Die Freikirchen verstehen meistens die einzelne Gemeinde als Kirche im Vollsinn, die entsprechend autonom ist und ihre Angelegenheiten selbständig regelt. Man bezeichnet das vom lateinischen Wort für Gemeinde her als „Kongregationalismus“. Das ist offenkundig ein anderes Verständnis von Kirche und Gemeinde als es in der katholischen Kirche begegnet.

pdp: Gibt es eine Annäherung in diesen Bereichen?

Privatdozent Dr. Burkhard Neumann: Ja, eindeutig. So hat es sich um Beispiel als sehr hilfreich erweisen, die Taufe einzuordnen in den umfassenderen Weg eines Menschen zum Christwerden und -sein. Nach katholischer Auffassung ist die Taufe ja die erste Stufe der Eingliederung in die Kirche, die erst mit der Firmung und der Eucharistie vollendet ist. So wird deutlich, dass der Glaube ein Weg ist, der auf der einen Seite von Gott getragen und ermöglicht wird und zugleich, auf der anderen Seite, die Antwort des Menschen benötigt. Das hebt die Unterschiede in der Beurteilung der (Säuglings-)Taufe nicht auf, macht aber doch viele gemeinsame Grundanliegen deutlich. Im Blick auf das Kirchenverständnis wird die Rolle der Gemeinde auch katholischerseits intensiv diskutiert. Und zugleich zeigt der Blick in das Neue Testament deutlich, dass Kirche mehr ist als nur die Gemeinde vor Ort, was entsprechend die Freikirchen herausfordert, dem besser gerecht zu werden.

pdp: „Von Gott reden“ war das Thema des Symposions. Wie kann heute von Gott gesprochen werden?

Privatdozent Dr. Burkhard Neumann: Wir haben alle keine Patentrezepte dafür, wie von Gott gesprochen werden kann. Hier ist uns wie in den vergangenen Jahren wieder deutlich geworden, dass wir weithin vor denselben Fragen und Herausforderungen stehen und uns so in unseren Antwortversuchen oft näher sind als wir vorher dachten. Heute von Gott reden kann zum einen sicherlich nur dadurch geschehen, dass diejenigen, die von Gott sprechen, glaubwürdig sind. Und es gilt, den Lebensbezug des Glaubens an Gott deutlich zu machen, auch und gerade dort, wo dieser Glaube auf den ersten Blick den modernen Lebenseinstellungen zu widersprechen scheint. Der Gott, an den wir glauben, ist ein Gott für die Menschen, und das muss unser Reden von Gott wesentlich bestimmen. 

pdp: Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede gibt es in dieser Thematik?

Privatdozent Dr. Burkhard Neumann: Einige Gemeinsamkeiten habe ich gerade schon genannt. Unterschiede haben wir entdeckt zum einen im Umgang mit der Geschichte oder der Tradition, der auch unsere jeweiligen Theologien kennzeichnet. Die katholische Theologie ruht auf einem Erbe an theologischer und geistlicher Erfahrung, das es so bei den Freikirchen nicht gibt. Das ist beim konkreten Nachdenken über bestimmte Fragen festzustellen. Es gibt unterschiedliche Ansätze etwa bei der Frage, wie sich Glaube und Vernunft zueinander verhalten oder ob im Blick auf die Ethik eher von Gott, dem Schöpfer, oder von Jesus Christus, dem Erlöser, her argumentiert wird. Es war sehr spannend für uns, in der Diskussion immer wieder und in verschiedensten Zusammenhängen auf diese Unterschiede zu stoßen und zu fragen, inwieweit sie sich gegenseitig bereichern oder ergänzen können.

pdp: Können die Ergebnisse des 8. Symposions zusammengefasst werden?

Privatdozent Dr. Burkhard Neumann: Ein erstes und wichtiges Ergebnis ist, zu entdecken, dass wir eigentlich vor denselben Fragen und Herausforderungen stehen und mit ihnen umzugehen suchen. Daneben möchte ich einen wichtigen inhaltlichen Punkt nennen. Es ist für uns selbstverständlich, das biblische Zeugnis von Gott als den Maßstab zu nehmen für unser Reden von Gott. Maßstab heißt, sich davon anregen zu lassen, aber Maßstab heißt auch, das eigene Reden immer wieder kritisch daran zu messen und dadurch den ganzen Reichtum dieses Gottesbildes für uns und für die Menschen neu zu entdecken. Hier sind katholische und freikirchliche Christinnen und Christen gemeinsam auf dem Weg. Und das zu erfahren ist immer wieder wichtig und hilfreich und prägt dann auch den Umgang miteinander.

Das Interview mit Privatdozent Dr. Burkhard Neumann führten Juliane Fröhling und Thomas Throenle für pdp.