Mit allen Sinnen ein Buch besser verstehen

"Tag der Bibliotheken", Teil 3: Erzbischöfliche Akademische Bibliothek

Direktor Professor Dr. Hermann-Josef Schmalor ist aus Leidenschaft den Büchern verbunden.pdp Paderborn, 30. Oktober 2015.  „Es ist spannend sich mit Büchern zu beschäftigen. Man weiß vorher nicht, was dabei herumkommt!“ – Professor Dr. Hermann-Josef Schmalor liebt Bücher. Er liebt sie vor allem dann, wenn sie Gebrauchsspuren haben und mit allen Sinnen zu spüren sind. Seit mehr als 40 Jahren ist Hermann-Josef Schmalor in der Erzbischöflichen Akademischen Bibliothek (EAB) in Paderborn beschäftigt. 2008 übernahm er als Direktor die Leitung über die „Oase alter Schätze“.

Professor Schmalor steht vor den unzähligen Regalen und greift in den historischen Bestand, der aus der Jesuitenbibliothek stammt. Er lässt einen Ledereinband durch die Finger gleiten. Mit Samthandschuhen möchte er das Buch trotz der historischen Einmaligkeit gar nicht anfassen: „Bücher sind zum Nutzen da und nicht nur zum Betrachten. Nur bei einer sinnlichen Erfahrung kann man das Buch auch besser verstehen.“ Ein Buch muss für ihn alle Sinne ansprechen: sehen, fühlen, riechen, ja sogar hören solle man es können. „Das ist dem Buch dann angemessen.“

Birgit Poggenpohl und Paula Schrewe stehen den Benutzern in der Ausleihe zur Beratung zur Verfügungpdp Der Einband ist für den Direktor der Bibliothek genauso wichtig wie der Inhalt eines Buches: „Denn er sagt so viel aus über die Zeit und Menschen, in der das Buch entstanden ist. Ein Buch ist ein Gesamtwerk.“ Dann hat Professor Hermann-Josef Schmalor ein Beispiel im Regal gefunden. Ein altes Buch mit Ornamenten zur „Ehre Gottes“. Die Gebrauchsspuren sind nicht zu übersehen. Und das macht es spannend – nicht nur für den Wissenschaftler. Das Urteil „angefasst und benutzt“ spricht in dem Fall klar für das Buch. Selbst bei einer Restaurierung solcher Literatur dürfen die Spuren der Geschichte nicht verschwinden.

In jeder Minute merkt man Hermann-Josef Schmalor an, dass er sein Hobby oder besser noch seine Leidenschaft zum Beruf gemacht hat. Selbst wenn im nächsten Jahr der wohl verdiente Ruhestand offiziell ansteht, werden ihn die Bücher nicht loslassen. Nach dem Studium der Theologie 1974 begann Schmalor als Aushilfskraft in der Erzbischöflichen Akademischen Bibliothek und absolvierte später die Ausbildung für den höheren Dienst an wissenschaftlichen Bibliotheken in Köln und Münster. 1978 stieg er zum stellvertretenden Leiter und 2008 zum Direktor der EAB auf. Seit 2013 ist er auch Honorarprofessor an der Theologischen Fakultät im Fach Bistumsgeschichte. Promoviert hat Schmalor mit dem Thema „Klosterbibliotheken in Westfalen“.

Bevor die Erzbischöfliche Akademische Bibliothek (EAB) vor rund hundert Jahren in Erscheinung trat, gab es bereits in Paderborn eine lange Bibliothekstradition wie die Chronik berichtet: Sie begann mit der Bibliothek von Domkloster und Domschule. Bald nach der Gründung der Benediktinerabtei Abdinghof im Jahre 1015 ist auch hier eine Bibliothek nachzuweisen. Später kam noch die Kollegbibliothek der Jesuiten (ab 1604) hinzu, aus der sich die Universitätsbibliothek entwickelte. Zu nennen ist auch die umfangreiche Privatbibliothek des gelehrten Fürstbischofs Ferdinand von Fürstenberg (1661-1683), die später teilweise zu den Jesuiten kam, sowie Literatur aus dem Augustiner-Chorherrenstift Böddeken, der Reichsabtei Corvey und dem Paderborner Kapuzinerkloster.

Birgit Büssemeier, im Gespräch mit Direktor Hermann-Josef Schmalor, betreut den Lesesaal.pdp Zudem verwaltet die EAB auch das Archiv des Vereins für Geschichte und Altertumskunde Westfalens, Abteilung Paderborn. Rund 100 Regalmeter Handschriften und Akten sowie etwa 2000 Originalurkunden aus dem 12. bis 18. Jahrhundert vorwiegend zur Geschichte Paderborns und Westfalens. Auch das Archiv des Paderborner Studienfonds, in dem die wissenschaftlichen Hinterlassenschaften der Jesuiten-Patres und die Tagebücher der Rektoren sowie Originalurkunden und Verwaltungsakten der alten Universität und des Kollegs stehen, gehört zum Inventar.   Vor allem kleinere Pfarreien des Erzbistums haben ihre Pfarrbibliotheken in die Hand der „großen Bibliothek“ gegeben und ein Depositum aufgebaut. „Die Bücher bleiben im Besitz der Pfarreien, werden hier aber fachgerecht versorgt“, erläutert Professor Schmalor.

Als 1887 nach dem Kulturkampf der Lehrbetrieb der Philosophisch Theologischen Akademie nach vierzehnjähriger Schließung wieder aufgenommen wurde, entwickelte sich die Akademische Bibliothek. Die ersten Statuten erließ der Bischof im Jahr 1896. Diese Bibliothek wurde in den folgenden Jahren relativ professionell eingerichtet. Im Jahre 1913 waren die Bestände auf 35.000 Bände angewachsen, es wurde nun ein eigener Bibliotheksflügel an das Leokonvikt angebaut, der heutige Bibliotheksbau. Rückschläge gab es in beiden Weltkriegen und es folgte ein mühsamer Wiederaufbau. Heute dient die Bibliothek mit ihren mittlerweile rund 320.000 Bänden der Theologischen Fakultät Paderborn als Hochschulbibliothek und der Erzdiözese Paderborn als Diözesanbibliothek.

Buchbinder-Meisterin Margret Frye restauriert in der EAB selbst alte Bücher.pdp Erst- und Zweiteingeschriebene Studenten der Theologischen Fakultät sind rege Nutzer der Bibliothek, ebenso die Studierenden der Katholischen Hochschule. „Auch die Paderborner Bevölkerung ist herzlich eingeladen, die Bibliothek zu nutzen“, freut sich Direktor Schmalor über Interessenten. Auch ältere Handschriften können vor allem bei wissenschaftlichem Interesse im Lesesaal eingesehen werden. Zudem ist die EAB auch Anlaufstelle für die Fernleihe von Literatur aus anderen Bibliotheken.

Und wer dann das Glück hat, dem Direktor selbst über den Weg zu laufen, darf sich sicher sein, eine neue Lesart für alte Bücher zu entdecken. Eine Lesart, die mit Herz und allen Sinnen völlig neue Eindrücke vermittelt - vielleicht sogar den Wert des Buches neu entdeckt.

 

Direktor Professor Schmalor.pdp Info

Die Bibliothek beherbergt 320.000 Bände, davon 500 laufende Zeitschriften, 750 Inkunabeln, 1.100 Handschriften (davon ca. 140 mittelalterliche), 3.500 Urkunden (12. bis 18. Jahrhundert), 450 Karten (vorwiegend 17.-19. Jahrhundert), 7.000 Bände Heiligsprechungsprozesse. (Alle Zahlen sind ungefähre Bestände).
Seit 1987 gibt es einen Förderverein der Erzbischöflichen Akademischen Bibliothek Paderborn e.V., der sich zur Aufgabe gemacht hat, die Bibliothek bei ihren Restaurierungsbemühungen und der Bestandspräsentation (Ausstellungen, Führungen, Publikationen etc.) zu unterstützen.
Die Erzbischöfliche Akademische Bibliothek hat jeweils von Montag bis Freitag geöffnet: 9 bis 12.30 Uhr, 14.30 bis 18 Uhr. Homepage: www.eab-paderborn.org