07/05 - Digitalisierung: Den Mensch in den Mittelpunkt stellen

„Digitalisierung beinhaltet zahlreiche Chancen. Sie hat schon jetzt, obgleich sie noch in ihren Anfängen steckt, revolutionäre Kräfte entwickelt: Ein Potential der Veränderung, des Wandels!“ Diese Auffassung hat heute der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, während einer Rede beim MDG.Medienforum „Medienwandel erfolgreich gestalten“ in Fürstenfeldbruck bei München vertreten. Gleichzeitig mahnte er einen medien- und sozialethischen Diskurs über die Folgen, Chancen und Risiken der Digitalisierung an.

Bei der Festveranstaltung aus Anlass des 40-jährigen Bestehens der Medien-Dienstleistung GmbH, die Unternehmensberatung des Verbandes der Diözesen Deutschlands, betonte Kardinal Marx: „Die Frage ist gar nicht mehr, ob die Digitalisierung sich auf unser gesellschaftliches Zusammenleben auswirkt, sondern nur noch: wie? Für mich impliziert die Betrachtung eines solchen Prozesses notwendigerweise immer die Frage nach denjenigen, die am Rand stehen oder an den Rand gedrängt werden. Eröffnet der Prozess, in dem wir uns befinden, Chancen für alle? Wie gehen wir mit den Schwachen um, die aufgrund ihrer Lebensbedingungen oder auch aus eigener Kraft heraus dem digitalen Wandel nicht folgen können oder wollen?“ Diese Aspekte werden sich, so Kardinal Marx, unter anderem auch auf dem Arbeitsmarkt zeigen. Damit wiederum müssten die kritischen Fragen verbunden werden, ob jeder in einem derart dynamischen Markt bestehen könne: „Wem eröffnen sich neue Chancen? Welche wirtschaftlichen und sozialen Folgen bringt die ‚digitale Kluft‘ mit sich? Welche Länder, welche gesellschaftlichen Schichten, welche Altersgruppen werden davon profitieren und welche eben nicht? Was bedeutet dies für den sozialen Frieden und für soziale Gerechtigkeit? Müssen wir die Bedingungen für eine ‚chancengerechte Gesellschaft‘ neu definieren?“, fragte Kardinal Marx.

In diesem Zusammenhang erinnerte er daran, dass es die Kirche sei, die stets betone, dass der Mensch im Zentrum aller Bemühungen um eine chancengerechte Gesellschaft stehen müsse: „Nur vom Menschen her kann es gelingen, Antworten zu suchen und zu finden auf die Herausforderungen unserer Zeit“, hob Kardinal Marx hervor. Die Kirche habe sich seit jeher intensiv mit der Frage beschäftigt, was das Menschsein und den Menschen ausmache. Die katholische Soziallehre betone das besondere Verständnis des Menschen als Person: „Er ist eben nicht nur ein Individuum, nicht nur Objekt, nicht nur Nutzer oder digitale Datenansammlung. Wenn ich jedoch schaue, welche Rolle dem Menschen in den aktuellen Diskussionen im Zuge der Digitalisierung zugestanden wird, sehe ich, dass der Mensch als Person unter Druck gerät. Die Kommerzialisierung sämtlicher menschlicher Lebensvollzüge birgt die Gefahr, den Menschen auf einen eigennützigen ‚User‘ zu reduzieren, der über die von ihm vorhandenen Daten eingeschätzt, bewertet, beurteilt und am Ende vermarktet werden kann“, sagte Kardinal Marx im Gespräch mit Christoph Keese, Executive Vice President der Axel Springer SE und Autor des Buches „Silicon Valley“. Es gehe darum, die Menschen zu befähigen und zu ermutigen, in einer „immer komplexer werdenden Welt, mit den Herausforderungen des gesellschaftlichen Wandels und auch des digitalen Wandels sowie mit einer zunehmenden Unübersichtlichkeit und Unsicherheit frei und verantwortlich umzugehen. Nur so können wir Verantwortung für das eigene Leben, für unsere persönliche Entwicklung und für die Gesellschaft übernehmen.“

Der Vorsitzende der Publizistischen Kommission der Deutschen Bischofskonferenz und Aufsichtsratsvorsitzende der MDG, Bischof Dr. Gebhard Fürst (Rottenburg-Stuttgart), betonte, dass es die Aufgabe von MDG und kirchlicher Medienarbeit sei, „Medien mit Leben zu füllen: Das gelingt uns einerseits als Institution mit aktuellen Nachrichten und qualitätsvollen, journalistisch hochwertigen Beiträgen. Andererseits müssen wir neue Wege einschlagen, wenn wir die noch jungen sozialen Medien mit unserer Botschaft und letztlich mit Leben und dem Geist des Evangeliums füllen wollen“. Um von den Entwicklungen nicht überrollt zu werden, brauchten die verschiedenen kirchlichen Bereiche kompetente Kommunikations- und Medienberatung. Mit Blick auf die MDG würdigte Bischof Fürst, dass sie schnell die Chancen und Auswirkungen des digitalen Wandels auf die kirchliche Öffentlichkeitsarbeit erkannt und ihr Portfolio erweitert habe. „Wenn sich die Kirche nicht mit den immer rascher voranschreitenden Entwicklungen auseinandersetzt, verliert sie an Sprachfähigkeit sowie an Präsenz in der Öffentlichkeit und bei den Menschen“, so Bischof Fürst.

Auf dem Medienforum ermutigte der Geschäftsführer der MDG, Wilfried Günther, dass die Kirche Veränderungen in der Gesellschaft mitgestalten könne: „Es kommt darauf an, was wir Menschen aus den Möglichkeiten der Digitalisierung machen, bevor die künstliche Intelligenz die Regie übernimmt.“ Kirchliche Medienschaffende müssten zügig reagieren und Möglichkeiten nutzen, den digitalen Wandel auch ethisch zu begleiten. Das bedeute nicht, den moralischen Zeigefinger zu heben, aber auf Risiken hinzuweisen und die Verantwortung für gesellschaftliches Mitgestalten nicht aus der Hand zu geben. Die MDG wolle dazu auch künftig ihren Beitrag leisten. Wilfried Günther: „Wir arbeiten als klassische Unternehmensberatung, tragen aber auch dazu bei, dass die katholische Kirche auch zukünftig an Glauben, Religion und Spiritualität interessierte Menschen über zeitgemäße Medien erreicht. Unsere Maxime dabei: Wir geben Hilfe zur Selbsthilfe.“

Hintergrund

Die MDG wurde 1975 gegründet. Zu ihren Kunden gehören konfessionelle Presse- und Buchverlage, Medienhäuser, aber auch Akademien, Bistümer, Orden und andere Unternehmen. Darüber hinaus unterstützt die MDG mit Seminaren, Volontärs- und Traineeprogrammen die Aus- und Weiterbildung von Medienschaffenden und Führungskräften. Weitere Informationen unter www.mdg-online.de.