27/04 - Erklärung von Kardinal Marx zum Tod von Wladyslaw Bartoszewski

Zum Tod von Prof. Dr. Wladyslaw Bartoszewski erklärt der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx:

„Ich hatte das Glück, Wladyslaw Bartoszewski im Laufe der vergangenen Jahre einige Male zu begegnen. Zuletzt sind wir am 1. September 2014, am 75. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkriegs, zu einem längeren Gespräch zusammengekommen. Bartoszewski war an diesem Abend geistig präsent wie eh und je – ein großer Erzähler europäischer Geschichte, die er am eigenen Leib erfahren hatte. Das Lager Auschwitz hat er überlebt und den Warschauer Aufstand, ohne zum hasserfüllten Feind aller Deutschen zu werden. Die nach dem Weltkrieg in Polen herrschenden Kommunisten warfen ihn jahrelang ins Gefängnis und doch konnten sie ihn, den intellektuellen Oppositionellen auch gegen die zweite Gewaltherrschaft, nicht brechen. In allen extremen Widrigkeiten seines Lebens blieb er seinem katholischen Glauben treu – ein Mann des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe.

In den letzten 25 Jahren seines Jahrhundertlebens durfte er dann erfahren, dass die Geschichte Europas auch für ihn und sein polnisches Vaterland mehr zu bieten hatte als die Abfolge ungerechter Herrschaften. Bartoszewski gehörte zu den Gründungsvätern der polnischen Demokratie, wurde Außenminister und war bis zuletzt – 93-jährig! – außenpolitischer Berater des Ministerpräsidenten. Viele internationale Ehrungen wurden ihm nun zuteil, vor allem für sein unermüdliches Bemühen um die Versöhnung zwischen Deutschen und Polen und um ein geeintes freiheitliches Europa, dessen geistige Grundlagen er nie aus dem Blick verlor. Einem neuen Verhältnis zwischen der Kirche in beiden Ländern galt dabei sein besonderes Interesse. So wird der Geist von Wladyslaw Bartoszewski unter uns sein, wenn am kommenden Mittwoch viele polnische Gläubige, unter ihnen eine große Gruppe polnischer Bischöfe und Priester, anlässlich des 70. Jahrestages der Befreiung des KZ Dachau in Deutschland zu Gast sein werden. Mit dem Verstorbenen verlieren wir alle nicht nur einen großen Baumeister und Zeugen der Versöhnung, sondern die deutschen Bischöfe auch einen wunderbaren, stets anregenden und unterhaltsamen Gesprächspartner, dem wir zahlreiche Anregungen für die Gestaltung unserer Beziehungen zu den östlichen Nachbarn verdanken."