05/09 - Fachtagung zur Wirkung und Nachhaltigkeit der Dialog- und Gesprächsprozesse der katholischen Kirche

Bei einer Fachtagung der Katholischen Akademie „Die Wolfsburg“ in Kooperation mit der Deutschen Bischofskonferenz und dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) vom 1. bis 2. September 2016 haben sich rund 150 Teilnehmer mit der Wirkung und Nachhaltigkeit der Dialog- und Gesprächsprozesse der katholischen Kirche in Deutschland befasst. Unter dem Leitthema „Kirche und Synode sind Synonyme“ wurde in der „Wolfsburg“ (Mülheim an der Ruhr) darüber diskutiert, wie die Ergebnisse der bisherigen Gesprächsprozesse gesichert, die entstandene Gesprächskultur weiterentwickelt und partizipative Strukturen etabliert werden können. Neben einer Auswertung der Prozesse ging es außerdem um perspektivische Fragen sowie mögliche Änderungen in den Organisationsstrukturen.  

Nachdem verschiedene Erfahrungen über die Prozesse in den einzelnen (Erz-)Bistümern ausgetauscht und diskutiert wurden, befassten sich zwei Gesprächsrunden mit den Themen „Partizipation, Subsidiarität und Synodalität“ sowie „Ekklesiologie und Organisationsentwicklung im Dialog“. Bischof Dr. Franz-Josef Overbeck (Essen), Mitglied der bischöflichen Steuerungsgruppe für die Gesprächsprozesse, betonte in seinem Impulsvortrag, dass seit Jahrzehnten der gesellschaftliche Wandel und die Erosionsprozesse im Bereich des Katholischen, aber auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen wahrgenommen und als Herausforderung für die Kirche gesehen würden. „Wie viel Anpassung an die moderne Welt ist möglich, und wie viel Abgrenzung und Unzeitgemäßes ist nötig, um die katholische Identität im Wandel der Zeit glaubwürdig durchzuhalten?“ Wir befänden uns in einer Situation, so Bischof Overbeck weiter, in der die Gestalt der Kirche und die sie bestimmende Kommunikation die Möglichkeit eines sinnerfüllenden Glaubens für viele nicht mehr attraktiver mache, sondern häufig reduziere. „Die katholische Kirche kann sich in ihrem Traditionsverständnis also entscheiden, einfach – unter anderem – moralische Vorstellungen zu wiederholen und auf immer weniger Gehör zu treffen; sie kann aber auch zu einer lernenden Organisation werden, die Nichtübereinstimmung kommunikativ in sich aufnimmt, sprich: den Widerstreit diskursiv und konstruktiv im Inneren kultiviert und so neue Resonanz und damit Relevanz erzeugt“, hob Bischof Overbeck hervor. „Damit die kirchliche Kommunikation höhere Anschlussfähigkeit erbringt, gilt es, eine Vielfalt von zeitgemäßen Formen, solcherart Darstellung und Aushandlung von Ambivalenz, zu erproben, wie wir es erfolgreich mit den Dialogprozessen getan haben.“      

Für Prof. Dr. Marianne Heimbach-Steins (Sozialethikerin, Universität Münster) ist eine klare Verständigung über Zuständigkeiten und Kompetenzen für eine Synode unverzichtbar: „Synodalität braucht eine klare und transparente Zuständigkeit und Partizipationsregeln, die eine Beteiligung gewährleisten. Das bedeutet eine tiefe geistliche Dimension von Synodalität.“ Beachtet werden müsse grundsätzlich die Kontextualität und das Kontextbewusstsein: „Das heißt, dass die Welt nicht nur von der Kirche, sondern die Kirche auch von der Welt lernen muss.“ Prof. Dr. Michael Böhnke (Dogmatiker, Universität Wuppertal) hält es momentan für unmöglich, eine Synode durchzuführen, und verweist zugleich auf den Verlust, den es für die Kirche bedeuten würde. „Die Synode ist eine liturgische Versammlung – die Bitte um den Heiligen Geist prägt die Liturgie der Synode ganz maßgeblich. Die Synode ist immer auch Ausdruck des suchenden und des fragenden Glaubensaktes – einem Glauben, der Einsicht sucht.“ Glaubensinhalt und Glaubensakt müssten einer tragfähigen Synthese zugeführt werden. Zum Ende betonte Prof. Böhnke, dass die Kirche sich als suchende und fragende Kirche fortbestimmen müsse. Prof. Dr. Thomas Suermann de Nocker (Betriebswissenschaftler und Theologe, FOM Essen) sprach abschließend über strategische Veränderungsprozesse aus wirtschaftlicher Sicht. Er machte deutlich, dass sowohl Führung als auch Partizipation in den Organisationsstrukturen vorhanden sein müssten.  

Bei einer offenen Abendakademie diskutierten Bischof Dr. Gebhard Fürst (Rottenburg-Stuttgart), Prof. Dr. Dr. Thomas Sternberg (Präsident des ZdK), Generalvikar Klaus Pfeffer (Essen) und Prof. Dr. Hans-Joachim Höhn (Universität Köln) über die Leitfrage: „Haben die Gesprächsprozesse die katholische Kirche in Deutschland vorangebracht?“ Die Antwort der Diskutanten sowie des Plenums war ein deutliches Ja. „Es war nicht vergeblich, dass wir miteinander gesprochen haben“, betonte Bischof Fürst. Die Überarbeitung des kirchlichen Arbeitsrechts sei ein Beispiel eines Ergebnisses des Gesprächsprozesses. Gleichzeitig stellte Bischof Fürst die Frage: „Wir müssen als Kirche mit der Botschaft, die wir haben, glaubwürdig sein – doch wie gelingt uns das?“ Prof. Sternberg unterstrich, dass die Gesprächsprozesse eine vertrauensbildende Maßnahme gewesen seien: „Es zählen nun die Argumente, nicht die Person.“ Einig waren sich alle Teilnehmer darin, dass bei solchen Gesprächsprozessen selbstverständlich die „Reizthemen“ diskutiert werden müssen, dabei aber die fundamentalen Fragen, wie z. B. eine grundsätzliche Sprachfähigkeit und die Frage nach dem Stellenwert von Gott in unserem Leben, nicht aus dem Blick geraten dürfen.  

In einem diskursiven Resümee erklärte Bischof Overbeck, dass der Gesprächsprozess der Deutschen Bischofskonferenz, aber auch die unterschiedlichen Prozesse und Initiativen der Bistümer, ganz wesentliche Voraussetzungen waren, um nach der enormen Vertrauenskrise durch das Bekanntwerden der Missbrauchsfälle im Jahr 2010 wieder neues Vertrauen aufzubauen. „Dieses Anheben des ‚Grundwasserspiegels des Vertrauens‘, wie es der damalige Präsident des ZdK, Alois Glück, einmal nannte, war ein zentrales Ergebnis der Prozesse und auch notwendig, um sich dann gemeinsam über den weiteren Weg der Kirche zu verständigen. Auch weiterhin bleibt es unsere Aufgabe, nach Wegen zu suchen, die Partizipation und Leitung in der Kirche zusammenbringen“, so Bischof Overbeck. „Beides ist heute unverzichtbar.“ Prof. Sternberg betonte, dass die Gesprächsprozesse wirklich gelungen sind. „Dennoch müssen wir in ‚unserem Haus‘ weiter aufräumen, damit wir unseren Dienst in der Welt wieder besser leisten können.“ Die Prozesse der Zukunft, forderte Prof. Sternberg, müssen Verbindlichkeit und Konsequenzen haben. „Prozesse ohne Konsequenzen schaden mehr als sie nutzen.“  

Text: dbk