„Ein Bild erhielt einen Namen, die Erinnerung ein Gesicht“

Machten die Übergabe des Bildes mit ihrer Unterschrift perfekt: Generalvikar Alfons Hardt und Jenas Oberbürgermeister Dr. Albrecht Schröter (v.r.).pdp Paderborn / Jena, 19. Februar 2014. Lange schmückte den Raum 8 des Bildungs- und Gästehauses Liborianum Paderborn ein imposantes Gemälde: Auf 2,03 m mal 2,30 m hing hier ein 1896 von Raffael Schuster-Woldan gemaltes Porträt einer bislang namenlosen „Dame mit Hund“. Bei einer Kunstinventarisierung im Herbst 2013 in Paderborn konnte die Herkunft des Bildes überraschend identifiziert werden. Es handelt sich um ein Porträt der Jenaer Bürgerin Clara Rosenthal (1863-1941), eine bedeutende jüdische Kunstmäzenin. Um die lebendige Erinnerungskultur an Clara Rosenthal in Jena zu unterstützen, übergab Generalvikar Alfons Hardt das Gemälde am Dienstagnachmittag an Jenas Oberbürgermeister Dr. Albrecht Schröter. In einer Abendveranstaltung wurde an das Leben Clara Rosenthals erinnert.  

„Als Ende des vergangenen Jahres die Identität unseres Bildes geklärt werden konnte und wir erfuhren, mit welchem Engagement das Andenken an Clara Rosenthal in Jena hochgehalten wird, war für uns sofort klar: Das Bild gehört nach Jena!“, erklärte Generalvikar Alfons Hardt. „Natürlich haben auch die Mitarbeiter und Besucher des Liborianums das Gemälde in den vielen Jahren, in denen es hier hing, lieb gewonnen. Doch in Jena ist sein Zuhause. Deshalb kamen wir schnell und mit voller Überzeugung zu der Entscheidung, das Bild der Stadt Jena zu übergeben.“

Clara Rosenthal war mit dem angesehenen Jura-Professor Eduard Rosenthal verheiratet. Das Ehepaar prägte nachhaltig das gesellschaftliche und künstlerische Leben in Jena. Nach dem Tod ihres Mannes pflegte Clara Rosenthal weiterhin regen Kontakt zur kulturellen Elite. Als Jüdin war sie jedoch nach 1933 immer schlimmer werdenden Drangsalierungen ausgesetzt. 1941 nahm sich Clara Rosenthal das Leben.

Die Villa, die sie und ihr Mann in Jena bewohnt und in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts der Stadt vermacht hatten, ist heute ein Kulturzentrum – ganz in der Tradition des Ehepaars Rosenthal. Noch bis 2006 befand sich das Gebäude in einem beklagenswerten Zustand, heute erstrahlt es nach einer Sanierung im alten Glanz. Generalvikar Alfons Hardt empfing gestern den Jenaer Oberbürgermeister Dr. Albrecht Schröter zur Unterzeichnung der Überlassungsvereinbarung im Liborianum.

Das Gemälde befand sich bis 1979 im Waldschloss St. Meinolf am Möhnesee, welches das Erzbistum Paderborn 1947 gepachtet und als Bildungshaus genutzt hatte. Bei Beendigung des Pachtvertrags und der Verlagerung des Bildungsbetriebs in das Liborianum nach Paderborn schenkte der Eigentümer, die von Opelsche Forstverwaltung, dem Erzbistum das Gemälde für die neue Bildungsstätte Liborianum. Stephan Winzek, Direktor des Liborianums, begrüßte die Gäste aus Jena und dem Erzbistum Paderborn zur Übergabe des Bildes: „Mit Clara Rosenthal führt uns heute eine Frau zusammen, die nach tief erlittenem Unrecht 1941 aus dem Leben geschieden ist. Wir geben ihr Bildnis, das über Jahrzehnte mit dem Liborianum verbunden war, zurück an den Ort, an dem Clara Rosenthal gelebt hat.“

Freuten sich über die Übergabe des Gemäldes (v.l.n.r.): Stephan Winzek (Direktor Liborianum), Prof. Dr. Christoph Stiegemann (Direktor Erzbischöfliches Diözesanmuseum), Generalvikar Alfons Hardt, Hans-Ulrich Hillermann, Jenas Oberbürgermeister Dr. Albrecht Schröter, Stephan Laudien, Dr. Caroline Buchartowski (Leiterin Villa Rosenthal) und Dr. Matias Mieth (Direktor Städtische Museen Jena).pdp Es gehe bei der Übergabe nicht nur um ein Gemälde, vielmehr um die Person Clara Rosenthal, sagte Generalvikar Alfons Hardt in seinem Grußwort: „In Jena lebt die Erinnerung an eine jüdische Mitbürgerin fort, der von den Nationalsozialisten immer mehr von dem genommen wurde, was ein menschenwürdiges Leben ausmachte. Der Erinnerung in Jena fehlte bislang ein Bild. Clara Rosenthal blieb trotz der lebendigen Erinnerungsarbeit ein Stück weit ‚gesichtslos’. Und wir in Paderborn verfügten über ein Bild, das ‚namenlos’ war. Jetzt hat das Bild seinen richtigen Namen zurück und Clara Rosenthals Erinnerung bekommt ein Gesicht.“ Der Wert des Bildes liege in dessen Funktion zu erinnern und zu mahnen. „Und diese Funktion kann das Gemälde nicht hier an der Wand des Liborianums erfüllen. Dazu muss es zurück in die Villa Rosenthal“, schloss Generalvikar Hardt sein Grußwort.

Die Eheleute Rosenthal hätten ihre Villa als gesellschaftlichen Salon der damaligen Zeit aufgebaut. Die Seele dieses Hauses sei Clara Rosenthal gewesen, erinnerte Jenas Oberbürgermeister Dr. Albrecht Schröter in seinem Grußwort. Als evangelischer Pfarrer in Jena begründete er Mitte der achtziger Jahre einen Arbeitskreis, der sich die Aufarbeitung der jüdischen Geschichte in Jena zum Ziel gesetzt hatte. „Ähnlich wie viele unserer Bürger sehe ich deshalb ganz persönlich in diesem Bild die lebendige Geschichte von Clara Rosenthal. Daher bin ich voller Freude und Begeisterung darüber, dass es an seinen ursprünglichen Bestimmungsort zurückkehren kann, wofür ich dem Erzbistum Paderborn von ganzem Herzen danke.“

Als „Gastgeschenk“ überreichte der Jenaer Oberbürgermeister an Generalvikar Alfons Hardt eine Replik des ersten, 1837 von Carl Zeiss in Jena gebauten Mikroskops. Generalvikar Hardt gab diese weiter an Professor Dr. Christoph Stiegemann, Direktor des Erzbischöflichen Diözesanmuseums, der die Vorbereitung der Übergabe des Bildes fachlich begleitet hatte und die „Wertarbeit“ aus Jena in seinen Museumsbestand aufnehmen wird.  

Neben Oberbürgermeister Dr. Albrecht Schröter waren aus Jena Dr. Matias Mieth, Direktor der Städtischen Museen Jena, Dr. Caroline Buchartowski, Leiterin der Villa Rosenthal, sowie Stephan Laudien nach Paderborn gereist. Der Historiker und Journalist Stephan Laudien forschte als Stipendiat der Eduard und Clara Rosenthal Stiftung und Jenaer Stadtschreiber 2009 und 2010 intensiv zur Geschichte der Familie Rosenthal und rekonstruierte so teilweise die Identität der nach Krieg in Vergessenheit geratenen jüdischen Mäzenin. Obwohl Clara Rosenthal mit ihrem Mann mitten im gesellschaftlichen Leben stand, existierte kein Foto von ihr. Bei seinen Recherchen stieß Stephan Laudien auf eine Sonderausgabe der Zeitschrift „Die Kunst unserer Zeit“ von 1899 über den Künstler Raffael Schuster-Woldan. Darin fand er die Abbildung eines Gemäldes, auf dem laut mündlichen Überlieferungen Clara Rosenthal und ihr Hund abgebildet waren – vom Originalbild fehlte jedoch jede Spur. Seine Rechercheergebnisse publizierte Stephan Laudien im Portal „einestages“ bei SPIEGEL ONLINE.

An dieser Stelle wechselte der Schauplatz der Geschichte von Jena nach Paderborn. Die Online-Publikation von Stephan Laudien war der Schlüssel zur Identifizierung des Gemäldes im Liborianum: Kunsthistoriker Hans-Ullrich Hillermann führte im Auftrag des Erzbischöflichen Diözesanmuseums eine Inventarisierung der Kunstgegenstände im Liborianum durch. Bei der Internet-Recherche zum Maler des Bildes „Dame mit Hund“ stieß er im Herbst 2013 auf die Spuren, die Stephan Laudien durch die Publikation seiner eigenen Spurensuche gelegt hatte – das kunsthistorische Rätsel war gelöst.

Bei einer Abendveranstaltung zum Thema „Erinnerung an Clara Rosenthal“ nutzten viele die Möglichkeit, sich von der bisher namenlosen „Dame mit Hund“ im Liborianum zu „verabschieden“: Heute wird das Gemälde nach Jena transportiert.pdp Im Anschluss an die Übergabe des Bildes widmete sich eine Abendveranstaltung im Liborianum der „Erinnerung an Clara Rosenthal“. Jenas Oberbürgermeister Dr. Albrecht Schröter unterstrich erneut die Bedeutung der jüdischen Mäzenin für die Stadt an der Saale: „Die Rosenthals repräsentierten ein Stück Jena. Clara Rosenthal war eine Frau, der die Stadt Jena viel zu verdanken hat.“ Stephan Laudien berichtete anschaulich von seiner mühevollen Spurensuche, die unter anderem über Fotovergleiche beim Landeskriminalamt zum überraschenden Anruf aus Paderborn führte: „Im Dezember vergangenen Jahres rief mich Stephan Winzek an und sagte nur: ‚Ihr Bild hängt bei uns an der Wand’“, so Laudien. Dr. Matias Mieth, Direktor der Städtischen Museen Jena, lobte das Erzbistum Paderborn für die zügige Abwicklung der Übergabe: „Seit der Identifizierung des Gemäldes in Paderborn sind nur wenige Wochen vergangen. Und schon morgen ist das Bild in Jena. Das ist alles andere als selbstverständlich.“

Hans-Ulrich Hillermann stellte dar, wie er nach dem Finden des Artikels von Stephan Laudien über Spuren auf der Rückseite des Gemäldes das Bild identifizieren konnte: Der Name des Künstlers, das Entstehungsjahr 1896, der Entstehungsort Jena und der Name „Frau Clärchen R.“ sind dort vermerkt – dank der Recherche von Stephan Laudien wurde aus der identitätslosen „Clärchen R.“ nun die jüdische Kunstmäzenin Clara Rosenthal. Zuvor hatte Prof. Dr. Christoph Stiegemann, der auch die Fachstelle Kunst im Erzbischöflichen Generalvikariat leitet, darüber informiert, dass seit 1987 eine systematische Inventarisierung sämtlicher Kunstgüter im Erzbistum Paderborn erfolge. Nachdem die Kirchen größtenteils inventarisiert seien, seien nun die Bildungshäuser an der Reihe. So auch das Liborianum in Paderborn, wo es zu dem Überraschungsfund gekommen sei. „Das Bild, das hier so viele Jahre hing, schlägt für uns jetzt sozusagen erstmals die Augen auf“, so Prof. Dr. Stiegemann.

Nach der Übergabe des Bildes wird es heute von Paderborn nach Jena transportiert. Dort wird es zunächst in der Ausstellung „Frauenschönheit. Ideal und Wirklichkeit in der Belle Époque“ im Stadtmuseum Jena gezeigt, bevor es seinen endgültigen Platz in der Villa Rosenthal wieder findet. „Die Freude über die ‚Rückkehr’ von Clara Rosenthal ist in Jena so groß, dass die Menschen in Scharen in die Villa strömen werden“, zeigte sich Dr. Caroline Buchartowski, Leiterin der Villa, überzeugt.

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