Ungläubiges Staunen über die Wucht der Musik

Aufführung von Ludwig van Beethovens „Missa Solemnis“ im Hohen Dom sorgt für Begeisterung

Die Solistinnen Ruth Ziesak (Sopran) und Wiebke Lehmkuhl (Alt).pdpPaderborn, 20. November 2015. Seit dem Frühjahr wurde die Aufführung von Ludwig van Beethovens „Missa Solemnis“ im Hohen Dom zu Paderborn mit großer Spannung erwartet. Die Vorfreude hat sich gelohnt: Heute ließen die Domkantorei Paderborn, die Herrenstimmen des Paderborner Domchores, vier Solisten, Mitglieder des Deutschen Kammerchores und das Orchester der Philharmonischen Gesellschaft Paderborn Beethovens Werk im Hohen Dom zu Paderborn kraftvoll erklingen – und ernteten dafür minutenlange Standing Ovations von den Zuhörern im voll besetzten Dom.

Erzbischof Hans-Josef Becker hatte die Aufführung der „Missa Solemnis“, einem der bedeutendsten Werke des Komponisten und eine der berühmtesten Messkompositionen der abendländischen Musik, angeregt. Die fünfsätzige Messe für Orchester, Solisten und Chor wurde jetzt vom Paderborner Metropolitankapitel und Erzbischof Hans-Josef Becker in Zusammenarbeit mit der Philharmonischen Gesellschaft Paderborn realisiert. Mit dem Hohen Dom als Sakralraum fand die „Missa Solemnis“ einen Aufführungsort, der ihrem Charakter als Messkomposition würdig war.

Domkapellmeister Thomas Berning leitete das großartige musikalische Werk "Missa Solemnis".pdpDas Werk von Ludwig van Beethoven (1770 – 1827) wurde schon im Vorfeld seiner Aufführung in Paderborn mit zahlreichen Superlativen bedacht: als ein „Gipfelwerk der geistlichen Musik“ wurde sie gelobt, als „anspruchsvoll für die ausführenden Musiker ebenso wie für die Zuschauer“ bezeichnet oder auch als „spirituelles Ereignis“. Erst vor kurzem sagte Domkapellmeister Thomas Berning, der die Gesamtleitung der Aufführung hatte, Besucher dürften sich auf eine „historische Stunde der Dommusik“ freuen.

Nach der anderthalbstündigen Aufführung im Hohen Dom steht fest: All die Vorschusslorbeeren waren berechtigt. Wenn das Stück für die Musiker anspruchsvoll war, so haben sie diese Herausforderung mit Bravour gemeistert. Es war hörbar und spürbar, dass sich alle Beethovens Stück in den Proben im besten Sinn „zu Eigen“ gemacht hatten. Die Solisten, die allesamt auf internationalen Bühnen zuhause sind, bewiesen, dass die „Missa Solemnis“ für sie vertrautes Terrain ist: Ruth Ziesak (Sopran), Wiebke Lehmkuhl (Alt), Maximilian Schmitt (Tenor) und Bass Georg Zeppenfeld (Bass) brillierten sowohl in ihren Einzelpartien als auch gemeinsam.

Der überzeugende Erfolg der Aufführung war aber vor allem eine Gesamtleistung aller beteiligten Musiker – ob Chorsänger oder Orchestermitglieder. Domkapellmeister Thomas Berning, dem man die Freude beim Dirigat ansehen konnte, ist es gelungen, die einzelnen Musiker zu einem harmonischen Ganzen zusammenzubringen.

Der Chor bestand aus der Domkantorei, Herrenstimmen des Domchores und Mitgliedern des deutschen Kammerchores.pdpZwischenzeitlich, beispielsweise besonders am Ende des Gloria, war das ungläubige Staunen über die Wucht des Stückes unter den Zuhörern regelrecht spürbar. Faszinierend an Beethovens Kompositionen mögen besonders die reizvollen Wechsel zwischen getragenen und dann wieder kraftvollen Passagen sein. Besonders deutlich wurde dies etwa im Credo: Noch eben erklingt das tief traurige „passus et sepultus est“ (er ist gestorben und begraben worden) und in der nächsten Zeile – dem „et resurrexit tertia die“ (und ist auferstanden am dritten Tage) – wechselt die Musik in triumphale Klänge – so verschafft das Gehör eine Ahnung von Auferstehung. Es fällt schwer, alle Höhepunkte in dieser an Höhepunkten so reichen Aufführung aufzuzählen. Der eindringliche Ruf „Dona nobis pacem“ (Gib uns deinen Frieden) im Agnus Dei, mit dem die Aufführung endete, machte aber sicherlich deutlich, wie aktuell diese Bitte vor dem Hintergrund der Terroranschläge der vergangenen Tage ist.

Dank und herzliche Gratulation für eine großartige Aufführung übermittelte Erzbischof Hans-Josef Becker an Domkapellmeister Thomas Berning.pdpDer Lohn für die Leistung des Gesamtensembles waren minutenlange Standing Ovations. Erzbischof Hans-Josef Becker ließ es sich nicht nehmen, Domkapellmeister Thomas Berning, den Solisten und allen beteiligten Musikern persönlich zu danken. Mit Gundula Janowitz und Brigitte Fassbaender waren zudem zwei gefeierte Operngrößen nach Paderborn gekommen, um das außergewöhnliche Konzertereignis im Hohen Dom mitzuerleben. Beide sind in ihrer künstlerischen Karriere an vielen großen Bühnen der Welt aufgetreten. Auch sie waren begeistert von der Aufführung im Paderborner Dom.

Ein vielfach geäußerter Konsens in der Rezeption der „Missa Solemnis“ ist, dass Beethoven in ihr viel von seiner eigenen Gottsuche und seiner eigenen Gefühlswelt zum Ausdruck gebracht hat, dass sie eine „Herzensangelegenheit“ für ihn war. Im Entstehungsprozess der „Missa Solemnis“ soll Beethoven über seine Komposition gesagt haben: „Von Herzen möge es wieder zu Herzen gehen“. Beethoven sagte diese Worte über sein Werk im 19. Jahrhundert. Die Aufführung der „Missa Solemnis“ im Paderborner Dom hat den Brückenschlag sichtbar gemacht, zu dem Musik auch über die Jahrhunderte fähig ist: eine zeitlose emotionale Kraft zu transportieren.

Nächstes Domkonzert:
Weihnachtsoratorium von Bach   Die Paderborner Dommusik hat mit der Aufführung der „Missa Solemnis“ gezeigt, was sie auf die Beine stellen kann. Nach dem Konzert ist vor dem Konzert: Zuhörer dürfen sich bereits jetzt auf das nächste Domkonzert freuen. Am 22. Dezember 2015 führen die Domkantorei, die Mädchenkantorei und Mitglieder des Staatsorchesters Hannover gemeinsam mit vier Solisten unter der Leitung von Domkantorin Gabriele Sichler-Karle im Hohen Dom das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach mit den Teilen IV bis VI auf.